1. Identität—und Paulusexegese
‘Zu Beginn der siebziger Jahre [des vergangenen Jahrhunderts] tauchte die Identitätsfrage plötzlich überall auf’—so formuliert der französische Soziologe J.-C. Kaufmann in seinem (2005 auf deutsch herausgekommenen) Buch ‘Die Erfindung des Ich. Eine Theorie der Identität’.Footnote 1 Man mag etwa an die Aufbrüche der Zeit der sog. 68er Revolte denken, in der zumal Jugendliche und dabei nicht zuletzt Studierende andere Lebensentwürfe suchten und versuchten, als die ältere(n) Generation(en) sie praktizierten. Es wird insofern hier sicherlich die individuelle Perspektive der jeweiligen Personen zu bedenken sein, die sich damals bemühten, eine neue Antwort oder neue Antworten auf die Frage ‘Wer bin ich?’ zu finden.Footnote 2 Zugleich spielt indes auch die überindividuelle Dimension eine Rolle, und zwar schon deshalb, weil so etwas wie ein gewisser Bruch mit vorgegebenen Mustern erwogen oder praktiziert wurde. Außerdem entwickelten sich etwa mit den seinerzeit aus dem Boden schießenden Wohngemeinschaften und Kinderläden wiederum überindividuelle, einigermaßen neue soziale Gebilde. Bei ihnen spielten bestimmte Erwartungen und mentale Konzepte eine Rolle. Und es kam nicht selten zu einem anderen Habitus, nämlich sowohl zu ‘habitualisierten Gewohnheiten und Handlungen von Personen’ als auch zu so etwas wie einem ‘Schema zur Erzeugung immer neuer Handlungen’.Footnote 3 Bei aller Vorsicht kann man deshalb Identität wohl mit den folgenden Stichworten umreißen, nämlich mit
• einer individuellen Dimension,
• überindividuellen, sozialen Aspekten,
• einem nicht selten innovativen mentalen Konzept und
• einem sich dazu fügenden Habitus.
Dabei ist natürlich das Nebeneinander und das Gegeneinander von Gruppen zu berücksichtigen, auch die subjektive Wahrnehmung bzw. Verarbeitung einer solchen Konstellation.Footnote 4 Auch darf man schwerlich einfach von stabilen Identitäten ausgehen, wird vielmehr den wohl auch einzelnen (sich selbst etwa neu entwerfendenFootnote 5) Personen möglichen Wandel zu berücksichtigen haben,Footnote 6 den Psychologie, Ethnologie und Soziologie betonen.Footnote 7
Während Kaufmann nun eine ‘Erfindung des Ich’ erst in der Neuzeit für möglich hält,Footnote 8 mahnt möglicherweise schon die lateinische Wurzel des Terminus ‘Identität’—ῑdem, eadem, idem (vgl. identidem und itidem, im späteren Latein auch identitas)—zu mehr Vorsicht. Für die Zeit des frühesten Christentums kommt im Übrigen hinzu, dass die einigermaßen multikulturelle Situation des Hellenismus die Frage nach dem ‘Ich’ in der Tat oft hervorgerufen haben wird—auch für irgendwie jüdisch geprägte Menschen, und zwar sowohl in Palästina als auch jenseits davon (u.a. im sog. Diasporajudentum, für das beispielsweise J. M. G. Barclay von Identität sprichtFootnote 9).
Für die Zeit zumal des zweiten und dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung wird denn auch mittlerweile gern mit der Kategorie ‘Identität’ gearbeitet, etwa von M. S. Taylor, J. C. Paget und Ch. Markschies.Footnote 10 Im Blick auf den Apostel Paulus und seine Umgebung meinen jedenfalls etwa U. Schmidt, mein ehemaliger Assistent, und R. L. Brawley, dass hier sehr wohl die Identitätsproblematik eine Rolle spielt.Footnote 11 Und ein kurzer Blick auf die jüngere Paulusforschung kann diese Einschätzungen m.E. stützen:
• Selbst bei R. Bultmann, der in seiner Deutung dieses neutestamentlichen Autors bekanntlich die Anthropologie sehr stark akzentuiertFootnote 12 und insofern für soziologische Fragestellungen, die es gerade auch mit der ‘sozialen Gruppe’ bzw. mit solchen Gruppen zu tun haben,Footnote 13 nicht sonderlich offen scheint, kommt so etwas in den Blick. So meint er hinsichtlich der paulinischen Rechtfertigungsterminologie vom ‘Gegensatz des Paulus zum Judentum’ reden zu sollen.Footnote 14 Der Apostel beschäftige sich zumal im Galater- und Römerbrief—z.B. in Gal 2.16—mit der ‘Leistung von “Werken”, die das Gesetz vorschreibt’ (
ργα νόμου), und die negative Formulierung, dass Rechtfertigung sich nicht hierauf gründe, werde ‘im Galaterbrief den Judaisten gegenüber verteidigt’, und sie besage eben, dass der Apostel hier und im Römerbrief—wie zudem auch im Philipperbrief—‘gegen Judentum und Judaismus streitet’.Footnote 15• Noch nachdrücklicher—freilich auch sehr anders—wird das Gruppen-Moment in der sog. Neuen Paulusperspektive ins Auge gefasst,Footnote 16 besonders deutlich etwa bei J. D. G. Dunn. Er verwendet nämlich eben im Blick auf die Wendung
