In der exegetischen wie auch in der (kirchen-)historischen Literatur wird – gänzlich unhinterfragt – die Ansicht vertreten, daß der im zweiten nachchristlichen Jahrhundert offensichtlich in der römischen Provinz Asia wirkende Theologe Papias das Amt eines Bischofs in der phrygischen Stadt Hierapolis bekleidete.Footnote 1 Wenn dem so ist, folgt daraus, daß, da Papias wohl in der ersten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts lebte und um 130/140 n.Chr.Footnote 2 mit seinem Werk Λογίων κυριακῶν ἐξηγήσεις συγγράμματα πέντεFootnote 3 literarisch in Erscheinung trat,Footnote 4 in den im Westen der römischen Provinz Asia zu lokalisierenden christlichen Gemeinden spätestens im zweiten Viertel des 2. Jh. n.Chr. das Amt des ἐπίσκοπος eine bereits etablierte Institution dargestellt haben muß. In der vorliegenden Studie geht es nun darum, auf der Basis der Informationen, die die antiken – in der Regel christlichen – Quellen zur Person des Papias bieten, zu überprüfen, welcher Grad historischer Wahrscheinlichkeit der Nachricht, daß jener in Hierapolis ein Bischofsamt bekleidete, tatsächlich zukommt. Sollte sich deren historische Zuverlässigkeit erweisen, ließe sich die oben im Blick auf die Entwicklung des Bischofsamtes im Westen der römischen Provinz Asia formulierte Konsequenz zwanglos aufrechterhalten, sollten sich jedoch begründete Zweifel ergeben, fiele die Person des Papias als Beleg für diese Schlußfolgerung aus. Methodisch legt sich dabei folgendes Vorgehen nahe: Die einzelnen Quellen sind in chronologischer Reihenfolge danach zu befragen, welche Informationen sie jeweils über die Person des Papias transportieren und wie historisch haltbar diese Informationen sind.
1. Das Bischofsamt des Papias
1.1 Das Zeugnis des Bischofs Irenaeus von LyonFootnote 5
Das zeitlich früheste Zeugnis über die Person des Papias und dessen Position innerhalb der kirchlichen Landschaft im Westen der römischen Provinz Asia bietet Irenaeus von Lyon; in seinem wohl zwischen 180 und 185 n.Chr. verfaßtenFootnote 6 Werk adv.haer. v 33,4 formuliert er: haec autem et Papias Ioannis auditor, Polycarpi autem contubernalis, vetus homo, per scripturam testimonium perhibet in quarto librorum suorum: sunt enim illi quinque libri conscripti.Footnote 7 Parallel dazu überliefert Eusebius von Caesarea diese Notiz in seiner zwischen 290 und 325 n.Chr. abgefaßtenFootnote 8Historia ecclesiastica, dort im 39. Kapitel des dritten Buches: ταῦτα δὲ καὶ Παπίας ὁ Ἰωάννου μὲν ἀκουστής, Πολυκάρπου δὲ ἑταῖρος γεγονώς, ἀρχαῖος ἀνήρ, ἐγγράφως ἐπιμαρτυρεῖ ἐν τῇ τετάρτῃ τῶν ἑαυτοῦ βιβλίων, ἔστιν γὰρ αὐτῷ πέντε βιβλία συντεταγμένα.Footnote 9
Aus den Einlassungen des Irenaeus lassen sich im Blick auf die Person des Papias folgende Informationen entnehmen: (a) Papias ist dem Apostel Johannes begegnet und hat dessen Predigt bzw. Unterweisung mündlich und damit unmittelbar empfangen; (b) Papias ist nicht nur Zeitgenosse, sondern offensichtlich GefährteFootnote 10 des smyrnäischen Bischofs Polykarpos gewesen; (c) Papias galt Irenaeus als ein Mann aus einer alten Zeit, aus der Zeit der Anfänge des Christentums;Footnote 11 (d) Papias hat ein fünfbändiges Werk verfaßt, dessen Titel Irenaeus allerdings nicht nennt.
Auffällig ist jedoch, daß Irenaeus mit keinem Wort davon spricht, daß Papias das Amt eines Bischofs in der christlichen Gemeinde in Hierapolis versah. Für dieses Faktum lassen sich drei unterschiedliche Erklärungen denken:
(a) Papias übte das Amt des Bischofs von Hierapolis zwar aus, Irenaeus aber blieb diese Tatsache unbekannt, so daß er in seinem Werk Adversus haereses nicht darauf zu sprechen kommt. Gegen diese Erklärungsansatz sprechen jedoch zwei Überlegungen: (1) Der Kirchenvater scheint über Papias immerhin doch so weit informiert zu sein, daß er weiß, daß es sich bei diesem um einen Gefährten des Polykarpos handelt, und er ihn daher als ἑταῖρος Πολυκάρπου charakterisiert. Wieso sollte ihm dann unbekannt geblieben sein, daß dieser ἑταῖρος Πολυκάρπου zugleich auch das Amt eines ἐπίσκοπος im phrygischen Hierapolis bekleidet hat? (2) Dieser Einwand gilt insbesondere angesichts der Tatsache, daß Irenaeus selbst darauf hinweist, daß er als junger Mann, augenscheinlich aus der Provinz Asia stammend, dem mittlerweile offensichtlich greisen smyrnäischen Bischof Polykarpos persönlich begegnet ist:
et Polycarpus autem, non solum ab apostolis edoctus et conversatus cum multis eis qui dominum nostrum viderunt, sed etiam ab apostolis in Asia in ea quae est Smyrnis ecclesia constitutus episcopus, quem et nos vidimus in prima nostra aetate, multum enim perseveravit et valde senex gloriosissime et nobilissime martyrium faciens didicerat, quae et ecclesiae tradidit, et sola sunt vera.Footnote 12
Da Irenaeus als aus der Provinz Asia stammender Christ dem smyrnäischen Bischof Polykarpos zu dessen Lebzeiten noch begegnet ist, erscheint die Vermutung, daß er dann nicht auch davon gehört haben sollte, daß Papias, ein Gefährte eben dieses Polykarpos, zugleich aus als ἐπίσκοπος der christlichen Gemeinde in Hierapolis amtiert hat, umso unwahrscheinlicher.
