Einleitung
In der internationalen Bibelwissenschaft bestehen zu einer Reihe grundlegender Fragen auffällige Meinungsunterschiede. Besonders auffällig ist ein einleitungswissenschaftlicher Dissens zur Verfasserschaft des 2. Thessalonicherbriefs. Der amerikanische Neutestamentler Raymond Brown konstatierte vor über 25 Jahren: ‘Scholars are almost evenly divided on whether Paul wrote it.’Footnote 1 Diese Einschätzung ist nach wie vor gültig, beschreibt die Forschungslandschaft aber nicht differenziert genug. Denn sie macht eine sprachliche Wasserscheide unsichtbar und trifft weder für die deutsch- noch für die englischsprachige Exegese zu. Während der 2. Thessalonicherbrief bei der großen Mehrheit deutschsprachiger Exegetinnen und Exegeten als nachpaulinisch gilt, wird er von einer genauso großen Mehrheit englischsprachiger Fachleute für paulinisch gehalten.
Vergleichbare Meinungsverschiedenheiten bestehen auch zu anderen Paulusbriefen. Während der Kolosserbrief von einer breiten Mehrheit deutschsprachiger Fachleute als nachpaulinisch angesehen wird, trifft dies nur für etwa 20% der englischsprachigen Fachleute zu.Footnote 2 Ein ähnlich stabiler internationaler Dissens besteht im Blick auf andere bibelwissenschaftliche Fragen. Während deutschsprachige Exegeten mehrheitlich die Landschaftshypothese vertreten und die Briefempfänger des Galaterbriefs im Norden der Provinz Galatien vermuten, neigen englischsprachige Exegeten mehrheitlich zur Provinzhypothese und suchen die Briefempfänger im Süden der Provinz Galatien.Footnote 3 Während die deutschsprachige Forschung 1 Thess 2,14–16 ‘mit allen Mitteln’ als ursprünglichen Bestandteil des Briefes zu deuten sucht, wird die Perikope in der englischsprachigen Forschung eher als Interpolation eingeordnet.Footnote 4 Während das Syntagma πίστις Χριστοῦ in der deutschsprachigen Paulusforschung ‘nur vereinzelt’ als Genitivus subjectivus gedeutet wird, besteht über diese Deutung ‘in der angelsächsischen Forschung ein weitgehender Konsens’.Footnote 5 In der Pentateuchforschung divergieren die in Israel, Europa und Nordamerika vertretenen Positionen stark voneinander.Footnote 6 Weitere Forschungsgebiete ließen sich ergänzen.
Nicht nur Studentinnen und Studenten fragen danach, wie sich die zweigeteilte Forschungslandschaft zum 2. Thessalonicherbrief erklären lässt. Wie konnte sich in einer historischen Frage, die alle Forscher anhand derselben Evidenz bearbeiten, ein so starker Dissens herausbilden? Warum verläuft dieser Dissens ziemlich genau entlang einer Sprachgrenze? Und warum haben sich die echtheitskritischen Urteile der deutsch- und der englischsprachigen Forschung einander nicht im Laufe der Zeit angenähert? Diese berechtigten Fragen fordern deutsch- und englischsprachige Exegeten dazu heraus, sich zur Selbstreflexion auf eine Metaebene zu begeben, um ihre eigenen echtheitskritischen Urteile besser zu verstehen.
Auf der Suche nach möglichst belastbaren Antworten, ist es unerlässlich, zunächst (in Abschnitt 1) unter einem spezifischen Blickwinkel die einleitungswissenschaftliche Diskussion der letzten 200 Jahre zur Verfasserschaft des 2. Thessalonicherbriefs zu rekapitulieren: Wann und warum haben sich die Mehrheitsverhältnisse in der deutschsprachigen Echtheitskritik verschoben? Welche Funktion erfüllten dabei unterschiedliche Gattungen der wissenschaftlichen Literatur? Wie unterscheidet sich die englischsprachige Echtheitskritik von der deutschsprachigen? Und wo wird der stabile Dissens zwischen der deutsch- und der englischsprachigen Echtheitskritik gar nicht wahrgenommen?
Eine forschungsgeschichtliche Nachzeichnung historischer Entwicklungen führt jedoch lediglich zu einer Teilantwort. Die Frage nach den Ursachen für den stabilen Dissens lässt sich meines Erachtens nur interdisziplinär beantworten, indem die Forschungsgeschichte sowohl in ihrem theologiegeschichtlichen Kontext (Abschnitt 2) als auch aus wissenschaftssoziologischer Perspektive (Abschnitt 3) analysiert wird. Da vor allem ein wissenschaftssoziologischer Zugang in der exegetischen Fachliteratur bisher allenfalls andeutungsweise gewählt worden ist, werde ich ihn ausführlicher entfalten.
1. Ein doppelter echtheitskritischer Dissens
1.1 Die ältere deutschsprachige Echtheitskritik bis ca. 1970
1.1.1 Die Anfänge der Echtheitskritik (1801/04)
Die echtheitskritische Diskussion zum 2. Thessalonicherbrief begann Anfang des 19. Jahrhunderts mit zwei Publikationen von Johann Ernst Christian Schmidt (1772–1831).Footnote 7 Im Jahr 1796 hatte Schmidt den 2. Thessalonicherbrief noch ohne Einschränkung als Werk des Paulus behandelt.Footnote 8 Seine wenige Jahre später (1801) in aller Kürze vorgetragenen Einwände gegen den 2. Thessalonicherbrief bezogen sich fast ausschließlich auf den Inhalt des zweiten Kapitels: Wenn beide Briefe von Paulus wären, bliebe es rätselhaft, ‘warum er in dem [einen] Briefe die Erscheinung Christi als nahe beschrieb (1 Thess 4.15–17), in dem andern aber davor warnte, sie nicht als nahe zu erwarten (2 Thess 2.1–2)’.Footnote 9 Außerdem finde sich zu den in 2 Thess 2 enthaltenen ‘Träumereyen über den Antichrist nichts von Ferne nur Ähnelndes in allen paulinischen Schriften.’Footnote 10 Allerdings müsse man nicht den ganzen Brief als unpaulinisch einstufen. Es reiche aus, 2 Thess 2.1–12 als montanistische Interpolation zu betrachten, die im 2. Jahrhundert in einen echten Paulusbrief an die Thessalonicher eingefügt wurde.Footnote 11
In seiner bald nach seinen ‘Vermuthungen’ erschienenen Historisch-kritischen Einleitung schrieb Schmidt 1804 die beiden Thessalonicherbriefe weiterhin dem Paulus zu und ordnete sie chronologisch nach dem Galaterbrief und vor den beiden Korintherbriefen ein.Footnote 12 Seine 1801 publizierten Beobachtungen zum 2. Thessalonicherbrief wiederholte er lediglich in Frageform, stellte jetzt aber nicht mehr nur die Echtheit des zweiten Kapitels, sondern des ganzen Briefes in Frage – ohne jedoch ein echtheitskritisches Urteil zu fällen.Footnote 13 Diese Zurückhaltung behielt Schmidt auch 1818 in der 2. Auflage seiner Einleitung bei.
1.1.2 Die ersten zustimmenden Reaktionen
Die von Schmidt gestellten Anfragen stießen zunächst auf wenig Sympathie. Aufgegriffen wurde sein echtheitskritisches Anliegen erst knapp vier Jahrzehnte später von Friedrich Heinrich Kern (1790–1842). Im Unterschied zu Schmidt stellte Kern die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs 1839 nicht nur vorsichtig in Frage, sondern erklärte ihn mit voller Überzeugung für unpaulinisch. Auch er stützte sich in seinem echtheitskritischen Urteil vornehmlich auf den Inhalt des zweiten Kapitels. Sein Hauptargument lautete, im 2. Thessalonicherbrief werde der Sturz Neros im Jahr 68 n.Chr. vorausgesetzt. Aufgrund dieses Anachronismus müsse der Brief nachpaulinisch sein. Kern datierte ihn in die Jahre 68–70 n.Chr., unmittelbar vor der Zerstörung Jerusalems und des Tempels.Footnote 14
Kerns drei kurze Zusatzargumente lauteten: Paulus selbst hätte im Schlussgruß (2 Thess 3.17) eines angeblich so frühen Briefes unmöglich darauf verweisen können, dass er ‘jeden Brief’ mit einer eigenhändigen Grußunterschrift versehen habe. Gegen die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs spreche außerdem ‘seine gesuchte Nachbildung des ersten Briefes’. Zudem weise der Stil des Briefs eine Reihe nachpaulinischer Formulierungen auf.Footnote 15 Damit waren die Hauptargumente, die bis heute gegen die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs vorgebracht werden, in ihren Umrissen vorhanden.