ργα νόμου (Gal 2.16 [3mal]; 3.2, 5, 10; Röm 3.20, 28; vgl. Röm 2.15) die gerade soziologisch akzentuierenden Begriffe ‘identity markers’ und ‘boundary markers’, und er denkt dabei zumal an die Beschneidungsvorschrift und an Speiseregelungen (s. nur Gal 2.3, 7–9, 11–14).Footnote 17 Indem Paulus diese das Judentum nach innen hin zusammenhaltenden und von der Umgebung unterscheidenden, abgrenzenden Praktiken für christusgläubige Nicht-Juden, für Heidenchristen ablehne (s. etwa Gal 3.10), kritisiere der Apostel keineswegs das Judentum. Vielmehr wolle er eine wirkliche Öffnung der ursprünglich allein aus Juden bestehenden Gruppe der Jesus-Anhänger sichern—eine Öffnung gerade auch hin zu Nicht-Juden, ‘Heiden’ (s. nur Gal 2.8, 9, 12, 14, 15).Footnote 18• Was eine gewisse Kontinuität mit dem Judentum und die Verwendung soziologischer Kategorien angeht, lassen sich dem etwa T. L. DonaldsonFootnote 19 und W. S. Campbell anfügen. Letzterer bietet das Wort ‘identity’ denn auch im Titel seines interessanten Paulus-Buches ‘Paul and the Creation of Christian Identity’.Footnote 20 Obwohl K.-W. Niebuhr und M. Bockmuehl weniger stark mit solcher Terminologie arbeiten, wird man sie ebenfalls hier nennen dürfen. Denn sie stellen die paulinische Sicht des Gesetzes in den Kontext jüdischer Diskussionen über die Tora, deren Regelungen sich in der Diaspora nicht eins zu eins umsetzen ließen, ohne dass doch die grundsätzliche Orientierung am Gesetz aufgegeben worden wäre (vgl. z.B. Gal 5.13–14, 22–23).Footnote 21
• Anders akzentuiert M. Wolter.Footnote 22 Auch er benutzt soziologische Kategorien und betont dabei das Ethos, nicht zuletzt (ebenfalls) die Kategorie der Liebe (s. bes. Röm 13.9; Gal 5.14; vgl. etwa Lev 19.18).Footnote 23 Und ebenso hebt er—fraglos zu Recht—die Bedeutung des Christus-Glaubens für die Gruppe der ‘Christen’ hervor, ferner auch die Relevanz des Gottesdienstes,Footnote 24 speziell des Abendmahls. Allerdings wird bei dem Bonner Neutestamentler die Kontinuität der frühchristlichen Gemeinde zum Judentum eher minimiert. Der diesen Zusammenhang akzentuierenden heilsgeschichtlichen Sicht stehe die von Paulus bei Damaskus gewonnene ‘neue Wirklichkeitsgewissheit’ entgegen, ‘deren Mitte nicht mehr Israels Erwähltsein aus den Völkern bzw.—allgemeiner gesagt—das Gegenüber aus Israel und Völkern’ sei.Footnote 25 Wolter, nach dem immerhin ‘[v]on einem paulinischen “Antinomismus” im üblichen Sinn des Wortes […] keine Rede sein’ sollte,Footnote 26 formuliert so: Paulus ‘ist aber nicht nur darum kein “Antinomist”, weil sich bei ihm auch “einige äußerst positive Aussagen über das Gesetz […] finden”. Er ist vielmehr auch in seinen gesetzeskritischen Aussagen kein “Antinomist”, weil das Gesetz und seine Werke von ihm immer nur als Bestandteil der Israelfrage traktiert werden und nicht als Frage nach der Verbindlichkeit moralischer Normen.’Footnote 27 Bei ‘Werken des Gesetzes’ sei dabei—so die erstaunliche Auskunft—mal an Vorschriften (so Gal 3.10; Röm 3.20), mal an Handlungen (so Gal 2.16; 3.2, 5; Röm 3.28) gedacht.Footnote 28
Zusammengefasst: Den unterschiedliche Momente betreffenden Gesichtspunkt der Identität wird man durchaus auch im Blick auf Paulus zu bedenken haben. Freilich ist hier insbesondere die Frage nach dem Verhältnis des Apostels und der von ihm gezeichneten Gruppe(n) der Christusanhänger zum Judentum noch immer umstritten. Dieses Problem ist natürlich gerade auch deshalb schwer zu bewältigen, weil die Auslegung der Schriften des Apostels nicht selten ‘more in relation to the interpreters’ context than in relation to the context of his letters’ geschieht.Footnote 29 Das Prinzip einer gewissen Priorität der synchronen Betrachtung vor dem diachronen ZugangFootnote 30 mag helfen, der sich hier andeutenden Gefahr zu begegnen.Footnote 31
Zudem lassen etwa soziologische Kategorien und der möglicherweise entsprechend zu begreifende Ausdruck
ργα νόμου hoffen, auf dem Weg einer in methodischer Hinsicht primär synchron verfahrenden Exegese doch ein Stück weit vorangelangen zu können. Speziell der Galaterbrief mag sich schon deshalb besonders als Textgrundlage empfehlen,Footnote 32 weil R. L. Brawley vor kurzem bereits den Philipperbrief entsprechend analysiert hatFootnote 33 und weil der Römerbrief nun einmal ziemlich lang ist. Das kürzere Schreiben an die galatischen Gemeinden spricht zudem nicht nur recht oft von ‘Werken des Gesetzes’, bietet vielmehr überdies fraglos auch individuelle und überindividuelle Momente—übrigens in Gal 4.17 gegenüber den sich (Paulus zufolge) in heikler Weise um die Adressaten Bemühenden die Vorhaltung: ‘sie wollen euch ausschließen’Footnote 34—. Dabei fällt der Blick nicht zuletzt auf Juden wie Nicht-Juden (s. bes. Gal 2.13–15; 3.28; vgl. 4.8–10; 5.1), ferner auf Mentales (s. nur Gal 2.16) bzw. auf Erwartungen (s. nur Gal 5.2–6)—mit Brawley gesprochen: auf ‘Videos’Footnote 35—, außerdem auf Handlungsbezogenes (s. nur Gal 2.11–14).