(b) Papias übte das Bischofsamt in Hierapolis aus, Irenaeus war diese Tatsache auch bekannt, aber er verschwieg sie seinen Lesern. Gegen diese Hypothese spricht, daß sich kein überzeugender Grund nennen läßt, warum Irenaeus diesen Sachverhalt seinen Rezipienten gegenüber unerwähnt gelassen haben sollte. Schließlich vertritt doch gerade der Bischof von Lyon in seinem Kampf gegen – offensichtlich gnostische oder gnostisierendeFootnote 13 – Häretiker die Auffassung, daß allein das in ununterbrochener Sukzession auf die Apostel selbst zurückführbare Bischofsamt die Kontinuität und die Wahrheit der theologischen Grundlage und der Verkündigung einer Gemeinde zu garantieren vermag, ein Ansatz, der etwa in seinen auf die römische Gemeinde bezogenen Ausführungen in adv.haer. iii 3 deutlich wird und ihn dazu veranlaßte, Träger des Amtes eines ἐπίσκοπος auch als solche kenntlich zu machen:Footnote 14
fundantes igitur et instruentes beati apostoli ecclesiam, Lino episcopatum administrandae ecclesiae tradiderunt: huius Lini Paulus in his quae sunt ad Timotheum epistolis meminit. succedit autem ei Anacletus. post eum tertio loco ab apostolis episcopatum sortitur Clemens, qui et vidit apostolos ipsos, et contulit cum eis et cum adhuc insonantem praedicationem apostolorum et traditionem ante oculos haberet, non solus: adhuc enim multi supererant tunc ab apostolis docti … huic autem Clementi succedit Evaristus, et Evaristo Alexander, ac deinceps sextus ab apostolis constitutus est Xystus, et ab hoc Telesiphorus, qui etiam gloriosissime martyrium fecit, ac deinceps Hyginus, post Pius, post quem Anicetus. cum autem successisset Aniceto Soter, nunc duodecimo loco episcopatum ab apostolis habet Eleutherus. hac ordinatione et successione ea quae est ab apostolis in ecclesia traditio et veritatis praeconatio pervenit usque ad nos. et est plenissima haec ostensio, unam et eandem vivificatricem fidem esse quae in ecclesia ab apostolis usque nunc sit conservata et tradita in veritate.Footnote 15
(c) Schließlich: Papias bekleidete das Amt eines Bischofs von Hierapolis zu Lebzeiten nicht; es wurde ihm vielmehr im Zuge frühchristlichen Traditionsbildung beigelegt. Diese These, die aufgrund der bisherigen Überlegungen m.E. die größte Plausibilität für sich hat, gilt es nun im weiteren Fortgang der Untersuchungen zu substantiieren.
1.2 Die Uneinheitlichkeit des altkirchlichen und byzantinischen Zeugnisses
Ein weiteres Indiz zugunsten der Annahme, daß der Person des Papias das Amt eines hierapolitanischen Bischofs im Zuge der frühchristlichen Traditionsbildung beigelegt worden ist, stellt die Tatsache dar, daß keineswegs alle aus der Gruppe der altkirchlichen bzw. byzantinischen Autoren, die Papias zitieren oder über seine Ausführungen referieren, ihm den Titel eines ἐπίσκοπος beilegen.Footnote 16 Nächst Irenaeus ist hier auf den aus dem syrischen Laodicea stammenden, im vierten Jh. n.Chr. wirkenden Theologen ApollinarisFootnote 17 zu verweisen. Im Zusammenhang mit den Tod des Judas betreffenden Erörterungen beruft sich dieser eben auf Papias und formuliert: τοῦτο δὲ σαφέστερον ἱστορεῖ Παπίας ὁ Ἰωάννου μαθητὴς λέγων οὕτως ἐν τῷ τετάρτῳ τῆς ἐξηγήσεως τῶν κυριακῶν λόγων …Footnote 18 An dieser Notiz ist auffällig, daß Apollinaris offensichtlich den Titel des fünfbändigen Werkes des Papias recht genau zu kennen scheint, im Blick auf dessen Person – trotz der zeitlich deutlich früheren Einlassungen des Kirchenvaters EusebiusFootnote 19 – aber nur erwähnt, daß jener ein Schüler des ApostelsFootnote 20 Johannes gewesen ist. Über die Gründe für diesen Sachverhalt läßt sich freilich nur spekulieren: grundsätzlich sind auch hier – wiederum – drei Erklärungen denkbar: (a) Apollinaris verschwieg das Episkopenamt des Papias bewußt; (b) Apollinaris lag keine entsprechende Nachricht über ein etwaiges, von Papias ausgeübtes Bischofsamt vor; (c) Apollinaris war – entgegen der Informationen, die Eusebius bietetFootnote 21 – bekannt, daß Papias dieses Amt gar nicht bekleidet hat.
