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Woher rühren die stabilen Meinungsunterschiede zwischen der deutsch- und der englischsprachigen Bibelwissenschaft? Eine theologiegeschichtliche und wissenschaftssoziologische Antwort am Beispiel der Echtheitsdiskussion zum 2. Thessalonicherbrief

Published online by Cambridge University Press:  04 September 2026

Armin D. Baum*
Affiliation:
Department of New Testament, Freie Theologische Hochschule, Giessen, Germany Department of New Testament, Evangelical Theological Faculty, Leuven, Belgium.
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German abstract

Während die große Mehrheit der deutschsprachigen Exegetinnen und Exegeten den 2. Thessalonicherbrief als nachpaulinisch betrachtet, hält ihn eine ebenso große Mehrheit der englischsprachigen Fachleute für paulinisch. Wie konnte sich in einer historischen Frage, die alle Forscher anhand derselben Evidenz bearbeiten, ein so starker Dissens herausbilden? Warum verläuft dieser Dissens ziemlich genau entlang einer Sprachgrenze? Und warum haben die echtheitskritischen Urteile der deutsch- und der englischsprachigen Forschung sich einander nicht im Laufe der Zeit angenähert? Um diese Fragen zu beantworten, ist es zwar unverzichtbar, die einleitungswissenschaftliche Diskussion der letzten 200 Jahre zur Verfasserschaft des 2. Thessalonicherbriefs zu rekapitulieren; die forschungsgeschichtliche Nachzeichnung historischer Entwicklungen führt jedoch lediglich zu einer Teilantwort. Die Beantwortung der Frage nach den Ursachen für den stabilen Dissens erfordert eine interdisziplinäre Perspektive, die nicht nur die hermeneutische Neuorientierung der römisch-katholischen Theologie im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils berücksichtigt, sondern vor allem auch Erkenntnisse aus der Wissenschaftssoziologie. Die Hauptthesen der etablierten Analysemodelle von Ludwik Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache) und Thomas Kuhn (The Structure of Scientific Revolutions), die auf ihrer Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen basieren, gelten auch für die Bibelwissenschaften. Auch die bibelwissenschaftliche Forschung ist kein zweipoliges Geschehen zwischen den Fachleuten und ihrem Untersuchungsgegenstand, sondern wird durch deren wissenschaftliches Umfeld mitbestimmt. Mit anderen Worten: Englischsprachige Exegetinnen und Exegeten gehen nicht nur dahin, ‘wohin die Evidenz sie führt’, sondern auch dahin, wohin die Forschergemeinschaft sie führt, der sie angehören. Dasselbe gilt mit umgekehrten Vorzeichen für ihre deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen. Im Idealfall verschafft ein verstärktes Bewusstsein für die sozialen Zusammenhänge, die auch auf jeden deutsch- und englischsprachigen Bibelwissenschaftler einwirken, den historischen und exegetischen Argumenten im internationalen Dialog mehr Gewicht.

Abstract

Abstract

While the great majority of German-speaking exegetes regard 2 Thessalonians as post-Pauline, an equally large majority of English-speaking exegetes consider it to be Pauline. How could such a profound divergence of opinion arise in a historical inquiry that is conducted by researchers utilising the same historical evidence? Why does this disagreement run along a language boundary? Why have so few German- and English-language scholars been convinced, respectively, by the arguments of the opposing scholarly community? While a focused overview of the scholarly debate on the authorship of 2 Thessalonians over the past two centuries is indispensable, it cannot by itself yield satisfactory answers to these questions. They demand an interdisciplinary perspective that considers not only the influence of the hermeneutical reorientation of Roman Catholic theology in the wake of Vatican II, but also and most notably insights from the sociology of scientific knowledge. The main tenets of the well-established analytical models of Ludwik Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache) and Thomas Kuhn (The Structure of Scientific Revolutions), based on their assessment of research in the hard sciences, also apply to biblical studies. Scholarly judgements are not a purely binary process between exegetes and the objects of their investigations; they are strongly influenced by the scholarly environment in which they work. Exegetes go not only ‘where the evidence leads them’, but also where the research community to which they belong leads them. Ideally, a heightened awareness of the social contexts that affect the judgements of biblical scholars can lend greater weight to historical and exegetical arguments in international dialogue.

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Type
Articles
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© The Author(s), 2026. Published by Cambridge University Press.
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Tabelle 1. Deutschsprachige Einleitungen ins Neue Testament bzw. die PaulusbriefeTabelle 1 long description.

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Tabelle 2. Deutschsprachige Kommentare zum 2. ThessalonicherbriefTabelle 2 long description.

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Tabelle 3. Englischsprachige Einleitungen ins Neue Testament bzw. die Paulusbriefe

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Tabelle 4. Englischsprachige Kommentare zum 2. Thessalonicherbrief