2. Gal 1.6–2.14, bes. 1.11–17: Die individuelle Wende bei Paulus selbst
Paulus nimmt im Galaterbrief bemerkenswert oft auf sich selbst Bezug. Zwar wird man wohl bezweifeln dürfen, ob die 1. Pers. Sing. in Gal 2.18–21 oder auch nur in 2.19–21 dezidiert das individuelle Ich des Verfassers im Auge hat.Footnote 36 Aber davor hebt er in Kap. 1–2 mit diesem sprachlichen Mittel fraglos eben auf sich ab (zuerst in 1.2, zuletzt in 2.14), und auch danach bringt er sich auf solche Weise verschiedentlich ein ( s. 3.2, 15, 17; 4.1, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 18, 19, 21; 5.2, 3, 10, 11, 16, 21; 6.11, 14, 17), und das offenkundig gerade auch in 4.12–20 und gegen Schluss des Schreibens. Die damit deutlich hervortretende individuelle Dimension lässt keinen Zweifel am persönlichen Engagement des Autors, und zwar nicht zuletzt im Blick auf die weithin heidenchristlichen Adressaten (s. dazu nochmals bes. 4.8–10), bei denen er die von ihm gesehene, behauptete Gefahr einer Fehlorientierung, eines Fehlweges zu überwinden sucht (s. bes. 1.6–9; 2.14, 17b–21; 3.1–2; 4.8–5.1; 5.2–6; 6.11–17).Footnote 37
Paulus’ eigene Person wird indes gerade auch dort akzentuiert eingebracht und geltend gemacht, wo er auf seine Berufung zur Evangeliumsverkündigung zu sprechen kommt, also in 1.11–17.Footnote 38 Für unsere Frage nach der Identität ist dabei von besonderem Interesse, dass es sich hier um nicht weniger als eine Wende handelt. Sie selbst wird als ἀποκάλυψις Ἰησοῦ Χριστοῦ (V. 12b) beschrieben bzw. so, dass (in V. 16a, b) davon gesprochen wird, Gott habe ‘seinen Sohn offenbart [ἀποκαλύψαι] in mir [d.h. in Paulus], damit ich ihn [nämlich den Sohn Gottes, also Jesus Christus]
ν τοῖς
θνϵσιν verkündige [ϵὐαγγϵλίζωμαι]’.Footnote 39 Die Wende hat es danach inhaltlich zentral mit Jesus Christus zu tun, der Paulus von Gott ‘offenbart’ wurde, und sie bedeutet jedenfalls insofern Erstaunliches, als damit zugleich eine verkündigende Hinwendung zu den
θνη verbunden war. Davon wird dann sofort im unmittelbaren Anschluss gesprochen (V. 16c, 17; vgl. V. 11, 12a), und zuvor wird in V. 13–14 so etwas wie ein Kontrastbild geboten: Der, welcher später, auch zur Zeit des Galaterbriefs, den ‘Sohn Gottes’
ν τοῖς
θνϵσιν, also zumindest auch: eben den ‘Heiden’, Nicht-Juden,Footnote 40 bezeugt, hatte vor der Wende die ‘Gemeinde [gerade] Gottes verfolgt und sie zerstört’ (bzw. ‘zu zerstören versucht’Footnote 41), und das hing, wie zweimal—und innerhalb der Paulus-Briefe nur hier—gesagt wird (V. 13, 14), mit dem Ἰουδαϊσμός zusammen.Footnote 42 Traditionsgeschichtlich passt zu diesem Terminus, der zuerst in 2Makk 2.21 belegt ist (vgl. zumal 2Makk 8.1; 14.38; 4Makk 4.26),Footnote 43 schon das mit ihm in Gal 1.13 verknüpfte und bereits angesprochene Motiv der Verfolgung von weniger streng ausgerichteten Personen (s. 2Makk 2.21: τὰ βάρβαρα πλήθη διώκϵιν). Das gilt auch für die paulinische Bemerkung, im ‘Judentum weitergegangen’ zu sein ‘als viele Altersgenossen in meinem [d.h. Paulus’] Volk’ (V. 14); diese Differenzierung innerhalb der jüdischen Kreise fügt sich ja ausgezeichnet z.B. zu 2Makk 2.21 und (2Makk) 8.1.Footnote 44 Und wenn Paulus sich in diesem Zusammenhang zudem als einstigen ‘Eiferer für die väterlichen Überlieferungen’ bezeichnet, so mag man etwa 4Makk 4.23 assoziieren, wo ähnlich vom ‘väterlichen Gesetz’ gesprochen wird—danach dann übrigens davon, jüdische Frauen hätten trotz der Bedrohung durch Antiochos Epiphanes, ihre παιδία ‘beschneiden’ lassen (V. 25), und der syrische Herrscher habe beabsichtigt, ‘einen jeden Einzelnen aus dem Volk zu zwingen, von unreinen Speisen kostend der jüdischen Lebensart [τὸν Ἰουδαϊσμόν] abzuschwören’ (V. 26).Footnote 45
Die mit Jesus Christus gegebene Wende hat nach Gal 1 also zu einem erheblichen Kontrast im Leben des Briefschreibers geführt: Hatte er zuvor eine Linie verfolgt, die auch vor der Nachstellung gegenüber der ‘Gemeinde Gottes’ nicht Halt machte und durch eine recht radikale Einschätzung (‘Eiferer’) der, seiner ‘väterlichen Überlieferungen’ gekennzeichnet war, so verhielt es sich nach der BerufungFootnote 46 anders, sofern sie ihm
ν τοῖς
θνϵσιν zu verkünden aufträgt, ein Auftrag, der dann auch (sogleich) umgesetzt wird (s. nur V. 16b–17). Keine Rede freilich ist davon, dass damit grundsätzlich eine irgendwie jüdische Orientierung aufgegeben werde.Footnote 47 Gegen eine solche EinschätzungFootnote 48 macht mindestens zweierlei skeptisch: Hinter dieser Wende steht eben jener Gott, der Paulus von dessen ‘Mutter Leib an ausgesondert und berufen’ hat—so die Formulierung in V. 15, und zwar in Anspielung wohl auf Jes 49.1; Jer 1.5;Footnote 49 auch lässt der Hinweis von V. 14 auf die eher extreme frühere Rolle unter den jüdischen Altersgenossen natürlich Raum für andere Positionierungen und Verhaltensweisen innerhalb dieses weiteren Rahmens.Footnote 50 Kurz: Die Identität des Individuums PaulusFootnote 51 ist nach Gal 1 durch die auf Gott zurückgeführte Begegnung mit Jesus Christus geprägt, bei der aus einem Abgrenzung praktizierenden jüdischen Mann ein gerade auch Nicht-Juden ansprechender Christus-Verkündiger geworden istFootnote 52—der damit indes schwerlich sein Jude-Sein aufgegeben hat, vielmehr nur den Ἰουδαϊσμός—.