Auch Andreas von CaesareaFootnote 22 legt Papias keinen Bischofstitel bei, wie die Ausführungen in der praefatio seines Apk-Kommentars belegen:
περὶ μέντοι τοῦ θεοπνεύστου τῆς βιβλίου [sc. τῆς Ἀποκαλύψεως Ἰωάννου] περισσὸν μηκῦναι τὸν λὸγον ἡγούμεθα τῶν μακαρίων Γρηγορίου τοῦ θεολόγου καὶ Κυρίλλου, προσέτι δὲ καὶ τῶν ἀρχαιοτέρων Παπίου Εἰρηναίου Μεθοδίου καὶ Ἱππολύτου ταύτῃ προσμαρτυρούντων τὸ ἀξιόπιστον.Footnote 23
Angesichts der Tatsache, daß hier allerdings auch Irenaeus genannt wird, ohne daß jenem der ἐπίσκοπος-Titel beigelegt wird, mag dies damit erklärt werden, daß Andreas auf solche kirchenamtlichen Titulaturen grundsätzlich verzichtete. Auch der von ca. 610 bis 701 n.Chr. lebende Mönchspriester und Abt Anastasius SinaïtaFootnote 24 bietet in seinen beiden Bezugnahmen auf die Person des Papias den ἐπίσκοπος-Titel nicht, weder in den Anagogicarum contemplationum in Hexaëmeron vi 1:
λαβόντες τὰς ἀφορμάς, εἰ δεῖ φιλαλήθως εἰπεῖν, καὶ συλλαλήσαντες ἐκ Παπίου τοῦ πάνυ τοῦ Ἱεραπολίτου τοῦ τῷ ἐπιστηθίῳ φοιτήσαντος, καὶ Κλήμεντος, καὶ Παντανέτου τῆς Ἀλεξανδρέων ἱερέως, καὶ Ἀμμωνίου τοῦ σοφωτάτου, τῶν ἀρχαίων καὶ πρὸ τῶν συνόδων ἐξηγητῶν εἰς Χριστὸν καὶ τὴν ἐκκλησίαν πᾶσαν τὴν ἑξαήμερον νοησάντων,Footnote 25
noch in den Αnagogicarum contemplationum in Hexaëmeron vii 5:
οἱ μὲν οὖν ἀρχαιότεροι τῶν ἐκκλησιῶν ἐξηγητῶν, λέγω δὴ Φίλων ὁ φιλόσοφος καὶ τῶν ἀποστόλων ὁμόχρονος, καὶ Παπίας ὁ πολὺς ὁ Ἰωάννου τοῦ εὐαγγελιστοῦ φοιτητὴς ὁ Ἱεραπολίτης, Εἰρηναῖος τε ὁ Λουγδουνεύς, καὶ Ἰουστῖνος ὁ μάρτυς καὶ φιλόσοφος, Πάνταινός τε ὁ Ἀλεξανδρείας, καὶ Κλήμης ὁ Στρωματεύς, καὶ οἱ ἀμφ’ αὐτοὺς πνευματικῶς τὰ περὶ παραδείσου ἐθεωρήθησαν εἰς τὴν Χριστοῦ ἐκκλησίαν ἀναφερόμενα, ἐξ ὧν εἰσὶ καὶ οἱ περὶ πάντα πάνσοφοι δύο Καππαδόκαι Γρηγόριοι.Footnote 26
Da aber Anastasius Sinaïta auch den Kirchenvater Irenaeus nicht mit dem Bischofstitel belegt, ist die Annahme naheliegend, daß jener offensichtlich, wie Andreas von Caesarea, diesen Titel – und womöglich auch andere – schlicht nicht verwendet hat.
Von größerem Interesse ist nun aber eine von dem im 9. Jh. n.Chr. wirkenden Lexikographen PhotiusFootnote 27 überlieferte Notiz (Epistolarum liber i 24,21), in der der Lexikograph zwar Irenaeus den Bischofstitel beilegt, Papias aber nicht:
καὶ τὸν ἐν μάρτυσι μέγαν Μεθόδιον, ὃς τοὺς ἀρχιερατικοὺς τοῦ Πατάρων θρόνου ἐπηδαλιούχησεν οἴακας, ἔτι μὴν καὶ Εἰρηναῖον τὸν Λουγδούνων ἐπίσκοπον καὶ Παπίαν τὸν τῆς Ἱεραπόλεως, τὸν μὲν τοῦ μαρτυρίου τὸν στέφανον ἀναδησάμενον, τοὺς δὲ ἄνδρας ὄντας ἀποστολικοὺς καὶ τοῖς τοῦ βίου τρόποις τὸ θαυμάσιον ἐξαστράπτοντας.Footnote 28
Papias wird von Photius lediglich als „aus Hierapolis kommend” bezeichnet, Irenaeus hingegen als „Bischof derer aus Lyon”. Allerdings ist das Zeugnis des Photius deutlich zu spät, um aus diesem historisch relevante Schlüsse im Blick auf die Frage, ob Papias das Amt eines Bischofs in Hierapolis versah, ziehen zu können.