Auch Ferdinand Christian Baur bestritt in seinem Paulusbuch 1845 die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs, ebenfalls aufgrund des zweiten Kapitels. Er hielt die apokalyptische Vorstellung von der Wiederkunft Christi in 2 Thess 2 für unpaulinisch, denn man müsse sich sehr hüten, dem Apostel Paulus ‘mehr Jüdisches zuzuschreiben, als mit entscheidenden Gründen nachgewiesen werden kann’.Footnote 16 Außerdem widerspreche die Eschatologie in 2 Thess 2.1–12 nicht nur der Naherwartung in 1 Thess 4.15–17, sondern auch der Naherwartung in 1 Kor 15.52.Footnote 17
1.1.3 Die Mehrheitsverhältnisse bis ca. 1900
Viele Anhänger gewannen die Argumente von Schmidt, Kern und Baur nicht. Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten die echtheitskritischen Einwände gegen den 2. Thessalonicherbrief keine breite Wirkung entfalten.
Nicht nur Georg Konrad Gottlieb Lünemann in seinem 1850 veröffentlichten KEK-Kommentar, sondern auch August Bisping (1858), Johann Christian Konrad von Hofmann (1862), Aloys Schaefer (1890), Paul Wilhelm Schmiedel (1891), Wilhelm Bornemann (1894) und Franz Seraph Gutjahr (1900) und Gustav Wohlenberg (1903) hielten in ihren Kommentaren an der paulinischen Abfassung des 2. Thessalonicherbriefs fest. Kommentare, die den Brief als nachpaulinisch einstuften, erschienen im 19. Jahrhundert nicht.
Auch die beiden einleitungswissenschaftlichen Antipoden Adolf JülicherFootnote 18 und Theodor ZahnFootnote 19 waren sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein einig, dass der 2. Thessalonicherbrief von Paulus stamme.
1.1.4 Die erneute Infragestellung der Mehrheitsmeinung
Einspruch gegen das übereinstimmende Urteil von Bornemann, Jülicher, Zahn und vielen anderen erhob zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben Heinrich Julius HoltzmannFootnote 20 vor allem William Wrede in seiner bis heute einflussreichen Monografie zum 2. Thessalonicherbrief. Den schon von Schmidt erhobenen Einwand, seine Eschatologie sei mit der des ersten Briefs unvereinbar, vermochte Wrede nicht zu teilen. Auch das bereits von Kern angeführte Argument, 2 Thess 2 setze den Sturz Neros voraus, hielt er für widerlegt.Footnote 21 Seinem Kapitel über den Stil des 2. Thessalonicherbriefs stellte er die Bemerkung voran, man könne ‘aus den sprachlichen Besonderheiten, die uns hier begegnen, an sich nichts Sicheres und Unanfechtbares gewinnen’.Footnote 22 Als ausschlaggebendes Hauptargument gegen die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs identifizierte Wrede das literarische Verhältnis zwischen den beiden Thessalonicherbriefen: ‘Unter allen echten Paulusbriefen … kommt ein ähnliches Verwandtschaftsverhältnis nicht zum zweiten Male vor.’Footnote 23
1.1.5 Die Mehrheitsverhältnisse bis ca. 1970
In den folgenden Jahrzehnten fand Wredes gründliche Untersuchung keine breite Zustimmung. Bis Ende der 1960er Jahre sprach sich in der deutschsprachigen Exegese eine klare Mehrheit der Fachleute für die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs aus. Einer der wenigen Exegeten, die in dieser Phase für eine pseudepigraphe Abfassung des Briefes plädierten, war Herbert Braun.Footnote 24
Bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus erschienen zahlreiche Einleitungen, in denen der 2. Thessalonicherbrief als Werk des Paulus behandelt wurde: von Paul Feine (1913), Johannes Behm (19368), Walter Michaelis (1946), Alfred Wikenhauser (1953), Werner Georg Kümmel (196312) und Oskar Cullmann (1963). Für die Unechtheit votierten lediglich Adolf Jülicher in der zusammen mit Erich Fascher verfassten 7. Auflage (1931) und Willi Marxsen (1963).
Noch größer war die Einigkeit in den wissenschaftlichen Kommentaren von Ernst von Dobschütz (19097), Martin Dibelius (1911), Josef Knabenbauer (1913), Alphons Steinmann (1918), Albrecht Oepke (1933), Heinrich Molitor (1937), Gerhard Puttkammer (1938), Georg Helbig (1939), Karl Staab (1950) und Werner de Boor (1960). Bis in die 1970er Jahre dürfte kein deutschsprachiger Kommentar erschienen sein, der den 2. Thessalonicherbrief als Pseudepigraphon behandelte.Footnote 25
In den meisten Fällen werden diese Mehrheitsverhältnisse in der älteren Echtheitskritik am 2. Thessalonicherbrief sorgfältig und ausgewogen dargestellt. Vereinzelt weist die Fachliteratur jedoch auch Fehlurteile auf. So behauptete Willi Marxsen 1982 in seinem Kommentar, dass ‘die ganz seltenen Versuche Späterer, Wrede zu widerlegen, kaum jemanden überzeugt haben’.Footnote 26 Diese Aussage ist unzutreffend. Wredes Argumente konnten sich bis etwa 1970 weder unter den Verfassern der ntl. Einleitungen noch unter denen der wissenschaftlichen Kommentare durchsetzen. Eine Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse vollzog sich erst ab etwa 1970.
1.2 Die jüngere deutschsprachige Echtheitskritik seit ca. 1970
1.2.1 Der Umschwung der römisch-katholischen Echtheitskritik
Ausführlich bestritten wurde die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs 1972 von dem katholischen Exegeten Wolfang Trilling, der in seiner Monografie die von Wrede verwendeten Argumente verstärkte und einige von Wrede als unzureichend eingestufte Argumente rehabilitierte.
Im Anschluss an Wrede hielt Trilling das literarische Verhältnis zwischen den beiden Briefen für ‘das wichtigste Indiz und die sicherste Basis’ für die Entscheidung der Echtheitsfrage, auch wenn es allein nicht ausreiche, den 2. Thessalonicherbrief als unecht zu erweisen.Footnote 27
In seiner Stilanalyse gelangte Trilling im Unterschied zu Wrede zu einem negativen Ergebnis. Der Stil des 2. Thessalonicherbriefs habe ‘so viele Verschiedenheiten gegenüber dem paulinischen Stil und so viele Charakteristika, dass er als eigener und selbständiger Stil angesehen werden muss’.Footnote 28
Einen inhaltlichen Widerspruch zwischen der Eschatologie der beiden Thessalonicherbriefe konnte Trilling nicht erkennen. Aufgrund der starken ‘theologischen Verformung’ der paulinischen Theologie im 2. Thessalonicherbrief war Trilling über Wrede hinaus jedoch der Überzeugung, dass ‘der Abstand zwischen 2 Thess und Paulus im ganzen größer als der zwischen den Pastoralbriefen und dem Apostel ist’.Footnote 29 Allerdings hielt Trilling keines seiner echtheitskritischen Einzelargumente allein für hinreichend, ‘sondern nur die Summe mehrerer Argumente’.Footnote 30
Seit der Monografie von Trilling veränderten sich in der deutschsprachigen Echtheitsdiskussion zum 2. Thessalonicherbrief die Mehrheitsverhältnisse. Erst jetzt gewann auch die bereits 1903 erschienene Monografie von Wrede an Überzeugungskraft.