Damit gelangt schon Überindividuelles in den Blick. Darauf ist nun einzugehen!
3. Gal 2.15–21: Die Wende und das neue Leben bei Judenchristen
Die einigermaßen autobiographischen Bemerkungen, von denen eben die Rede war, werden in Gal 1.18–2.14 weitergeführt. Dabei geht es u.a. um das Verhältnis des Apostels zur Gemeinde der Christus-Gläubigen in Jerusalem, von der er nicht abhängig ist und seiner Ansicht nach auch nicht abhängig zu sein braucht (s. dazu schon 1.11–12, 17).Footnote 53 Er scheint zu ihr indes prinzipiell in einer recht harmonischen Relation zu stehen (s. bes. 1.18–20; 2.1–10), wie nicht zuletzt der Handschlag ‘der Gemeinschaft’ andeuten wird, mit dem ‘Jakobus und Kephas und Johannes, die als die “Säulen” Ansehen genießen’, ihm und Barnabas zubilligen, sich ϵἰς τὰ
θνη auszurichten (2.10). Dabei meint das damit anerkannte ‘Evangelium der Unbeschnittenheit’ (2.7) offenkundig auch, dass hinzukommende (männliche) nicht-jüdische Christus-Anhänger sich nicht beschneiden lassen müssen (s. 2.3).Footnote 54 Freilich, es kommt (im syrischen Antiochien) zu einem Konflikt, und zwar in Sachen Mahlgemeinschaft von Juden und Nicht-Juden, von Juden- und Heidenchristen (2.11–14). Paulus setzt sich in dieser Situation, die bemerkenswerterweise durch τιν
ς ἀπὸ Ἰακώβου ausgelöst worden war (s. 2.12), mit keinem Geringeren als nun gerade mit Kephas auseinander, der seine frühere, liberalere Praxis aufgegeben und damit ‘die übrigen Juden’, auch ‘Barnabas’, zu einer entsprechenden Änderung bewegt hatte (s. 2.11–14). Die scharfe Formulierung, die Paulus nach 2.14b öffentlich gegenüber Kephas äußert, lautet: ‘Wenn [ϵἰ] du, der du ein Jude bist, nach heidnischer Sitte lebst und nicht nach jüdischer, wie [πῶς] darfst du da die Heiden zwingen, nach jüdischer Art zu leben [ἰουδαΐζϵιν]?’Footnote 55 Diese Frage, deren m.E. nicht unerheblicher Relevanz noch nachzugehen sein wird,Footnote 56 steht dem fraglos wichtigen—und jedenfalls zuerst von
ργα νόμου sprechendenFootnote 57—Passus 2.15–21 voran. Es darf bei diesem umstrittenen Abschnitt hier wohl offen bleiben, ob dieses Textsegment im engeren Sinn als eine Art Zitat der antiochenischen Rede zu begreifen oder eher eigens auf den Galaterbrief hin formuliert worden ist.Footnote 58
Jedenfalls geht es bei der 1. Pers. Plur. von V. 15–17 dezidiert um Judenchristen, wie gleich zu Beginn unmissverständlich zum Ausdruck gebracht wird, und die 1. Pers. Sing. danach (d.h. in V. 18–21) hebt entweder lediglich auf das Individuum Paulus ab, also ebenfalls auf einen Judenchristen (s. nochmals 1.13–17; 2.15), oder es handelt sich um ein rhetorisches Mittel, mit dem eine größere Gemeinschaft angesprochen wird, die nach V. 18 und wegen des zumindest auch weiterhin möglichen Bezuges auf Paulus ihrerseits als judenchristlich zu begreifen ist. Die zweitgenannte Möglichkeit dürfte, wie ja bereits angedeutet,Footnote 59 vorzuziehen sein. Wichtigstes Argument dafür ist die Interjektion μὴ γ
νοιτο in V. 17c, also genau zwischen Wir- und Ich-Abschnitt. Denn zu den auffälligen Merkmalen bei der paulinischen Verwendung dieses knappen Einwurfs (bei Paulus ansonsten noch 12mal: Röm 3.4, 6, 31; 6.2, 15; 7.7, 13; 9.14; 11.1, 11; 1Kor 6.15; Gal 3.21)Footnote 60 zählt gerade auch ein begleitender Wechsel der grammatischen Person (anders nur: Röm 3.3–4; Gal 3.21). Wie bei Gal 2.17c handelt es sich übrigens auch bei Röm 7.7 (und ähnlich auch bei Röm 3.6 [doch vgl. immerhin Röm 3.5c]) um einen Wechsel gerade vom Wir zum Ich.Footnote 61 Mit der durch die Interjektion signalisierten Lebhaftigkeit der Argumentation dürfte auch der Übergang vom Aorist
πιστϵύσαμϵν in Gal 2.16b (vgl. bes. V. 18a, 19a, ferner auch V. 19c [Perfekt]) zum Präsens ζῶ bzw. ζῇ in V. 20 (V. 20a, b, c, d; vgl. ferner V. 18b, 21a [συνιστάνω und ἀθϵτῶ]) locker zusammenhängen.Footnote 62 Für beides nun, für die soeben angesprochene lebensgeschichtliche Wende und für den Status danach, ist wiederum—kaum anders, als es in 1.11–17 für Paulus der Fall war—Christus das entscheidende Identitätsmerkmal, jetzt freilich eben für eine Gruppe, nämlich für eine solche von Judenchristen. Um es unter Rückgriff auf hilfreiche Formulierungen, ja, Formeln von E. P. SandersFootnote 63 zu sagen:Footnote 64 Das getting in hatte es bei ihnen mit dem Glaubensanschluss an Christus zu tun (s. V. 16b: ϵἰς Χριστὸν Ἰησοῦν
πιστϵύσαμϵν), und beim staying in heißt es: ζῇ […]
ν
μοὶ Χριστός, und eben das bestimmt seitdem das Leben des einzelnen Judenchristen ‘im Fleisch’: ‘mein’ Leben, das nun charakterisiert ist durch den Glauben ‘an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich für mich dahingegeben hat’ (V. 20). Das judenchristliche Leben scheint damit nicht zuletzt dem Prinzip der Liebe, der Rücksicht auf andere Menschen, verpflichtet zu sein.