Innerhalb der Darstellung des Αrgumentum Footnote 29secundum Iohannem wird Papias zwar mit der Stadt Hierapolis in Verbindung gebracht, wird darüber hinaus darauf hingewiesen, daß er ein Schüler des Johannes gewesen ist und ein offensichtlich fünfbändiges Werk verfaßt hat, er wird allerdings nicht als Bischof tituliert:
evangelium Iohannis manifestatum et datum est ecclesiis ab Iohanne adhuc in corpore constituto, sicut Papias nomine Hierapolitanus, discipulus Iohannis carus, in exotericisFootnote 30 id est in extremis quinque libris retulit.Footnote 31
Inwieweit das Argumentum secundum Iohannem hier eine historisch zuverlässige Nachricht bewahrt hat, muß freilich fraglich bleiben; immerhin nämlich versteigt es sich im folgenden zu der Behauptung, daß Papias das vierte Evangelium nach dem Diktat des Johannes aufgeschrieben habe, eine Information, die unmittelbar als historisch unzutreffend und dem Momentum des Erweises der Zuverlässigkeit der Überlieferung des Joh geschuldet erkennbar ist: descripsit vero evangelium dictante Iohanne recte.Footnote 32
Als ein letzter Beleg für die Uneinheitlichkeit des altkirchlichen bzw. byzantinischen Zeugnisses hinsichtlich des Bischofsamtes des Papias seien hier die Ausführungen der Catena Patrum Graecorum in Sanctum Iohannem Footnote 33 angeführt; in deren prooemium wird, ähnlich wie in der Darstellung des Argumentum secundum Iohannem berichtet, daß der Hierapolitaner Papias, ein Schüler des Apostels Johannes, das Joh nach dessen Diktat aufgeschrieben habe: ὕστατος γὰρ τούτων Ἰωάννης … κατ’ ἐκεῖνο καιροῦ αἱρέσεων ἀναφυεισῶν δεινῶν ὑπηγόρευσε τὸ εὐαγγέλιον τῷ ἑαυτοῦ μαθητῇ Παπία εὐβιώτῳ τῇ Ἱεραπολίτῃ,Footnote 34 ohne jedoch auf ein mögliches Episkopenamt desselben hinzuweisen. Historisch trägt dieser Beleg freilich nicht viel aus, da in dessen unmittelbarem Kontext auch auf Irenaeus, den Bischof von Lyon, Bezug genommen wird, ohne dessen Bischofsamt zu erwähnen.
Fazit: Die hier diskutierten Belege zeigen, daß der Name und die Person des Papias keinesfalls in der gesamten altkirchlichen und byzantinischen Überlieferung durchgängig mit dem Amt und dem Titel eines ἐπίσκοπος Ἱεραπόλεως verknüpft sind.Footnote 35 Wiewohl dieser Befund, da über die Gründe für die jeweilige Auslassung des ἐπίσκοπος-Titels jeweils nur spekuliert werden kann, für die historische Frage nach der Stellung und der Position der Papias innerhalb der christlichen Gemeinde von Hierapolis zwar einerseits nicht wirklich etwas austrägt, vermag er aber andererseits auch nicht dazu beizutragen, die o. im Rahmen der Diskussion des Zeugnisses des Irenaeus formulierte TheseFootnote 36 auszuschließen. Von besonderem Interesse sind allerdings diejenigen Zeugen, die, wie Apollinaris von Laodicea oder das Argumentum secundum Iohannem, offensichtlich genauer über das literarische Werk des Papias unterrichtet sind, den Hierapolitaner aber dennoch nicht als Bischof titulieren.
1.3 Das Zeugnis des Eusebius von Caesarea
Der erste, der Papias explizit als ἐπίσκοπος von Hierapolis bezeichnet, scheint der im 3./4. Jh. n.Chr. wirkendeFootnote 37 Kirchenvater Eusebius von Caesarea zu sein;Footnote 38 sowohl in seiner „vor 303 [n.Chr.] anzusetzenden”Footnote 39 Chronik, hier in den Ausführungen zum anni Abrahae 2114, als auch in seiner zwischen 290 und 325 n.Chr. verfaßtenFootnote 40Historica ecclesiastica, hier in ii 15,2 und in iii 36,2, spricht Eusebius davon, daß Papias das Amt eines Bischofs von Hierapolis versehen habe.