1.2.2 Die Diskussion in Aufsätzen und Monografien
An den nach 1970 erschienenen Aufsätzen und Monografien zum Thema lässt sich diese Verschiebung jedoch nicht klar ablesen. Ihre Autorinnen und Autoren kamen weiterhin zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Der ebenfalls katholische Neutestamentler Michael Ernst hielt 1998 in seiner Habilitationsschrift den Stilvergleich für ausschlaggebend.Footnote 31
Der protestantische Exeget Fritz Röcker stimmte in aller Vorsicht dem Urteil von Karl-Wilhelm NiebuhrFootnote 32 zu, dass die eschatologischen Unterschiede zwischen den beiden Briefen durch ihre unterschiedlichen Abfassungssituationen bedingt waren und nicht gegen die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs sprechen.Footnote 33
Der klassische Philologe Günther Schwab überprüfte im Rahmen seiner echtheitskritischen Untersuchungen zu den Paulusbriefen auch die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs. Dagegen sprechen seines Erachtens die Parallelen zum ersten Brief, die Klischeehaftigkeit seiner Angaben zu den Personen und ihren Umständen, die Dürftigkeit der eschatologischen Ausführungen sowie die Schwächen der exegetischen Argumente zugunsten einer paulinischen Abfassung.Footnote 34
Die innovative These der katholischen Exegetin Maria-Irma Seewann lautete, dass die in den Thessalonicherbriefen verwendeten Begriffe ‘Parusie’, ‘Tag des Herrn’, ‘Epiphanie’ usw. nicht von der Wiederkunft Christi und dem Jüngsten Tag handeln, sondern von einer besonderen Gotteserfahrung in der Gegenwart. Werde 2 Thess 2 so interpretiert, bestehe keine Spannungen zu anderen paulinischen Texten und ‘die Frage der Zuordnung zu den übrigen paulinischen Briefen’ sei neu zu stellen.Footnote 35
1.2.3 Die veränderten Mehrheitsverhältnisse in den Einleitungswerken
Deutlicher als in den erwähnten Monografien sind die veränderten Mehrheitsverhältnisse in den wissenschaftlichen Einleitungen ins NT zu erkennen. Nach dem Standardwerk von Werner Georg Kümmel wird nur noch in einigen wenigen deutschsprachigen Einleitungswerken (von Erich Mauerhofer, Karl-Wilhelm Niebuhr, Karl Jaroš und zuletzt Jacob Thiessen) die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs vertreten. Besonders deutlich ist der Meinungswechsel an der 1953 von Alfred Wikenhauser begonnenen Einleitung zu beobachten, in der sich 1973 aufgrund des Einflusses seines Mitautors Josef Schmid die Einstufung des 2. Thessalonicherbriefs änderte. In den folgenden Tabellen habe ich die römisch-katholischen Exegeten durch einen Asterisk gekennzeichnet (siehe unten Tabelle 1).
Deutschsprachige Einleitungen ins Neue Testament bzw. die Paulusbriefe

Tabelle 1 Long description
The table has two main columns: ′2 Thess ist literarisch echt′ and ′2 Thess ist literarisch unecht′. It is divided into two sections: ′bis ca. 1970′ and ′seit ca. 1970′. In the ′bis ca. 1970′ section: - Under ′2 Thess ist literarisch echt′: J. G. Eichhorn (1812), W. M. L. de Wette (1826/1830), H. E. F. Guericke (1828), F. Schleiermacher (1829), A. Julicher (1894), Th. Zahn (1897), P. Feine (1913), P. Feine/J. Behm (1936), W. Michaelis (1946), A. Wikenhauser (1953), Feine/Behm/W. G. Kummel (1963), O. Cullmann (1968). - Under ′2 Thess ist literarisch unecht′: A. Julicher/E. Fascher (1931), W. Marxsen (1963). In the ′seit ca. 1970′ section: - Under ′2 Thess ist literarisch echt′: E. Mauerhofer (1995), K.-W. Niebuhr (2000), K. Jaros (2008), J. Thiessen (2024). - Under ′2 Thess ist literarisch unecht′: E. Lohse (1972), A. Wikenhauser/J. Schmid (1973), H. M. Schenke (1975), P. Vielhauer (1975), H. Koester (1980), U. Schnelle (1994), I. Broer (2001), G. Theissen (2002), P. Pokorny/U. Heckel (2007), M. Ebner/S. Schreiber (2008), I. Broer/H.-U. Weidemann (2013).
1.2.4 Die veränderten Mehrheitsverhältnisse in den Kommentaren
Noch auffälliger ist der Meinungsumschwung in den wissenschaftlichen Kommentaren. Während bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts kein Kommentar zum 2. Thessalonicherbrief erschienen sein dürfte, der ihn als pseudepigraph behandelte (s.o.), interpretieren ihn die deutschsprachigen Kommentatorinnen und Kommentatoren seit Anfang der 1970er Jahre fast ausnahmslos als pseudepigraphes Schreiben. Dies gilt unabhängig davon, ob sie der römisch-katholischen Kirche angehören oder nicht.
Eine Ausnahme stellt der 2014 erschienene Kommentar von Norbert Baumert und Maria-Irma Seewann dar. Ihres Erachtens ist der 2. Thessalonicherbrief ein ‘vermutlich echter Paulusbrief’Footnote 36 , den der Apostel ‘vermutlich einige wenige Monate nach dem Gründungsaufenthalt und dem ersten Thessalonicherbrief’ verfasst habe.Footnote 37 In ihrer echtheitskritischen Diskussion lehnen sie sich stark an die englischsprachige Exegese an.Footnote 38 Echtheitskritisch relevant ist vor allem die neue Deutung von 1 Thess 4.13–18, derzufolge Paulus an dieser Stelle keine Naherwartung vertrat, sodass keine Spannung zu 2 Thess 2.1–12 bestehe (siehe unten Tabelle 2).Footnote 39
Deutschsprachige Kommentare zum 2. Thessalonicherbrief

Tabelle 2 Long description
Columns: 2 Thess ist literarisch echt; 2 Thess ist literarisch unecht. The table is split into two time sections labeled, bis ca. 1970 and ab ca. 1970. The entries are names followed by series abbreviations and a year in parentheses. Bis ca. 1970: Entries appear under 2 Thess ist literarisch echt, with 18 listed items and no listed items under 2 Thess ist literarisch unecht. Row 1: G. Lunemann, KEK (1850). Row 2: A. Bisping asterisk (1858). Row 3: J. C. K. von Hofmann (1862). Row 4: A. Schaefer asterisk (1890). Row 5: P. W. Schmiedel, HC (1891). Row 6: W. Bornemann, KEK (1894). Row 7: F. S. Gutjahr asterisk (1900). Row 8: G. Wohlenberg, KNT (1903). Row 9: E. von Dobschutz, KEK (1909 superscript 7). Row 10: M. Dibelius, HNT (1911). Row 11: J. Knabenbauer asterisk (1913). Row 12: A. Steinmann asterisk (1918). Row 13: A. Oepke, NTD (1933). Row 14: H. Molitor asterisk (1937). Row 15: G. Puttkammer (1938). Row 16: G. Helbig (1939). Row 17: K. Staab asterisk, RNT (1950). Row 18: W. de Boor (1960). Ab ca. 1970: Entries appear under 2 Thess ist literarisch unecht, with 11 listed items and one listed item under 2 Thess ist literarisch echt. Row 1: G. Friedrich, NTD (1976 superscript 14). Row 2: W. Trilling asterisk, EKK (1980). Row 3: W. Marxsen, ZBK (1982). Row 4: R. Pesch asterisk (1984). Row 5: E. Reinmuth, NTD (1998). Row 6: P.-G. Muller asterisk, RNT (2001). Row 7: C. M. Kreinecker asterisk, PKNT (2010). Row 8: N. Baumert asterisk slash M.-I. Seewann asterisk (2014). Row 9: H. Roose, BNT (2016). Row 10: S. Schreiber asterisk, OTK (2017). Row 11: R. Hoppe asterisk (2019). Row 12: T. Nicklas asterisk, KEK (2019).
1.2.5 Eine zeitliche Wasserscheide
Der in den Einleitungswerken und Kommentaren zu beobachtende einschneidende Wandel, der sich seit ca. 1970 in der deutschsprachigen Echtheitskritik am 2. Thessalonicherbrief vollzogen hat, lässt sich auch anhand der diesbezüglichen Einträge in den großen theologischen Lexika nachvollziehen. Nachdem im katholischen Lexikon für Theologie und Kirche 1938 Friedrich Wilhelm Maier und 1965 Béda Rigaux für die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs votiert hatten,Footnote 40 stufte Thomas Söding ihn 2000 als pseudepigraph ein.Footnote 41 Im protestantischen Lexikon Die Religion in Geschichte und Gegenwart ordnete Wilhelm Bousset den 2. Thessalonicherbrief 1913 nur zögernd den echten Paulusbriefen zu.Footnote 42 Nachdem 1931 Paul Feine und 1962 Bo Reicke ihn bestimmter als paulinisch anerkannt hatten,Footnote 43 behandelte Margaret Mitchell ihn 2005 als sicher unpaulinisch.Footnote 44 Auffällig ist, dass der 2. Thessalonicherbrief in der Theologischen Realenzyklopädie von Traugott Holtz gegen die deutschsprachige Mehrheitsmeinung dem Paulus zugeschrieben wurde.Footnote 45
Dieser eindeutige Befund, dass man den 2. Thessalonicherbrief in der jüngeren deutschsprachigen Exegese mehrheitlich für nachpaulinisch hält, wird in der englischsprachigen Fachliteratur gelegentlich zu Unrecht bestritten. Der australische Theologe Brian Wright behauptete in einer 2017 veröffentlichten Monografie: ‘there is a common misconception that the scholarly consensus concerning 2 Thessalonians is that it is non-Pauline … In fact, the prevailing view across both English and German works … is still that it is a genuine Pauline letter.’Footnote 46
1.3 Die englischsprachige Echtheitskritik
In der englischsprachigen Exegese hat sich die echtheitskritische Mehrheitsmeinung zum 2. Thessalonicherbrief zu keinem Zeitpunkt verändert. Daher entstand nach 1970 ein stabiler Dissens zwischen der englisch- und der deutschsprachigen Exegese.