Insofern sind die positiven Aussagen zum getting in und zum staying in recht klar: Es handelt sich um das Gläubigwerden an Christus (Jesus) und um ein diesem Mann entsprechendes Glaubensleben. Man sollte hier freilich wohl besser noch präzisieren: Bei jenem Gläubigwerden ist nämlich dasjenige Moment, welches rettet, welches ‘rechtfertigt’, nicht eigentlich die gläubige Haltung des Menschen,Footnote 65 vielmehr Christus.Footnote 66 In V. 17a kann ja im Unterschied zu V. 16 das Verb πιστϵύϵιν bzw. das Substantiv πίστις wegfallen und einfach vom δικαιωθῆναι
ν Χριστῷ gesprochen warden.Footnote 67 Insofern lässt sich hier so etwas wie eine Unterstützung für die reformatorische Formel solus Christus finden, nicht eigentlich indes für sola fide. Das ist für zwei weitere Züge dieser Passage von einiger Relevanz:
Zum einen ist da an die negativ formulierten Aussagen zu denken, dass es zur Rechtfertigung nicht ‘aus Werken des Gesetzes’ komme (V. 16a, b, c). Wenn diese Bemerkungen nämlich der Position, letztlich: Christus, gegenüberstehen, so ist schon das ein wichtiges Indiz dafür, dass es bei
ργα νόμου nicht um das Wirken, Handeln gehen dürfte, sondern um etwas dem Christusereignis Vergleichbares, um etwas vom einzelnen Menschen Unabhängiges, um etwas aus derjenigen Dimension, die man gern mit dem Ausdruck extra nos charakterisiert.Footnote 68 Scheinen also bei ‘Werken des Gesetzes’ nicht eigentlich, jedenfalls nicht unmittelbar opera hominum im Blick zu sein,Footnote 69 vielmehr so etwas wie ‘Regelungen des Gesetzes’, wird dieser Eindruck im Übrigen diachron u.a. durch 4QMMT C27Footnote 70 (vgl. B1–2, ferner etwa Apk 2.26) gestützt, synchron u.a. durch 2.1–14 und gerade auch durch 2.19, 21;Footnote 71 denn hier—besonders deutlich in 2.21b—tritt just der νόμος an die Stelle der
ργα νόμου,Footnote 72 also eben etwas Präskriptives. Es lässt sich deshalb im Blick zumindest auf das getting in sagen: Selbst für Juden, für Judenchristen tritt der Rang der Regelungen des Gesetzes, der Halakhot, ja, des Gesetzes, der Tora, generell (s. bes. V. 19: νόμῳ ἀπ
θανον) hinter den Christi zurück.Footnote 73 Die Gebote und das Gesetz haben, wie das Christusereignis lehrt (s. V. 17a), die Sünden nicht verhindert, und der Weg eines solchen jüdischen Menschen erschließt sich über Christus, der sich ‘für mich’ liebend hingegeben hat (s. V. 20).
Zum anderen wird—sozusagen—vom solus Christus her in unserem Passus nicht nur der Zeitpunkt des jeweiligen getting in und das sich damit ergebende Leben beleuchtet, sondern auch eine nun mögliche Gefährdung.Footnote 74 Recht deutlich ist das bei dem in V. 21b offenkundig vorliegenden Enthymem, bei dem dort angedeuteten Syllogismus der Fall.Footnote 75 Denn bei gedanklicher Ergänzung der sich aufgrund des Vorangehenden (s. bes. V. 16, 20) aufdrängenden zweiten Prämisse, nämlich: ‘Christus ist (für mich, für uns, also:) nicht umsonst gestorben’, ergibt sich (als conclusio) allgemein, ohne zeitliche Fokussierung: ‘Nicht durch das Gesetz (kommt es zur) Gerechtigkeit’ bzw. ‘Durch das Gesetz (kommt es) nicht (zur) Gerechtigkeit’ (vgl. V. 16bγ bzw. V. 16a, cβ). Ähnlich wie V. 21bβ spricht auch V. 18b und selbst V. 21a die Gefahr an, zum ‘Übertreter’, zum ‘Übertreter des Christusereignisses’ zu werden und die ‘Gnade Gottes’ zu verwerfen.Footnote 76 Wenn diese Möglichkeit einer Rückwendung, einer Rückwendung nach der Wende, angesprochen wird, lässt das zugleich schärfer erfassen, dass in unserem Passus der Blick nicht auf getting in und staying in beschränkt wird, hier vielmehr jedenfalls dreierlei bedacht wird:
(i) die Wende (2.15–17a),
(ii) die Gefahr eines Rückschritts dahinter (2.17b–18; vgl. V. 21bβ),
(iii) das durch Christus bestimmte Leben (2.19–21).Footnote 77
Diese drei (wirklichen oder doch möglichen) Phasen werden hier für Judenchristen bedacht. Dabei spielen, schaut man genau hin, zwei Zeitadverbien eine gewisse Rolle:Footnote 78 Bei Phase (i) ist es οὐκ
τι, ein Wort, das hier freilich erst in V. 20a begegnet, aber doch so, dass an die als überwunden vorgestellte Zeit der noch nicht durch Christus bestimmten Existenz gedacht ist, in der man sich ‘nicht mehr’ befindet; bei Phase (ii) findet sich entsprechend πάλιν (s. V. 18Footnote 79), genauer: das restitutive πάλιν (im Unterschied zum repetitiven), wiederzugeben etwa mit: ‘zurück’ (oder eben mit: ‘restituierend’).Footnote 80
So wird der Passus 2.15–21 insofern gut auf die in 2.14b voranstehende Frage zu beziehen sein, als sich hier im Blick auf Judenchristen eine Begründung dafür finden lässt, sozusagen
θνικῶς καὶ οὐχὶ Ἰουδαϊκῶς zu leben,Footnote 81 da ja mit Christus die Halakhot und die Tora schon für solche jüdischen Personen irgendwie relativiert worden sind. Das hat, wie bereits die Formulierung von 2.14b nahelegen wird, auch für Leben und Identität von Heidenchristen gewisse Konsequenzen.