Allerdings ist, wie eine nähere Analyse zeigt, dieses Zeugnis so eindeutig nicht. In chron. ii (anni Abrahae 2114) nämlich formuliert Eusebius folgendermaßen:
Ἰωάννην τὸν θεολόγον καὶ ἀπόστολον Εἰρηναῖος καὶ ἄλλοι ἱστοροῦσι παραμεῖναι τῷ βίῳ ἕως τῶν χρόνων Τραιανοῦ. μεθ’ ὃν Παππίας Ἱεραπολίτης καὶ Πολύκαρπος Σμύρνης ἐπίσκοπος ἀκουσταὶ αὐτοῦ [d.h. des Apostels Johannes] ἐγνωρίζοντο.Footnote 41
U. H. J. Körtner übersetzt den zweiten Satz dieser Notiz wie folgt: „Nach ihm [d.h. nach Irenaeus von Lyon] machten sich Papias, Bischof von Hierapolis, und Polykarp, Bischof von Smyrna, als seine d.h. des Apostels Johannes] Hörer bekannt.” Dieser Übersetzung widerrät jedoch, daß sie die Stellung des Wortes ἐπίσκοπος einerseits, andererseits die Tatsache, daß der Begriff ἐπίσκοπος hier nur im Singular und nicht im Plural begegnet, zu wenig beachtet. Grammatikalisch weitaus näher liegt es daher, folgendermaßen zu übersetzen: „Nach ihm [d.h. nach Irenaeus von Lyon] machten sich Papias von Hierapolis und Polykarp, Bischof von Smyrna, als seine [d.h. des Apostels Johannes] Hörer bekannt.” Wird die Passage chron. ii (anni Abrahae 2114) so interpretiert, fällt diese als Beleg für die Annahme, der aus Hierapolis stammende Papias sei zugleich auch Bischof der dortigen Gemeinde gewesen, aus; Eusebius habe Papias an dieser Stelle eben gerade nicht als Bischof von Hierapolis, sondern lediglich als einen aus dieser Stadt stammenden Theologen einführen wollen. Nicht verschwiegen werden soll, daß Eusebius mit dieser Kennzeichnung des Papias als eines hierapolitanischen Theologen dem Zeugnis des Irenaeus, dessen Werk er – neben den Schriften anderer, nicht namentlich genannter Autoren – bei der Abfassung der hier diskutierten Ausführungen offensichtlich konsultiert hat, entspricht.Footnote 42
Zwar ist es auf dem Hintergrund der hier formulierten grammatikalischen Einwände wenig wahrscheinlich, aber letzten Endes auch nicht unmöglich, den zweiten Satz der o.cit. Äußerung des Eusebius im von U. H. J. Körtner vorgeschlagenen Sinne zu verstehen, aber wohl doch nur für denjenigen, dem aus anderen Zusammenhängen bereits bekannt ist, daß Papias tatsächlich das Amt des Bischofs von Hierapolis bekleidete. Derjenige, dem dies unbekannt geblieben ist, wird aus chron. ii (anni Abrahae 2114) allein kaum unmittelbar erschließen können, daß Papias das Amt des hierapolitanischen Bischofs versah.
Deutlich eindeutigere Angaben im Blick auf etwaige Ämter des Papias macht Eusebius in hist.eccl. iii 36,1–2, einem der o.cit. Textpassage aus chron. ii (anni Abrahae 2114) inhaltlich durchaus verwandten Abschnitt; in einer sehr gesperrten Formulierung markiert er Papias hier klar erkennbar als Bischof, ohne ihn allerdings unmittelbar als Bischof der hierapolitanischen Gemeinde zu kennzeichnen:
διέπρεπέν γε μὴν κατὰ τούτους ἐπὶ τῆς Ἀσίας τῶν ἀποστόλων ὁμιλητὴς Πολύκαρπος, τῆς κατὰ Σμύρναν ἐκκλησίας πρὸς τῶν αὐτοπτῶν καὶ ὑπηρετῶν τοῦ κυρίου τὴν ἐπισκοπὴν ἐγκεχειρισμένος· (2) καθ’ ὃν ἐγνωρίζετο Παπίας, τῆς ἐν Ἱεραπόλει παροικίας καὶ αὐτὸς ἐπίσκοπος, ὅ τε παρὰ πλείστοις εἰς ἔτι νῦν διαβόητος Ἰγνάτιος, τῆς κατὰ Ἀντιόχειαν Πέτρου διαδοχῆς δεύτερος τὴν ἐπισκοπὴν κεκληρωμένος.Footnote 43
Hist.eccl. iii 36,2 lassen sich auch folgendermaßen übersetzen: „Zu seiner Zeit machte sich auch Papias aus Hierapolis bekannt, selbst auch ein Bischof …”, ordnen das Bischofsamt des Papias also keineswegs völlig eindeutig der Gemeinde von Hierapolis zu.
Die Sperrigkeit der hier vorliegenden Formulierung Παπίας τῆς ἐν Ἱεραπόλει παροικίας καὶ αὐτὸς ἐπίσκοπος wird, wird sie vergleichbaren Äußerungen des Eusebius gegenübergestellt, klar erkennbar; so formuliert der Kirchenvater etwa in hist.eccl. iii 31,2 im Blick auf den ephesischen Bischof Polykrates: Πολυκράτους (τῆς δ’ ἐν Ἐφέσῳ παροικίας ἐπίσκοπος οὗτος ἦν),Footnote 44 in hist.eccl. iv 1,1 bezogen auf den alexandrinischen Bischof Cerdo: ἀμφὶ δὲ τὸ δωδέκατον ἔτος τῆς Τραϊανοῦ βασιλείας ὁ μικρῷ πρόσθεν ἡμῖν τῆς ἐν Ἀλεξανδρείᾳ παροικίας δηλωθεὶς ἐπίσκοπος τὴν ζωὴν μεταλλάττει,Footnote 45 in hist.eccl. iv 13,8 bezogen auf Bischof Melito von Sardeis: Μελίτων τῆς ἐν Σάρδεσιν ἐκκλησίας ἐπίσκοπος,Footnote 46 und in hist.eccl. iv 19,1 im Blick auf den römischen Bischof Aniket: τῆς Ῥωμαίων ἐκκλησίας τὴν ἐπισκοπὴν Ἀνίκητον.Footnote 47 Diese Beispiele, die sich durchaus vermehren ließen, erweisen die in iii 36,2 vorliegende, auf Papias und sein Bischofsamt bezogene Formulierung Παπίας τῆς ἐν Ἱεραπόλει παροικίας καὶ αὐτὸς ἐπίσκοπος, insbesondere die zwischen die Begriffe παροικία und ἐπίσκοπος eingefügte Wendung καὶ αὐτός, – vorsichtig formuliert – als nicht typisch eusebianisch.