1.3.1 Die Diskussion in Aufsätzen und Monografien
Fast zeitgleich mit der einflussreichen Monografie von William Wrede (1903) behandelte der britische Theologe und Mathematiker Edward Harrison Askwith 1902 auf nahezu 150 Seiten alle relevanten Echtheitsargumente zum 2. Thessalonicherbrief: die eschatologischen Aussagen in 2 Thess 2, den Stil, die Parallelen zwischen den Briefen, die Aussagen in 2 Thess 2.2 und 3.17 sowie die Rezeption des 2. Thessalonicherbriefs bei den Apostolischen Vätern. Sein eindeutiges Gesamturteil lautete im Unterschied zu Wrede, die Einwände gegen die literarische Echtheit des Briefes seien nicht durchschlagend.Footnote 47
Seit 1970 erschienen neben manchen englischsprachigen Untersuchungen, die die paulinische Herkunft des 2. Thessalonicherbriefs bestätigten, auch Aufsätze und Monografien von John Bailey (1979), Raymond Collins (1988), Glenn Holland (1988), Charles Giblin (1990), Eduard Verhoef (1997) und Paul Foster (2012), die den Brief als pseudepigraph einstuften. Zudem wurde 2018 Wredes Monografie aus dem Jahr 1903 ins Englische übersetzt,Footnote 48 um seinen Argumenten im englischsprachigen Raum mehr Einfluss zu verschaffen.
Auf die im englischen Sprachraum wachsende Zahl an Forschern, die die literarische Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs in Frage stellten, reagierte Daniel MacDougall mit seiner 2016 veröffentlichen Dissertation. Er unterzog die echtheitskritischen Argumente zu den frühesten Kirchenväterzeugnissen, dem theologischen Inhalt und den Stileigentümlichkeiten des Briefs erneut einer gründlichen Prüfung und bewertete ihn als paulinisch.Footnote 49
1.3.2 Die Mehrheitsverhältnisse in den Einleitungen
Wesentlich einheitlicher sind die Mehrheitsverhältnisse in den englischsprachigen Einleitungswerken. Lediglich Burton Mack (1995), Bart Ehrman (1997) und Eugene Boring (2012) konnten sich dem breiten Konsens in den Lehrbüchern ihrer ntl. Fachkollegen nicht anschließen. Eine Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse hat bisher nicht stattgefunden (siehe unten Tabelle 3).
Englischsprachige Einleitungen ins Neue Testament bzw. die Paulusbriefe

1.3.3 Die Mehrheitsverhältnisse in den Kommentaren
Dasselbe gilt für die englischsprachigen Kommentare zum 2. Thessalonicherbrief, deren Gesamtzahl so groß ist, dass ich mich in der folgenden Tabelle auf eine Auswahl der wichtigsten beschränkt habe. Erst seit etwa 30 Jahren haben einige englischsprachige Kommentatoren (Maarten Menken, Earl Richard, Victor Paul Furnish und Eugene Boring) den 2. Thessalonicherbrief als nachpaulinischen Text interpretiert. Eine Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse hat auch in dieser Literaturgattung nicht stattgefunden (siehe unten Tabelle 4).
Englischsprachige Kommentare zum 2. Thessalonicherbrief

1.3.4 Eine sprachliche Wasserscheide
Wie dieser Befund zeigt, ist die von Brown vorgenommene Einschätzung, der 2. Thessalonicherbrief werde von etwa der Hälfte der Exegetinnen und Exegeten für paulinisch und von der anderen Hälfte für unpaulinisch gehalten (s.o.), nicht falsch, aber zu ungenau. Präziser ist für die jüngere Forschungsgeschichte die Angabe von Stefan Schreiber, dass in der deutschsprachigen Exegese die Bestreitung der Echtheit überwiegt, während in der englischsprachigen Forschung die Annahme der Echtheit dominiert.Footnote 50 Das ergab auch die Befragung, die Paul Foster 2011 unter den Teilnehmern der British New Testament Conference in Nottingham durchgeführt hat. Von 111 befragten Teilnehmern hielten den 2. Thessalonicherbrief 63 für paulinisch, 13 für unpaulinisch und 35 waren sich unsicher.Footnote 51
In der deutschsprachigen Fachliteratur werden die Mehrheitsverhältnisse in der englischsprachigen Echtheitskritik allerdings gelegentlich unzutreffend dargestellt. Paul-Gerhard Müller vertrat 2001 in seinem Kommentar die Ansicht, dass ‘inzwischen die weitaus große Mehrheit der internationalen und interkonfessionellen Exegese die Hypothese einer Pseudepigraphie des 2 Thess favorisiert und vertritt’.Footnote 52 Diese Einschätzung äußerte Müller, obwohl die Bibliografie seines Kommentars auch viele internationale und vor allem englischsprachige Kommentare verzeichnet, deren Autoren den 2. Thessalonicherbrief für paulinisch halten.Footnote 53
Auch im Kommentar von Christina Kreinecker hieß es 2010, es werde ‘in der neueren Forschung zunehmend von Pseudepigraphie ausgegangen’.Footnote 54 Dieses Urteil steht ebenfalls in Spannung zu der Tatsache, dass von den in Kreineckers Bibliografie aufgelisteten ‘Kommentaren zum 2. Thessalonicherbrief’ mehr als die Hälfte englischsprachig ist und von der Authentizität des Briefes ausgeht.Footnote 55
Solche Fehleinschätzungen können jedoch auch englischsprachigen Forschern unterlaufen. So notierte Edgar Krentz in einem Beitrag für das Anchor Bible Dictionary, dass ‘most contemporary scholars no longer argue for Pauline authorship’.Footnote 56 Und Neil Richardson schrieb in seiner Dissertation: ‘I simply assume the deutero-Pauline authorship of 2 Thessalonians, Colossians and Ephesians and the Pastorals. Such an assumption is based on a wide consensus in New Testament scholarship.’Footnote 57
Um die Frage beantworten zu können, warum es in der Echtheitskritik am 2. Thessalonicherbrief zu diesem doppelten Dissens zwischen der älteren und der jüngeren deutschsprachigen Forschung sowie zwischen der deutsch- und der englischsprachigen Exegese kam, muss der historische Überblick (in Abschnitt 2) um eine theologiegeschichtliche und vor allem (in Abschnitt 3) um eine wissenschaftssoziologische Perspektive erweitert werden.
2. Der echtheitskritische Dissens in seinem theologiegeschichtlichen Kontext
2.1 Die hermeneutische Öffnung der römisch-katholischen Bibelwissenschaft
Bis Ende der 1960er Jahre wurde von keinem katholischen Theologen in Frage gestellt, dass der 2. Thessalonicherbrief von Paulus stammt. Dies änderte sich erst mehr als 150 Jahre nach dem Beginn der Echtheitsdiskussion Anfang des 19. Jahrhunderts. Die entscheidende Voraussetzung für eine Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse in der deutschsprachigen Echtheitskritik am 2. Thessalonicherbrief schuf ein theologischer Wandel in der römisch-katholischen Kirche.
Als Grund dafür, dass katholische Exegeten den 2. Thessalonicherbrief bis Ende der 60er Jahre geschlossen als literarisch echt anerkannten, hat Paul-Gerhard Müller die Vorgaben der Päpstlichen Bibelkommission identifiziert: ‘Den kath[olischen] Bibelwissenschaftlern war bis zum II. Vatikanischen Konzil 1965 ohnehin durch die autoritäre Entscheidung der Päpstlichen Bibelkommission vom 18. Juni 1915 kein Spielraum in dieser Frage möglich, sie mussten an der Echtheit des 2 Thess unter Androhung des Lehrverbots festhalten.’Footnote 58
2.1.1 Die Dekrete der Päpstlichen Bibelkommission (1905–15)
In den Antworten, die die Päpstliche Bibelkommission am 18. Juni 1915 auf Fragen zum Thema ‘Die zweite Ankunft Christi in den Paulinischen Briefen’ gegeben hat, wurde die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs jedoch nicht direkt angesprochen. Ausdrücklich hat sich die Bibelkommission darin lediglich zu inhaltlichen Fragen geäußert: ob die Apostel in ihren Briefen stellenweise nur ‘eigene menschliche Auffassung’ vertreten haben, ob die Lehre des Paulus über die Parusie ‘vollkommen im Einklang’ mit der Verkündigung Christi stand und ob Paulus in 1 Thess 4.15 mit einer Wiederkunft Jesu zu seinen Lebzeiten gerechnet hat.Footnote 59
Allerdings hat die Bibelkommission in den 14 Dekreten, die sie zwischen 1905 und 1915 zu bibelwissenschaftlichen Fragen veröffentlichte, Verfasserschaftsfragen regelmäßig im Sinne der Tradition entschieden: zum Pentateuch (am 27. Juni 1906), zu den Psalmen (am 1. Mai 1910), zum Buch Jesaja (am 29. Juni 1908), zum Matthäusevangelium (am 19. Juni 1911), zum Markus- und Lukasevangelium (am 26. Juni 1912), zum vierten Evangelium (am 29. Mai 1907), zur Apostelgeschichte (am 12. Juni 1913), zum Hebräerbrief (am 24. Juni 2014) und zu den Pastoralbriefen (ebenfalls am 12. Juni 1913).