Deshalb ist zu Beginn der Beobachtungen zu 3.1–6.17 noch ein wenig näher eben auf die Formulierung von 2.14b einzugehen. Außerdem wird sich im Zusammenhang damit das Wiederauftauchen des οὐκ
τι und des restitutiven πάλιν in 3.1–5.1 als wichtiger Indikator für die Strukturierung der Kap. 3–6 des Galaterbriefs erweisen.
4. Gal 3.1–6.17: Die Wende und das neue Leben bei Heidenchristen
4.1. Gliederung des Abschnitts
Formal findet Gal 2.14b mit der konditionalen Grundstruktur (ϵἰ) und mit dem πῶς zu Beginn des—auf die Protasis (P) folgenden—Nachsatzes (N) eine ganz besonders enge Entsprechung in 1Kor 15.12,Footnote 82 also in: ‘Wenn aber Christus verkündigt wird, dass er aus Toten auferweckt worden ist, wie sagen dann einige unter euch, dass Auferstehung Toter nicht ist?’ Damit ist dort offenkundig ein Syllogismus angedeutet, der dann mit V. 13 und V. 20a (Prämissen) und weniger deutlich mit V. 20b, 21 (conclusio) auch einigermaßen unmissverständlich ausgeführt wird. Das geschieht so, dass in V. 13 zunächst der Nachsatz (N) auf die Negation der betreffenden Protasis (┐P) zugeführt wird—und die sich derart ergebende zusammengesetzte Aussage wirkt denn auch evident—, und in V. 20a kommt es dann zur Formulierung der Negation dieser Negation (P)—abgesichert wohl durch V. 1–11—; das Ergebnis ist dann natürlich das Gegenteil des ursprünglichen Nachsatzes (also: ┐N), nämlich: ‘Auferstehung Toter ist’ bzw. ‘gibt es’. Bei Verwendung von in der mathematischen Logik manchmal befolgten Konventionen sieht das so aus (und es lässt sich hier insofern übrigens von der Figur des modus tollens sprechen):
(1) N → ┐ P
(2)

(3) ┐ N
Wendet man nun dieses Schema auf Gal 2.14b an, so ergibt sich in etwa das Folgende:
(1*) Wenn du (als Jude[nchrist]) Heiden zwingst, nach jüdischer Art zu leben, ist es (erst recht) für dich Juden(christen) angesagt, streng (nämlich: nicht nicht) nach jüdischer Art zu leben.
(2*) (Nun aber gilt:) Der Jude(nchrist) muss nicht streng nach jüdischer Art leben (sofern durch Christus die Halakhot relativiert worden sind).
(3*) (Also:) Du hast Heiden gerade nicht zu zwingen, nach jüdischer Art zu leben.
Diese Gedankenfolge, zu der sich die (von mir durch ‘erst recht’ akzentuierte) Evidenz von (1*) fügt—ferner bemerkenswerterweise auch die semantische Seite des Verbs ἰουδαΐζϵινFootnote 83—, scheint mir nun sehr gut zum Kontext von 2.14b und dabei insbesondere zum Nachfolgenden zu passen. Das gilt zunächst insofern, als, wie ja bereits angesprochen wurde,Footnote 84 2.15–21 durchaus dazu gedacht sein kann, die Wahrheit von (2*) einsichtig zu machen. Diese Verse spielen hier dann eine ähnliche Rolle wie in 1Kor 15 der Beginn des Kapitels, also 1Kor 15.1–11.Footnote 85 Der rückwärtige Kontext war in Gal 2 durch die Bemerkungen zu Paulus’ Auseinandersetzung insbesondere mit Kephas ja schon sozusagen besetzt, und eben auf diese Differenz der Apostel zielt die scharfe Formulierung 2.14b ab: Das Resultat (3*)—also: kein Judaisierungsdruck auf Heidenchristen!—ist das, was Petrus mit diesem Enthymem letztlich entgegengehalten und gesagt werden soll. Es spielt im Übrigen in der auf 2.15–21 folgenden Argumentation nur noch eine eingeschränkte Rolle, ist dort indes (z.B. in 3.1) natürlich sehr wohl vorausgesetzt, zumal es da doch ohne Frage um Heiden und Heidenchristen geht (s. nur 3.8, 14; 4.8–12; vgl. 3.1). Was in 3.1–6.17 dann primär im Blick eben auf aus den ‘Völkern’ stammende Christus-Anhänger ausgeführt wird, ist indes nicht eigentlich eine nochmalige Konstatierung von (3*), genausowenig wie 1Kor 15.20b, 21 sich bei (3) aufhält; vielmehr wird dort ja eher eine ‘Weiterung’ daraus bedacht, nämlich so etwas wie die Bedeutung Christi als ἀπαρχὴ τῶν κϵκοιμημ
νων (1Kor 15.20b).Footnote 86
Mit so etwas wie einer ‘Weiterung’ hat man es auch in (Gal) 3.1–6.17 zu tun. Die Grundstruktur wird dabei durch die Aufeinanderfolge (i), (ii), (iii) von 2.15–21 bestimmt; darauf lässt gerade auch die Verteilung der nun erneut begegnenden Zeitadverbien, nämlich des οὐκ
τι (3.18, 25; 4.7) und des restitutiven πάλιν (4.9b; 5.1 [repetitiv: 4.9c, 19; 5.3, ferner 1.9; 2.1]),Footnote 87 schließen. Als Resultat ergibt sich:
(i’) die Wende (nun bei Heidenchristen) (3.1–4.7),
(ii’) die Gefahr eines Rückschritts dahinter (4.8–5.1),
(iii’) das durch Christus bestimmte Leben (5.2–6.17).Footnote 88