Daß Papias der ἐπίσκοπος dieser phrygischen Gemeinde gewesen ist, erfährt der Leser bei Eusebius explizit augenscheinlich nur in hist.eccl. ii 15,2; hier charakterisiert der Kirchenvater jenen eindeutig und unzweifelhaft als ὁ Ἱεραπολίτης ἐπίσκοπος,Footnote 48 wobei aber auch die hier vorliegende Formulierung – καὶ ὁ Ἱεραπολίτης ἐπίσκοπος ὀνόματι Παπίας – zumindest grammatikalisch nicht korrekt ist, da der in dieser verwendete Begriff Ἱεραπολίτης nicht den Genitiv Singular des Städtenamens Ἱεράπολις darstellt, sondern eigentlich – im Nominativ Singular – einen Einwohner der Stadt Hierapolis bezeichnet,Footnote 49 ein Umstand, der insbesondere dann auffällt, wenn berücksichtigt wird, daß alle anderen (griechischen) altkirchlichen und byzantinischen Zeugen das hierapolitanische Bischofsamt des Papias mit der Wendung Ἱεραπόλεως ἐπίσκοπος beschreiben.Footnote 50 Auch Eusebius selbst formuliert, wenn er auf den Bischof einer Gemeinde in einer bestimmten Stadt Bezug nehmen will, in der Regel anders: Entweder spricht er vom ἐπίσκοπος der Gemeinde der Einwohner einer Stadt, so etwa im Inhaltsverzeichnis zu hist.eccl. ii – ὡς μετὰ Μάρκον πρῶτος ἐπίσκοπος τῆς Ἀλεξανδρέων ἐκκλησίας Ἀννιανὸς κατέστηFootnote 51 – oder auch im Blick auf den römischen Bischof Clemens in hist.eccl. iii 4,9 – ἀλλὰ καὶ ὁ Κλήμης, τῆς Ῥωμαίων καὶ αὐτὸς ἐκκλησίας τρίτος ἐπίσκοπος καταστάςFootnote 52 – oder er bezieht den ἐπίσκοπος-Titel auf die im Plural genannten Mitglieder der christlichen Gemeinde einer Stadt, so etwa in hist.eccl. ii 1,3 – ἀλλὰ Ἰάκωβον τὸν δίκαιον ἐπίσκοπον τῶν Ἱεροσολύμων ἑλέσθαιFootnote 53 –, in hist.eccl. ii 25,6 – οὐδὲν δὲ ἧττον καὶ ἐκκλησιαστικὸς ἀνήρ, Γάϊος ὄνομα, κατὰ Ζεφυρῖνον Ῥωμαίων γεγονὼς ἐπίσκοπονFootnote 54 –, in hist.eccl. ii 25,8 – Κορινθίων ἐπίσκοπος ΔιονύσιοςFootnote 55 – oder auch im Inhaltsverzeichnis zu hist.eccl. iii – ὅπως Συμεὼν ὁ ἐν Ἱεροσολύμοις ἐπίσκοπος ἐμαρτύρησεν.Footnote 56
Die Frage ist nun, wie sich die in hist.eccl. iii 36,2, aber auch in hist.eccl. ii 15,2 sichtbar werdenden sprachlichen Auffälligkeiten erklären lassen. Eine denkbare Erklärung wäre die Annahme, daß Eusebius selbst oder aber ein späterer Redaktor im Zuge einer Überarbeitung der von ihm verfaßten Historia ecclesiastica Footnote 57 die das Bischofsamt des Papias betreffenden Angaben nachträglich in den bereits bestehenden Text eingetragen habe. Hist.eccl. iii 36,2 hätten dann vor der ergänzenden Einfügung gelautet:
καθ’ ὃν ἐγνωρίζετο Παπίας, τῆς ἐν Ἱεραπόλει παροικίας, ὅ τε παρὰ πλείστοις εἰς ἔτι νῦν διαβόητος Ἰγνάτιος, τῆς κατὰ Ἀντιόχειαν Πέτρου διαδοχῆς δεύτερος τὴν ἐπισκοπὴν κεκληρωμένος, hist.eccl. ii 15,2 entsprechend: καὶ ὁ Ἱεραπολίτης ὀνόματι Παπίας.