Im Blick auf die Abfassung der Pastoralbriefe wurden alle Katholiken (einschließlich der katholischen Theologen) auf die Überzeugung verpflichtet, dass diese drei Briefe nicht ‘zu einer späteren Zeit von unbekannten Verfassern’ geschrieben wurden, sondern ‘vom Apostel selbst verfasst’ worden sind. Einwände ‘aufgrund des Stils und der Sprache des Verfassers’ seien nicht akzeptabel.Footnote 60 In diesem Kontext dürfte es für katholische Exegeten nahegelegen haben, auch die Tatsache, dass im Dekret zur Parusie die paulinische Herkunft des 2. Thessalonicherbriefs wie selbstverständlich vorausgesetzt wurde, als verbindliche Vorgabe zu betrachten.
2.1.2 Der Einfluss des Zweiten Vatikanums (1962–65)
Die Dekrete der Päpstlichen Bibelkommission blieben über ein halbes Jahrhundert lang gültig. Forschungsfreiheit in einleitungswissenschaftlichen Fragen entwickelte sich in der römisch-katholischen Kirche erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65), und zwar dadurch, dass Papst Paul IV. 1967 den Antimodernisteneid abschaffte und damit auch die Dekrete der Bibelkommission ihre Bedeutung verloren.Footnote 61
Der erste katholische Bibelwissenschaftler, der die literarische Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs bestritt, dürfte Gerhard Dautzenberg gewesen sein, der auf diese Frage im Rahmen eines Aufsatzes zu sprechen kam.Footnote 62 Ihm folgte 1972 Wolfgang Trilling mit seiner einflussreichen Monografie (siehe oben 1.2.1)
2.2 Zwei Eigenarten der englischsprachigen Bibelwissenschaft
Dass die deutsch- und die englischsprachige Echtheitskritik zum 2. Thessalonicherbrief ab ca. 1970 getrennte Wege gingen, könnte teilweise daher rühren, dass Trillings einflussreiche Monografie nie und Wredes grundlegende Untersuchung erst mit fast einem Jahrhundert Verspätung ins Englische übersetzt wurde. Es ist aber keineswegs sicher, dass zeitnahe Übersetzungen dieser beiden Untersuchungen in der englischen Bibelwissenschaft einen analogen Umschwung herbeigeführt hätten. Weiter führen Erklärungen, die zwei Besonderheiten der englischsprachigen Exegese berücksichtigen.
2.2.1 Ein stärkerer Einfluss theologischer Voraussetzungen
Man könnte vermuten, dass sich das bis heute andauernde Festhalten der englischsprachigen Exegese an der paulinischen Herkunft des 2. Thessalonicherbriefs ähnlich erklären lässt wie das positive Echtheitsurteil der katholischen Exegese bis Ende der 1960er Jahre: durch eine theologische Vorgabe, die keine abweichenden Urteile zulässt. Möglicherweise ist die englischsprachige Mehrheitsmeinung zur Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs dem Einfluss eines bestimmten evangelikalen oder pentekostalen Schriftverständnisses geschuldet, das eine pseudepigraphe Abfassung des 2. Thessalonicherbriefs prinzipiell ausschließt.
Diese These kann den breiten englischsprachigen Konsens zugunsten der Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs jedoch nur teilweise erklären. Denn einige der einflussreichsten evangelikalen Exegeten (etwa F. F. Bruce und Howard Marshall) hielten durchaus andere neutestamentliche Paulinen wie die Pastoralbriefe für literarisch unecht,Footnote 63 so dass ihre Einstufung des 2. Thessalonicherbriefs nicht durch ein prinzipielles ‘Pseudepigraphieverbot’ motiviert gewesen sein kann. Vor allem halten auch zahlreiche englischsprachige Exegeten, die nicht dem evangelikalen oder pentekostalen Spektrum zuzurechnen sind (etwa Luke Timothy Johnson, Abraham Malherbe, Bruce Metzger, Bo Reicke und John Robinson), den 2. Thessalonicherbrief für paulinisch. Eine größere Bedeutung könnte daher einem anderen Faktor zukommen.
2.2.2 Ein geringerer Einfluss des Zweiten Vatikanums
Dass das Zweite Vatikanum in der deutschsprachigen Bibelwissenschaft eine so große Wirkung entfaltete, dürfte primär damit zusammenhängen, dass die Zahl deutscher Katholikinnen und Katholiken zur Zeit des Zweiten Vatikanums etwa gleich groß war wie die Zahl deutscher Protestantinnen und Protestanten. Von den ca. 61 Millionen Bundesbürgern gehörten 1970 ca. 28 Millionen (46%) der Evangelischen und 27 Millionen (44%) der Katholischen Kirche an.Footnote 64 Aus diesem Grund war auch die Zahl der deutschsprachigen Neutestamentler, die der römisch-katholischen Kirchen angehörten, beträchtlich und ihr Einfluss auf die ntl. Echtheitskritik erheblich.
In Großbritannien gaben im Jahr 1970 rund drei Fünftel (62%) der Bevölkerung an, der Church of England anzugehören. Der römisch-katholischen Kirche gehörten zum gleichen Zeitpunkt nur ein Zehntel (10%) der Bevölkerung an.Footnote 65 Entsprechend gering war die Zahl römisch-katholischer Neutestamentler und entsprechend begrenzt ihr Einfluss auf die Echtheitskritik an den Paulusbriefen. Diese Zahlen- und Kräfteverhältnisse haben sich auch auf die echtheitskritischen Urteile zum 2. Thessalonicherbrief ausgewirkt.
3. Der echtheitskritische Dissens aus wissenschaftssoziologischer Sicht
Auf eine mindestens ebenso wichtige Ursache der stabilen Meinungsunterschiede zur literarischen Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs hat Stefan Schreiber in einer kurzen Bemerkung hingewiesen: Die unterschiedlichen Mehrheitsverhältnisse spiegeln ‘die Abhängigkeit des einzelnen Forschers und der einzelnen Forscherin von persönlichen und wissenschaftssoziologischen Voraussetzungen’.Footnote 66 Diese knappe Andeutung möchte ich anhand von zwei Grundlagenwerken der Wissenschaftssoziologie entfalten, um mit ihrer Hilfe den internationalen echtheitskritischen Dissens zum 2. Thessalonicherbrief zu deuten.
Dabei ist zu beachten, dass die von mir herangezogenen Soziologen ihre Theorien zur Wissenschaftsentwicklung anhand naturwissenschaftlicher Disziplinen entwickelt haben, in denen sich Mehrheitsverhältnisse leichter herausbilden als in den Geisteswissenschaften.Footnote 67 Die von mir befragten Soziologen waren dennoch ausdrücklich der Meinung, dass die von ihnen entdeckten Regelmäßigkeiten auch für geisteswissenschaftliche Fächer gültig sind (s.u. 3.2.1). Seit den 1960er Jahren sind ihre wissenschaftssoziologischen Erkenntnisse auch auf die Literatur- und Kulturwissenschaften bezogen worden.Footnote 68 Im Folgenden wird sich zeigen, dass sich auch die Bibelwissenschaft in mehrfacher Hinsicht analog zu naturwissenschaftlichen Disziplinen entwickelt hat.