Natürlich wird man hier noch näher differenzieren können (nach meiner Einschätzung vor allem so, dass sich jeweils drei Untereinheiten unterscheiden lassen, nämlich 3.1–14; 3.15–29 und 4.1–7, sodann 4.8–11; 4.12–20 und 4.21–5.1, schließlich 5.2–12; 5.13–6.10; 6.11–17Footnote 89). Wichtiger für unsere Frage nach der Identität ist freilich, dass damit erneut das Moment der—geschehenen und doch gefährdeten—Wende und hierbei nicht zuletzt gleichsam das Motiv solus Christus hervortritt (Χριστός hier übrigens 20mal, von 3.1 an, zuletzt dann in 6.14), offenkundig gerade auch beim Moment der zu praktizierenden Liebe (ἀγαπᾶν: 5.14; ἀγάπη: 5.6, 13, 22). Die betreffende Wortfamilie spielte ja zuvor lediglich in dem, wie wir schon berührten, stark christologisch bestimmten Vers 2.20—also: in (iii)—eine Rolle, und diese Thematik begegnet nun gerade in (iii’). Eben hier heißt es einmal ὁ νόμος τοῦ Χριστοῦ (6.2), und genau hier ist überdies auch von der Erfüllung des ganzen Gesetzes (ὁ γὰρ πᾶς νόμος) im Liebesgebot (Lev 19.18) die Rede (Gal 5.14). Es wird in diesem Passus also sozusagen das solus Christus auf das Verhalten von Heidenchristen hin bedacht, und solches Leben wird zumindest insofern zugleich auch heilsgeschichtlich reflektiert. Dem ist nun mit einigen wenigen Hinweisen nachzugehen:
4.2. Einige ‘Videos’
4.2.1. Abraham-Nachkommenschaft, Gesetz und Taufe (3.1–4.7)
Vieles ließe sich zu diesem—schaut man genauer hin—sehr facettenreichen ‘Video’ sagen. Ich beschränke mich auf drei Punkte:
– Die Wende bei den Heidenchristen wird in 3.1–4.7 eben heilsgeschichtlich eingeordnet. Diese Nicht-Juden werden nämlich deutlich von denjenigen Menschen unterschieden, mit denen das Gesetz und der zeitlich spätere Christus-Glaube zunächst verbunden worden waren (s. nur 3.23–24; vgl. etwa 3.8). Indiz dafür ist, dass—wie vor allem T. L. Donaldson (wieder) ins exegetische Gespräch eingebracht hat—in unserem mit 3.1 zum Ihr übergehenden Passus mehrfach so etwas wie ‘Paul's christological revision of the traditional scenario’ begegnet, wonach nämlich ‘the redemption of Israel […] the necessary prelude to the blessing of the Gentiles’ sein dürfte:Footnote 90 nämlich in 3.1–14, in 3.15–29 und in 4.1–7. Markantes Signal dafür ist die Aufnahme des in 2.15–21 für Judenchristen verwandten Wir in 3.13aFootnote 91 und dann auch in 3.23–25 und 4.3, 5b—während im Anschluss daran in 3.14a zu τὰ
θνη bzw. in 3.26–29 und 4.6a wieder zum Ihr übergegangen wird.Footnote 92– Speziell in 3.15–29 wird so etwas wie eine traditionelle jüdische Sicht—mit E. P. Sanders gesprochen: BundesnomismusFootnote 93—als bekannt vorausgesetzt und in der Grundstruktur auch akzeptiert, aber sogleich doch vom Christusereignis aus uminterpretiert: Danach ist nämlich eben Christus der—eine—Nachkomme Abrahams (s. 3.16; vgl. 3.20a)Footnote 94 und überdies ein Hinweis auf die Unordnung der Schöpfung (s. 3.22a) bzw. auf die Notwendigkeit einer ‘neuen Schöpfung’ (s. 3.22b, 24b; vgl. 6.15b), und auf die Zugehörigkeit eben zu ihm kommt es an (s. 3.26–29).Footnote 95
– Der bekannte Passus 3.26–28/29 bringt die Bedeutung Christi gerade auch für Heidenchristen in einer für die Identitätsthematik besonders eindrücklichen Weise zum Ausdruck:Footnote 96 Am Schluss werden sie als über Christus in die Nachkommenschaft Abrahams einbezogen charakterisiert (V. 29; vgl. 3.6–9, 16), und am Anfang ist denn auch davon die Rede, dass sie eben durch den Glauben an Jesus Christus zu den ‘Söhnen Gottes’ gezählt werden (V. 26). Danach werden zwei für unsere Fragestellung wichtige Merkmale angesprochen (V. 27), nämlich zum einen der Initiations- bzw. Übergangsritus (rite de passage [A. van Gennep]) der Taufe und zum anderen dies, dass damit nun Christus für die Getauften bestimmend ist, formuliert mit der Metapher des (sich mit ihm) ‘Bekleidens’.Footnote 97 Zur Aussage über die Nachkommenschaft Abrahams leitet die Wendung ϵἷς
στϵ
ν Χριστῷ Ἰησοῦ über, ihrerseits eingeleitet durch die berühmte Formulierung: ‘Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann noch Weib’ (3.28).Footnote 98 Hier ist besonders interessant, dass bei der offenkundig doppelt chiastischen Anordnung der Glieder ein traditionsgeschichtlich vorgegebener Vorrang des Juden, überdies des “Freien” und des Mannes angesprochen, aber doch relativiert wird. Betroffen davon ist also auch das Schöpfungsmerkmal von Gen 1.27LXX (‘männlich und weiblich’Footnote 99), ferner die in der Antike übliche gesellschaftliche Schichtung (‘Freier’, ‘Sklave’).Footnote 100
4.2.2. Freiheit, Knechtschaft und Befreiung (4.8–5.1)