Die Annahme einer erst nacheusebianischen Einfügung der Angaben über das Bischofsamt des Papias wird durch folgende Überlegungen gestützt, Überlegungen, die zugleich auch der Annahme einer eusebianischen Herkunft derselben widerraten:
(a) In den nach eigenem Zeugnis zeitlich früher als die Historia ecclesiastica verfaßten χρονικοὶ κανόνεςFootnote 58 bringt der Kirchenvater die Person des Papias noch nicht mit dem hierapolitanischen Bischofsamt in Verbindung.Footnote 59
(b) In hist.eccl. iii 39,12–13 bezeichnet Eusebius den Hierapolitaner – angesichts seiner chiliastischen AuffassungenFootnote 60 – als „geistig sehr beschränkt” – ἃ καὶ ἡγοῦμαι τὰς ἀποστολικὰς παρεκδεξάμενον διηγήσεις ὑπολαβεῖν, τὰ ἐν ὑποδείγμασι πρὸς αὐτῶν μυστικῶς εἰρημένα μὴ συνεορακότα. (13) σφόδρα γάρ τοι σμικρὸς ὣν τὸν νοῦν, ὡς ἂν ἐκ τῶν αὐτοῦ λόγων τεκμηράμενον εἰπεῖν, φαίνεταιFootnote 61 –, eine Charakterisierung, die sich kaum zur Deckung bringen läßt mit der Hochschätzung des Bischofsamtes und der einzelnen Amtsinhaber als derjenigen, die Eusebius zufolge für die Wahrheit, die Kontinuität und die Stabilität der christlichen Verkündigung von Christus und den Aposteln an verantwortlich zeichneten:
τὰς τῶν ἱερῶν ἀποστόλων διαδοχὰς σὺν καὶ τοῖς ἀπὸ τοῦ σωτῆρος ἡμῶν καὶ εἰς ἡμᾶς διηνυσμένοις χρόνοις, ὅσα τε καὶ πηλίκα πραγματευθῆναι κατὰ τὴν ἐκκλησιαστικὴν ἱστορίαν λέγεται, καὶ ὅσοι ταύτης διαπρεπῶς ἐν ταῖς μάλιστα ἐπισημοτάταις παροικίαις ἡγήσαντό τε καὶ προέστησαν, ὅσοι τε κατὰ γενεὰν ἑκάστην ἀγράφως ἢ καὶ διὰ συγγραμμάτων τὸν θεῖον ἐπρέσβευσαν λόγον, τίνες τε καὶ ὅσοι καὶ ὁπηνίκα νεωτεροποιίας ἱμέρῳ πλάνης εἰς ἔσχατον ἐλάσαντες, ψευδωνύμου γνώσεως εἰσηγητὰς ἑαυτοὺς ἀνακεκηρύχασιν, ἀφειδῶς οἷα λύκοι βαρεῖς τὴν Χριστοῦ ποίμνην ἐπεντρίβοντες (hist.eccl. i 1,1).Footnote 62
Die in hist.eccl. iii 39,12–3 formulierte Einschätzung der intellektuellen Fähigkeiten des Papias läßt jenen eher als einen Häretiker denn als einen – von den Aposteln oder unmittelbar von Christus – mit der Führung einer Gemeinde beauftragten und somit für die Aufrechterhaltung der rechten Lehre verantwortlichen Kirchenmann erscheinen,Footnote 63 in keinem Falle jedoch als einen ἐπίσκοπος, der die ihm überlieferte christliche Verkündigung intellektuell zu durchdringen und gegen häretische Verwässerung abzusichern weiß.
(c) Innerhalb der von Eusebius in seiner Historia ecclesiastica überlieferten Angaben des Papias zu seiner eigenen Person findet sich keinerlei Hinweis darauf, daß er selbst sich als ἐπίσκοπος der Gemeinde von Hierapolis bezeichnet hätte.
Wird die Annahme einer sekundären, nacheusebianischen Einfügung der Angaben über das papianische Episkopenamt probehalber einmal konzediert, dann kann die Möglichkeit nicht (mehr) ausgeschlossen werden, daß der entsprechende nacheusebianische Redaktor seine Angaben über das Bischofsamt des Papias nicht unmittelbar aus ihm zur Verfügung stehenden – mündlichen oder schriftlichen – Quellen geschöpft, sondern aufgrund der ihm vorliegenden Informationen über den Hierapolitaner erst sekundär erschlossen hat. Läßt sich ein Weg zu einer solchen sekundären Erschließung des Bischofstitels des Papias aufzeigen? Auf diese Frage sind zunächst zwei Antworten möglich, die beide mit dem Hinweis des Irenaeus von Lyon zusammenhängen, der Papias in seinen Darlegungen als ἑταῖρος Πολυκάρπου bzw. Polycarpi contubernalis Footnote 64 bezeichnet:
(a) Wird dieser Begriff im Sinne von „pupil, disciple”Footnote 65 verstanden, konnte aus der Angabe des Irenaeus geschlossen werden, daß es sich bei Papias um einen Schüler des Polykarpos, des Bischofs von Smyrna, handelte, der sich von diesem unterrichten ließ, um selbst später ein Bischofsamt ausüben zu können.Footnote 66 Da nun der nacheusebianische Redaktor in der eusebianischen hist.eccl. darüber hinaus die Information vorfand, daß jener Papias aus Hierapolis stammte – eine Information, die über das fünfbändige Werk desselben, das den Titel Λογίων κυριακῶν ἐξηγήσεις trug und dem Kirchenvater offensichtlich vorlag,Footnote 67 auf Eusebius gekommen sein mag – konnte er, beide Hinweise kombinierend, mühelos gleichsam zu der Auffassung gelangen, daß Papias zugleich auch das Amt eines Bischofs von Hierapolis bekleidete.
Die gleiche Schlußfolgerung ergibt sich, wird der Begriff ἑταῖρος hier verstanden als Hinweis auf die „gemeinsame Verbundenheit (des Papias und des Polykarpos) mit ein und demselben Lehrer”.Footnote 68 Da sowohl Polykarpos als auch Papias Schüler des Apostels Johannes gewesen sind, legt sich zumal angesichts der schon bei Irenaeus nachlesbaren Information, daß Polykarpos in Smyrna als Bischof wirkte,Footnote 69 die Schlußfolgerung nahe, daß Papias in Hierapolis das gleiche tat.