3.1 Der Einfluss wissenschaftlicher ‘Denkkollektive’
3.1.1 Naturwissenschaftliche Denkkollektive
Den Einfluss der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der der einzelne Forscher angehört, hat bereits der polnische Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck (1896–1961) in seinem Hauptwerk über die Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache herausgearbeitet. Er unterzog den wissenschaftlichen Erkenntnisvorgang vor allem in der medizinischen und mikrobiologischen Forschung einer soziologischen Betrachtungsweise. Sein Buch war ein wichtiger Vorläufer des wissenschaftssoziologischen Standardwerks über Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen von Thomas Kuhn (siehe unten 3.5.1), wurde aber erst aufgrund der Wirkung, die Kuhns Hauptwerk ab den 1960er Jahren entfaltet, breiter rezipiert.Footnote 69
Nach Fleck darf wissenschaftliches Erkennen nicht nur als zweipoliges Geschehen zwischen dem erkennenden Subjekt und dem Objekt seines Erkennens verstanden werden. Der einzelne Wissenschaftler sei keineswegs ‘eine Art Eroberer vom Typus Julius Cäsars, der nach der Formel veni-vidi-vici seine Schlachten gewinnt’.Footnote 70 Alles wissenschaftliche Erkennen sei ein Ergebnis sozialer Tätigkeit. Der zweipolige Satz ‘jemand erkennt etwas’ sei aus wissenschaftssoziologischer Perspektive unvollständig und müsse um einen Zusatz erweitert werden: Jedes Erkennen eines Sachverhalts geschieht ‘in einem bestimmten Denkkollektiv’.Footnote 71
3.1.2 Bibelwissenschaftliche Denkkollektive
Auch jeder Bibelwissenschaftler und jede Bibelwissenschaftlerin gehört einem Denkkollektiv bzw. einer Forschungsgemeinschaft an. Denkkollektive können nicht nur durch eine gemeinsame konfessionelle Zugehörigkeit (siehe oben 2.1), sondern auch durch die gemeinsame Muttersprache bedingt sein. Dies zeigt der Verlauf der Forschungsgeschichte zum 2. Thessalonicherbrief. Während deutschsprachige Exegeten ihre Ergebnisse in aller Regel als Angehörige einer deutschsprachigen Forschungsgemeinschaft erarbeiten, die den Brief seit ca. 1970 mehrheitlich für pseudepigraph hält (siehe oben 1.2), begründen englischsprachige Forscher ihre Resultate im Kontext der englischsprachigen Forschungslandschaft, in der derselbe Brief mehrheitlich als paulinisch gilt (siehe oben 1.3).
3.2 Die ‘Beharrungstendenz’ etablierter Forschungspositionen
3.2.1 Naturwissenschaftliche Beharrungstendenzen
Innerhalb von Denkkollektiven beginnt Fleck zufolge regelmäßig ein ‘Prozess der gegenseitigen Bestärkung’.Footnote 72 Daraus ergebe sich unweigerlich eine ‘Beharrungstendenz der Meinungssysteme’.Footnote 73 Sobald eine wissenschaftliche Überzeugung sich in einem Denkkollektiv weit genug durchgesetzt hat, entwickle das jeweilige Kollektiv eine starke Neigung, an ihr festzuhalten. Die jeweilige Überzeugung werde zu einem kollektiven Denkstil, ‘gegen den ein Widerspruch einfach undenkbar ist’.Footnote 74 Fleck sprach im Anschluss an den französischen Soziologen Émile Durkheim gar von einem ‘Zwang’, den wissenschaftliche Denkkollektive auf ihre Angehörigen ausübten.Footnote 75 Dabei habe der einzelne Forscher ‘fast nie das Bewusstsein des kollektiven Denkstils’.Footnote 76 Diese weitgehend unbewusste Beeinflussung durch ein Denkkollektiv belegte Fleck mit zahlreichen Beispielen, vor allem aus der Medizin und der Biologie. Ein solcher ‘Denkzwang’ sei aber nicht nur in den Natur-, sondern ebenso in den Geisteswissenschaften wirksam.Footnote 77
3.2.2 Bibelwissenschaftliche Beharrungstendenzen
Unbewusste ‘gegenseitige Bestärkung’ und eine ‘Beharrungstendenz der Meinungssysteme’ lassen sich auch in der deutsch- und englischsprachigen Echtheitskritik am 2. Thessalonicherbrief beobachten. In der deutschsprachigen Einleitungswissenschaft vor ca. 1970 waren Einwände gegen die Echtheit des Briefes über 150 Jahre nicht mehrheitsfähig (siehe oben 1.1). In der deutschsprachigen Einleitungswissenschaft nach ca. 1970 sind Einwände gegen die Pseudepigraphie des Briefes seit rund 50 Jahren nicht mehrheitsfähig (siehe oben 1.2). In der englischsprachigen Einleitungswissenschaft sind Einwände gegen die Echtheit des Briefes bis heute nicht mehrheitsfähig (siehe oben 1.3).
Die echtheitskritische Sprachgrenze ist allerdings keineswegs undurchlässig, sondern lässt auf beiden Seiten genug Spielraum für Dissidenten. Als der stärkste Dissident in der älteren deutschsprachigen Forschung muss sicherlich William Wrede gelten, dessen gründliche Monografie erst rund 70 Jahre nach ihrem Erscheinen ihre volle Wirkung entfalten konnte (siehe oben 1.2.1). Zu den Dissidenten in der englischsprachigen Forschung gehört Edgar Krentz mit seinem Lexikoneintrag im Anchor Bible Dictionary, in dem er gegen die Mehrheit der englischsprachigen Forschung für eine pseudepigraphe Entstehung des 2. Thessalonicherbriefs votierte.Footnote 78
Zu den auffälligsten Dissidenten der jüngeren deutschsprachigen Forschung gehört Traugott Holtz, dessen von der Mehrheitsmeinung abweichendes Echtheitsurteil in einem so maßgeblichen Lexikon wie der Theologischen Realenzyklopädie veröffentlich wurde (siehe oben 1.2.5). Sein Schüler Karl-Wilhelm Niebuhr hat sich der Minderheitenmeinung seines Lehrers angeschlossen (siehe oben 1.2.3). Das dürfte daher rühren, dass einige Neutestamentler gerade wegen der in der DDR bis zur Wende herrschenden Restriktionen stärker als die Mehrheit ihrer westdeutschen Kollegen an wissenschaftlichen Kontakten außerhalb des deutschen Sprachraums interessiert waren. Jedenfalls hat Holtz bereits seit Mitte der 70er Jahre regelmäßig die internationalen SNTS-Tagungen besucht und bewusst den Kontakt zu englischsprachigen Fachkollegen gesucht und gepflegt. Ein Bewusstsein für die andere Gesprächslage in der englischsprachigen Bibelwissenschaft hat er auch seinen Schülern vermittelt.Footnote 79 In umgekehrter Richtung könnte Eugene Boring, der die Einleitung von Udo Schnelle ins Englische übersetzt hat,Footnote 80 in seinem Urteil über den 2. Thessalonicherbrief durch diesen intensiven Kontakt mit der deutschsprachigen Forschung beeinflusst worden sein.Footnote 81
3.3 Das Unverständnis gegenüber ‘denkstilfremdem Denken’
3.3.1 Naturwissenschaftliches Unverständnis für andere Meinungen
Der Beharrungstendenz innerhalb eines wissenschaftlichen Denkkollektivs entspricht Fleck zufolge ein ‘ausgesprochener Widerwille gegen denkstilfremdes Denken’.Footnote 82 Während dem Angehörigen eines Denkkollektivs der eigene Denkstil ‘fast unbewusst wie das Atmen wird’, erschienen ihm fremde Denkstile ‘wie freie Phantasiegebilde’, da er ‘nur das … fast Willkürliche an ihnen sieht’.Footnote 83 ‘Die Prinzipien eines fremden Kollektivs empfindet man – wenn man sie überhaupt bemerkt – als willkürlich, ihre eventuelle Legitimierung als petitio principii’, ihre ‘Erklärungen als nicht beweisend oder danebengreifend’.Footnote 84
3.3.2 Bibelwissenschaftliches Unverständnis für andere Meinungen
Ein solches Unverständnis für die Positionen und Argumentationen eines anderen Denkstils wird stellenweise auch in ntl. Echtheitsdiskussionen sichtbar. Im Allgemeinen werden exegetische Debatten sehr sachlich geführt. Manche englischsprachigen Exegeten machen allerdings keinen Hehl daraus, dass sie die Argumente zugunsten einer nachpaulinischen Entstehung des 2. Thessalonicherbriefs für willkürlich halten: ‘When one reads the literature by those who argue that Paul is not the author of this letter, one is struck by the “thinness” of the argumentation as such, especially since there is hardly a single argument that does not take some form of subjectivity on the part of its proponent(s).’Footnote 85 Umgekehrt gewinnen deutschsprachige Exegeten gelegentlichen den Eindruck, dass bei einigen englischsprachigen Fachkollegen ‘historische Kritik zur reinen Rhetorik verkommt’.Footnote 86
3.4 ‘Zeitschriftenwissenschaft’ und ‘Handbuchwissenschaft’
3.4.1 Naturwissenschaftliche Fachzeitschriften und Handbücher
Einen wesentlichen Beitrag zur Verfestigung naturwissenschaftlicher Denkstile leisten bestimmte Gattungen der Fachliteratur. In Fachzeitschriften (bzw. der von Fleck so genannten ‘Zeitschriftenwissenschaft’) werden regelmäßig Aufsätze mit unvereinbaren Forschungsergebnissen publiziert, die nicht demselben Denkstil angehören. Die Autorinnen und Autoren von Hand- und Lehrbüchern sind dagegen einem bestimmten Denkstil verpflichtet und streben nach Konsistenz. In sich konsistente Hand- und Lehrbücher lassen sich daher nie durch Addition der in den Fachzeitschriften publizierten Forschungsbeiträge erstellen. In der ‘Handbuchwissenschaft’ muss ausgewählt und ausgeschieden werden. Jedes aufgrund eines solchen Ausscheidungsprozesses entstandene Hand- oder Lehrbuch gebe seinen Benutzern darum einen bestimmten Denkstil vor, der anschließend von sehr vielen Forschern als Ausgangs- und Bezugspunkt ihrer Forschungsarbeit verwendet wird.Footnote 87 Die Gattung der wissenschaftlichen Lehrbücher hat daher einen großen Anteil an der Festigung und Verbreitung bestimmter Denkstile bzw. Mehrheitsmeinungen.
3.4.2 Bibelwissenschaftliche Fachzeitschriften und Monografien
Die für die ‘Zeitschriftenwissenschaft’ typische Meinungsvielfalt ist auch in bibelwissenschaftlichen Fachzeitschriften, Sammelbänden und Monografien anzutreffen. Die zum 2. Thessalonicherbrief veröffentlichten Aufsätze und Monografien beteiligen sich vergleichsweise unabhängig von der Mehrheitsmeinung des jeweiligen Denkkollektivs an der bibelwissenschaftlichen Diskussion, indem sie diese nicht nur bestätigen, sondern häufig auch in Frage stellen.
Wie der obige Forschungsüberblick gezeigt hat, gab es in der älteren deutschsprachigen Forschung bis ca. 1970 nicht nur eine Reihe von Aufsätzen und Monografien, in denen die Mehrheitsmeinung verteidigt wurde, sondern auch eine beträchtliche Zahl von Aufsätzen und Monografien (von Kern, Baur, Holtzmann, Wrede, Braun), die von der wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung ihrer Zeit abwichen (siehe oben 1.1).
Auch in der jüngeren deutschsprachigen Forschung seit ca. 1970 wurden nicht nur Monografien (von Trilling, Ernst und Schwab) publiziert, die die Mehrheitsmeinung begründeten und bestätigten, sondern auch Monografien (von Röcker und Seewann), die sie in Frage stellten (siehe oben 1.2). Ähnlich verhält es sich in den englischsprachigen Aufsätzen und Monografien (siehe oben 1.3).
3.4.3 Bibelwissenschaftliche Einleitungswerke und Kommentare
Wesentlich geringer ist die Meinungsvielfalt erwartungsgemäß in den bibelwissenschaftlichen Lehrbüchern, den Einleitungen ins NT, die zur von Fleck so genannten ‘Handbuchwissenschaft’ gehören. In der deutschsprachigen Exegese sind bis etwa 1970 fast nur Einleitungswerke erschienen, die den 2. Thessalonicherbrief für literarisch echt hielten (siehe oben 1.1.5), und nach dem Meinungsumschwung um 1970 fast nur Einleitungen, die den Brief als Pseudepigraphon einordnen. Die wenigen Lehrbücher mit alternativen Voten (von Niebuhr, Jaroš u. a.) üben nur einen geringen Einfluss aus (siehe oben 1.2.3).
Ähnlich gering ist die Meinungsvielfalt in den englischsprachigen Einleitungswerken der letzten über 100 Jahre (siehe oben 1.3.2). Wie naturwissenschaftliche Handbücher repräsentieren auch bibelwissenschaftliche Einleitungswerke in aller Regel die Mehrheitsmeinung des vorherrschenden Denkkollektivs.
Mindestens ebenso ausgeprägt ist die Dominanz der jeweiligen Mehrheitsmeinung in einer Literaturgattung, die Fleck aufgrund seiner Konzentration auf die naturwissenschaftliche Forschung nicht berücksichtig hat. Bis etwa 1970 waren meines Wissens alle Verfasser deutschsprachiger Kommentare zum 2. Thessalonicherbrief von seiner literarischen Echtheit überzeugt (siehe oben 1.1.5). Umgekehrt ist nach 1970, soweit ich sehe, nur noch ein deutschsprachiger Kommentar (von Baumert und Seewann) erschienen, in dem der Brief als authentisch gilt. Dieser Kommentar wurde nicht in einer der etablierten Kommentarreihen veröffentlicht (siehe oben 1.2.4).
Auch in den englischsprachigen Kommentaren stimmen die Echtheitsurteile bis auf wenige Ausnahmen mit dem vorherrschenden Denkstil überein. Für die vergangenen rund 150 Jahre konnte ich nur wenige englischsprachige Kommentatoren (Menken, Richards, Furnish und Boring) identifizieren, die die literarische Authentizität des 2. Thessalonicherbriefs bestreiten (siehe oben 1.3.3). Auch die deutsch- und englischsprachigen Kommentare gehören zur sogenannten ‘Handbuchwissenschaft’ und werden von den Reihenherausgebern dementsprechend fast immer an Vertreter der jeweiligen echtheitskritischen Mehrheitsmeinung vergeben.
3.5 Die Wirkung von ‘Ausbildungsritualen’
3.5.1 Die Wirkung naturwissenschaftlicher Ausbildungsrituale
Der einflussreiche Wissenschaftshistoriker und -philosoph Thomas Kuhn (1922–96),Footnote 88 der Fleck als einen Vorläufer seiner eigenen Arbeit über Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen betrachtete,Footnote 89 bezeichnete die von diesem identifizierten kollektiven Denkstile als ‘Paradigmata’.Footnote 90 In der wissenschaftlichen Physik beobachtete Kuhn dasselbe Festhalten an etablierten Paradigmen, das Fleck in Medizin und Biologie festgestellt hatte,Footnote 91 und lieferte eine zusätzliche Erklärung für die Beharrungstendenz der etablierten Paradigmen. In vielen Wissenschaften sind die von der breiten Mehrheit anerkannten Lehrmeinungen ‘fest in das Ausbildungsritual eingebettet, welches die Studierenden auf ihre fachliche Tätigkeit vorbereitet und ihnen die Zulassung dafür erteilt. Weil diese Ausbildung streng und dabei starr ist, vermögen jene Antworten sich tief im wissenschaftlichen Denken zu verankern.’Footnote 92
3.5.2 Die Wirkung bibelwissenschaftlicher Ausbildungsrituale
Auch in der wissenschaftlichen Exegese trägt ein etabliertes Ausbildungsritual zur Verfestigung vorherrschender Paradigmen bei. Nachdem deutschsprachige Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen sich durch Lehrbücher (Einleitungen und Kommentare) sowie auf ihnen fußende Lehrveranstaltungen an die Mehrheitsmeinung zum 2. Thessalonicherbrief gewöhnt haben, stabilisiert sich diese Überzeugung zusätzlich dadurch, dass es schwierig ist, in den üblichen Qualifizierungsarbeiten (Dissertationen und Habilitationsschriften) vom Paradigma des wissenschaftlichen Umfelds abzuweichen. Darum verankern deutschsprachige Promotions- und Habilitationsverfahren die Überzeugung, der 2. Thessalonicherbrief sei nachpaulinisch, umso tiefer im Bewusstsein der nachwachsenden Forschergeneration. Ähnliche Kräfte dürften in umgekehrter Richtung an englischsprachigen Hochschulen auf die Verfasser bibelwissenschaftlicher Dissertationen einwirken.
Allerdings finden sich auch unter den deutschen Nachwuchswissenschaftlern einzelne Dissidenten (wie Röcker und Seewann), die in ihren Qualifizierungsarbeiten zum 2. Thessalonicherbrief ein unkonventionelles Echtheitsurteil vertreten haben (siehe oben 1.2.2). In beiden Fällen war die Entfernung vom deutschsprachigen Leitparadigma möglich, weil die Doktorväter (Rainer Riesner bzw. Norbert Baumert) in dieser Echtheitsfrage eine Minderheitenposition vertraten. Zu Dissidenten können deutschsprachige Exegeten auch dann werden, wenn sie im Zuge ihrer ‘Ausbildungsrituale’ durch die englischsprachige Echtheitskritik geprägt worden sind.