(b) Wird der Begriff ἑταῖρος im Sinne von „Unterbeamter” oder „Kollege” verstanden – eine Interpretationsmöglichkeit, die die Ausführungen des Josephus in ant. xi 100–1 nahelegen:Footnote 70 καὶ τὴν εἰς ταῦτα δαπάνην ἐκ τῶν τοῦ βασιλέως γίνεσθαι διετάξατο, καὶ τὰ σκεύη, ἃ συλήσας Ναβουχοδονόσορος εἰς Βαβυλῶνα ἐκόμισεν, ἀποδοθῆναι τοῖς Ἱεροσολυμίταις, (101) τὴν δὲ ἐπιμέλειαν τούτων εἶναι Ἀναβασσάρου τοῦ ἐπάρχου καὶ τῆς Συρίας τε καὶ Φοινίκης ἡγεμόνος καὶ τῶν ἑταίρων αὐτοῦ, ὅπως αὐτοὶ μὲν ἀφέξονται τοῦ τόπου, τοῖς δὲ δούλοις τοῦ θεοῦ Ἰουδαίοις τε καὶ ἡγεμόσιν αὐτῶν ἐπιτρέψουσιν οἰκοδομηθῆναι τὸν ναόνFootnote 71 – so ergibt sich nicht zuletzt aufgrund der Ausführungen des Irenaeus in adv.haer. – diese scheinen, zumal dann, wenn sie im 4. Jh. n.Chr. gelesen werden, durchaus zu suggerieren, daß Polykarpos in der Provinz Asia die Position eines MetropolitenFootnote 72 einnahmFootnote 73 – zwanglos die Schlußfolgerung, daß Papias als ἑταῖρος/contubernalis des Polykarpos unter diesem als seinem Metropoliten als Ἱεραπόλεως ἐπίσκοπος amtiert hat.
(c) Ein dritter Weg zu einer von einem nacheusebianischen Redaktor vorgenommenen sekundären Herleitung des Bischofstitels des Papias kann sich – wiederum zwanglos – aus der von Irenaeus gebotenen Information ergeben, daß Papias offensichtlich ein Ἰωάννου ἀκουστής, also ein Hörer des Apostels Johannes gewesen ist; diese Eigenschaft qualifiziert Papias in jedem Falle für die Übernahme eines Bischofsamtes, da die von ihm später dann eigenständig verkündigte Botschaft somit schließlich mit derjenigen eines Apostels übereinstimmt oder doch zumindest übereinstimmen sollte, letzten Endes also gewissermaßen eine apostolische Sukzession vorliegt. Da Papias aus Hierapolis stammt, legt sich dann die Schlußfolgerung nahe, diesen als Bischof der hierapolitischen Gemeinde auftreten zu lassen.
Fazit: Das Zeugnis des Eusebius über das hierapolitanische Bischofsamt des Papias schließt die Möglichkeit, daß der Kirchenvater diese Information nicht in ihm mündlich oder schriftlich vorliegenden primären Quellen vorgefunden hat, nicht nur nicht aus, sondern läßt es vielmehr durchaus wahrscheinlich erscheinen, daß ein nacheusebianischer Redaktor diese Information aus ihm vorliegenden Nachrichten über die Person des Papias erschlossen und sekundär in den Text der Historia ecclesiastica eingefügt hat. Der Kirchenvater selbst wußte – wahrscheinlich – wie auch der Bischof Irenaeus von Lyon nichts von Papias als einem Ἱεραπόλεως ἐπίσκοπος. Die späteren, nacheusebianischen Zeugnisse über die hierapolitanische ἐπίσκοπή des Papias erklären sich dann als Reflex auf die in der überarbeiteten Historia ecclesiastica vorliegenden entsprechenden Angaben.
2. Folgerungen
Ohne hier eine Entscheidung für oder gegen die historische Zuverlässigkeit des eusebianischen Zeugnisses hinsichtlich des hierapolitanischen Bischofsamtes des Papias formulieren zu können und zu wollen, ergibt sich aus dem Gesagten allerdings zunächst mit Notwendigkeit, daß die Person des Papias nicht mehr als Beleg für die Annahme, daß sich in den im Westen der römischen Provinz Asia zu lokalisierenden Gemeinden die Institution eines ortsgemeindlichen ἐπίσκοπος bereits im zweiten Viertel des 2. Jh. n.Chr. verfestigt habe, in Anspruch genommen werden kann.Footnote 74 Zumindest mittelbar ergeben sich aus dieser Erkenntnis darüber hinaus auch Folgen im Blick auf die Diskussion der Datierung sowohl der Pastoralbriefe als auch des Corpus Ignatianum, kommt doch in diesen beiden mit den christlichen Gemeinden im Westen der römischen Provinz Asia in Verbindung zu bringenden CorporaFootnote 75 der Person und dem Amt des ἐπίσκοπος eine zentrale Bedeutung zu. Fallen die Person und das Amt des Papias als Beleg für eine im zweiten Viertel des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts im Westen der Provinz Asia bereits verfestigte Implementierung episkopal-hierarchischer Strukturen auf der Ebene der Ortsgemeinde aus, so steht derselbe einer möglichen Spätdatierung sowohl der PastFootnote 76 als auch der IgnFootnote 77 nicht mehr entgegen. Zugleich läßt sich nicht mehr mit Gewißheit auf die Person und das Amt des Papias rekurrieren, wenn es darum geht, die Geschichte der Entwicklung des kirchlichen Amtes in ihrem frühesten Stadium nachzuzeichnen.