3.6 Der Übergang zu einem neuen ‘Paradigma’
3.6.1 Naturwissenschaftliche Paradigmenwechsel
In der Wissenschaftssoziologie ist die Wissenschaftsentwicklung auf unterschiedliche Weise interpretiert worden: mit einer Kumulationstheorie, mit einer Zufallstheorie, mit einer Zyklentheorie und mit einer Selektionstheorie.Footnote 93 Als Vertreter einer Zyklentheorie nahm Kuhn an, zu einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel komme es durch ‘wissenschaftliche Revolutionen’.Footnote 94
Das liege nicht zuletzt daran, dass etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu neigen, alternative Antworten auf von ihnen bereits beantwortete Fragen abzuwehren. Denn die Übernahme eines neuen Paradigmas erforderte ‘die Umarbeitung einer früheren Theorie und die Neubewertung früherer Fakten’ und würde sich auch ‘auf umfangreiche, schon erfolgreich abgeschlossene wissenschaftliche Arbeiten’ auswirken.Footnote 95 Daran haben Forscher, die jahrzehntelang in einem Gebiet gearbeitet und publiziert haben, verständlicherweise kein Interesse.
Aus diesem Grund ‘sind gerade jene, die nicht durch frühere Praxis an die traditionellen Regeln der normalen Wissenschaft gebunden sind, besonders geeignet … ein anderes System von Regeln zu ersinnen, der [sic] jene ersetzen kann’.Footnote 96 Solche Entwickler alternativer Paradigmen finden allerdings häufig jahrzehntelang kein Gehör. Nicht selten können sich ihre Argumente und Erkenntnisse erst durchsetzen, wenn die Forschergeneration, die das alte Paradigma verteidigt hat, durch eine nachwachsende Generation abgelöst worden ist.Footnote 97
Nach einem Paradigmenwechsel verhält es sich Kuhn zufolge fast so, ‘als wäre die Fachgemeinschaft plötzlich auf einen anderen Planeten versetzt worden, wo vertraute Gegenstände in einem neuen Licht erscheinen’.Footnote 98 Daher müssten die Lehrbücher eines Fachgebiets neu geschrieben werden.Footnote 99 Von jetzt an verteidige eine neue Forschergeneration das neue Paradigma so lange wie möglich gegen Kritik und mache es zu einem festen Bestandteil der zukünftigen Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
3.6.2 Ein bibelwissenschaftlicher Paradigmenwechsel
Ähnliche Mechanismen lassen sich bis zu einem gewissen Grad in der Geschichte der Echtheitskritik zum 2. Thessalonicherbrief beobachten, auch wenn diese sich an einem entscheidenden Punkt von der von Kuhn beschriebenen Dynamik unterscheidet. Als Schmidt 1801 erstmals die literarische Authentizität von 2 Thess 2 in Frage stellte, war er noch keine 30 Jahre alt und hatte gerade erst eine Professur angetreten (siehe oben 1.1.1). Insofern dürfte er weniger stark als ältere Fachkollegen ‘an die traditionellen Regeln der normalen Wissenschaft gebunden’ gewesen sein.
Zustimmung fand seine These erstmals ein Vierteljahrhundert später bei Wilhelm de Wette, der sie jedoch schon nach wenigen Jahren wieder fallen ließ. Auch dass Kern und Baur sie aufgriffen und weiterentwickelten, verhalf der neuen These nicht zum Durchbruch. 100 Jahre, nachdem die Echtheitsdiskussion zum 2. Thessalonicherbrief begonnen hatte, betrachtete die Mehrheit der Exegeten ihn immer noch als paulinisch (siehe oben 1.1.2–3).
Die Mehrheitsverhältnisse änderten sich auch nicht, nachdem Wrede 1903 in seiner heute als grundlegend geltenden Monografie die Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs bestritten hatte. Wie viele andere fand auch er jahrzehntelang nur wenig Gehör. Bis Ende der 1960er Jahre hielten die Verfasser der Einleitungswerke und Kommentare den Brief mehrheitlich für ein Schreiben des Apostels Paulus (siehe oben 1.1.4–5).
Zu einem Paradigmenwechsel in der deutschsprachigen Echtheitskritik kam es erst nach über 150 Jahren aufgrund einer kirchlichen Neubewertung der Dekrete der Päpstlichen Bibelkommission nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (siehe oben 2.1). Insofern liegt bei diesem bibelwissenschaftlichen Paradigmenwechsel ein Sonderfall vor, der dem von Kuhn beschriebenen typischen Verlauf nur teilweise entspricht. Ausschlaggebend war nicht die Ablösung der dem alten Paradigma verpflichteten Forscher durch eine jüngere Forschergeneration, sondern eine hermeneutische Neuorientierung der römisch-katholischen Theologie.
Erst im Zuge dieser römisch-katholischen Neuorientierung verschoben sich auch in der protestantischen Echtheitsdiskussion zum 2. Thessalonicherbrief die Mehrheitsverhältnisse bis hinein in die wissenschaftlichen Lehrbücher. Seither befindet sich die gesamte deutschsprachige Bibelwissenschaft in dieser Frage gleichsam ‘auf einem neuen Planeten’. Während Werner Georg Kümmel in seiner vor dem Paradigmenwechsel entstandenen und über Jahrzehnte maßgeblichen Einleitung noch an der Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs festgehalten hatte,Footnote 100 übernahm Udo Schnelle in seiner nach dem Paradigmenwechsel verfassten Einleitung die Neubewertung des Briefs als Pseudepigraphon.Footnote 101 Seit ca. 1970 halten ihn auch die deutschsprachigen Kommentatoren fast ausnahmslos für unecht (siehe oben 1.2.3–5). Seither ist die neue Mehrheitsmeinung genauso stabil wie die alte Mehrheitsmeinung vor ca. 1970.
3.7 Eine verzerrte Wahrnehmung der Forschungsgeschichte
3.7.1 Verzerrte Wahrnehmungen in den Naturwissenschaften
Eine letzte Beobachtung Kuhns, die auch für die Echtheitskritik am 2. Thessalonicherbrief relevant ist, betrifft die Wahrnehmung und Darstellung der Forschungsgeschichte nach einem Paradigmenwechsel. Kuhn zufolge beziehen sich wissenschaftliche Lehrbücher häufig ‘nur auf den Teil der Arbeit früherer Wissenschaftler’, der sich leicht als Vorstufe zur im Lehrbuch vertretenen Position verstehen lässt. In Rückblicken auf die Forschungsgeschichte gebe es ‘eine beständige Neigung, die Geschichte der Wissenschaft linear oder kumulativ erscheinen zu lassen’.Footnote 102
3.7.2 Verzerrte Wahrnehmungen in der Bibelwissenschaft
Wie sich oben gezeigt hat, lässt sich die Neigung, die Forschungsgeschichte im Sinne der eigenen Position zu interpretieren, auch in manchen Aussagen zur Echtheitskritik am 2. Thessalonicherbrief erkennen. Während ein englischsprachiger Exeget wie Wright nicht wahrgenommen hat, dass in der deutschsprachigen Forschung zum 2. Thessalonicherbrief ein negatives Echtheitsurteil überwiegt (siehe oben 1.2.5), ist deutschsprachigen Exegeten wie Müller und Kreinecker entgangen, dass in der englischsprachigen Bibelwissenschaft die positiven Echtheitsurteile dominieren (siehe oben 1.3.4).
Den betroffenen Exegetinnen und Exegeten dürfte an dieser Stelle ein Bestätigungsfehler (confirmation bias) unterlaufen sein. Auch Bibelwissenschaftler neigen gelegentlich dazu, die Forschungsgeschichte so zu rekonstruieren, dass sie auf die eigene Überzeugung zuläuft, und die Forschungslandschaft so wahrzunehmen, dass sie das eigene Urteil bestätigt.
4. Fazit
Die Ausgangsfrage, woher die stabilen Meinungsunterschiede in der internationalen Bibelwissenschaft rühren, lässt sich mit Hilfe wissenschaftssoziologischer Erkenntnisse im Kern folgendermaßen beantworten: Auch bibelwissenschaftliche Echtheitsurteile sind kein zweipoliges Geschehen zwischen den Fachleuten und ihrem Untersuchungsgegenstand, sondern werden durch deren wissenschaftliches Umfeld mitbestimmt. Mit anderen Worten: Englischsprachige Exegetinnen und Exegeten gehen nicht nur dahin, ‘where the evidence leads them’, sondern auch dahin, wohin die Forschergemeinschaft sie führt, der sie angehören. Dasselbe gilt mit umgekehrten Vorzeichen für ihre deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen.
Diese wissenschaftssoziologische Interpretation der deutsch- und englischsprachigen Echtheitskritik am Corpus Paulinum kann allerdings keine hinreichende Erklärung ihrer auffälligen Meinungsunterschiede bieten, sondern lediglich einen unverzichtbaren Baustein zu einer Gesamterklärung beisteuern. Im Idealfall verschafft ein verstärktes Bewusstsein für die sozialen Zusammenhänge, die auch auf jeden deutsch- und englischsprachigen Bibelwissenschaftler einwirken, den historischen und exegetischen Argumenten im internationalen Dialog aber mehr Gewicht.
Competing interests
The author declares none.