Bei diesem ‘Video’ wären ebenfalls mannnigfache Beobachtungen und interpretative Aussagen möglich. Zwei, drei Hinweise müssen auch hier reichen:
– Im Zentrum unserer Passage 4.8–5.1 bemüht Paulus angesichts der (von uns schon angesprochenen) Gefahr eines Rückschritts hinter den Anschluss an Christus soziale Metaphern, um so das Problem möglichst noch bewältigen zu können. Er nimmt in 4.12–20 u.a. auf das seiner damaligen Erkrankung angemessene frühere Verhalten der Galater Bezug, um sie wieder zu einer solch positiven Zuwendung zu bringen (s. V. 12–18), und dass sie hier zunächst ἀδϵλϕοί genannt werden (V. 12),Footnote 101 passt zu diesem Bildbereich. Gesteigert wird der Impetus noch durch Formulierungen, welche die soziale Gefahr eines Ausgeschlossenwerdens heraufbeschwören (V. 17:
κκλϵῖσαι ὑμᾶς θ
λουσιν)Footnote 102 und von den Adressaten als von des Apostels τ
κνα sprechen, die ihrerseits erneut unter Wehen geboren werden müssen (V. 19[-20]).Footnote 103– Der Rahmen und die Gesamtstruktur des Abschnitts haben es indes fraglos mit der Motivik von Freiheit und Knechtschaft zu tun, aber weniger im Sinne der in 3.28 doch wohl auch angesprochenen gesellschaftlichen Rangordnung(en) als vielmehr in einer umfassenderen, ‘religiösen’ Bedeutung. Die Adressaten hatten, so 4.8–11, einst ‘den Göttern, die in Wirklichkeit keine sind’,Footnote 104 sklavisch gedient (V. 8), und obwohl diese Galater inzwischen—dem wahren—Gott begegnet sind (V. 9a; vgl. 4.8, 11), scheinen sie in den früheren Status zurückzufallen, sofern sie—nach Paulus—‘von neuem’Footnote 105 (ἄνωθϵν) τὰ ἀσθϵνῆ καὶ πτωχὰ στοιχϵῖα Knechtschaft erweisen (δουλϵύϵιν) wollen (V. 9), ja, auf ‘Tage […] und Monate und Zeiten und Jahre’ achten.Footnote 106 Da Paulus im Rückblick Ähnliches, aber doch—genau besehen—deutlich weniger Scharfes auch in Bezug auf Juden sagen kann (4.3 [δουλοῦν, genauer: δϵδουλωμ
νοι]),Footnote 107 verwundert es nicht allzusehr, dass er die Angesprochenen—im wesentlichen ja Heidenchristen—in 4.21–5.1 dann mit einer zumal auf Gen 12/16–21 (ferner u.a. auf Jes 54.1) Bezug nehmenden ‘Allegorie’ (s. 4.24) anspricht: Sie, die irgendwie ‘unter dem Gesetz’ sein wollen (4.21; vgl. nur 5.2–3; 6.12: BeschneidungsthematikFootnote 108), laufen seiner Ansicht nach Gefahr, zur Knechtschaft zurückzukehren (5.1b), also eben zu jenem früheren Stadium, von dem in 4.8 die Rede gewesen war. Das wird offensichtlich mit dem Bildfeld verdeutlicht, das von den beiden Freiheit bzw. Sklaverei symbolisierenden, sozusagen kollektiven Frauengestalten Sara und Hagar bestimmt ist.Footnote 109 Während das Verb δουλϵύϵιν (4.25 [zuvor: 4.8, 9]) und das restitutive πάλιν (5.1 [zuvor zuletzt: 4.9b]) dabei für die Hagar-Gruppe gerade auch an den Bereich des Heidentums denken lassen,Footnote 110 werden von der Sara-Gemeinschaft Juden bzw. Judenchristen keineswegs ausgeschlossen. Wenn Paulus in 4.26 von dem ‘oberen Jerusalem’ als ‘unserer Mutter’ spricht, rechnet er sich ja fraglos zu dieser Korporation (ähnlich auch: 4.31; 5.1a).Footnote 111 Ergo: Auch hier geht es um Gruppen, dabei nicht zuletzt um diejenigen Personen, die ‘Christus freigemacht’ hat (5.1a). Freilich, der Zusammenhalt eben dieser Gemeinschaft ist gefährdet.
4.2.3. Kreuz, Neuschöpfung und ‘Israel Gottes’ (5.2–6.17)
Der Abschnitt 5.2–6.17 hat es in seinem Zentrum, in 5.13–6.10, mit dem Leben der Heidenchristen zu tun: Es soll durch die Liebe bestimmt sein und entspricht dann irgendwie dem νόμος (V. 13–14 [auch: Rückgriff auf Lev 19.18]), fügt sich insofern auch in dessen Rahmen ein (V. 23b), ja, erfüllt das ‘Gesetz Christi’ (6.2)—der ja seinerseits gerade auch in seinem Tod die Haltung der Liebe praktiziert hatte und der nun selbst in dem Christus-Gläubigen lebt (so 2.20).Footnote 112 Diese also—verblüffenderweise—letztlich gesetzeskonforme ExistenzFootnote 113 erhält demnach so etwas wie ihre Identität eben durch Christus (vgl. noch V. 24: οἱ δ
τοῦ Χριστοῦ) und das πνϵῦμα (s. V. 16, 17, 18, 22, 25; 6.1, 8). Indes, in den Randpassagen dieses—oft als paränetisch aufgefasstenFootnote 114—Briefsegments ist doch bemerkenswert nachdrücklich und deutlich von dem die Rede, was nach Paulus die galatischen Gemeinden bedroht. Diese ‘Video’-Sequenzen beginnen denn auch in 5.2 und 6.11 jeweils damit, dass sich der apostolische Verfasser (vgl. 1.1) mit Vehemenz einbringt: mit einem Imperativ (ἴδϵ bzw. ἴδϵτϵ) und mit einem Hinweis eben auf sich (
γὼ Παῦλος bzw. τῇ
μῇ χϵιρί). Zu dem, was er so einleitet,Footnote 115 können hier ebenfalls nur einige wenige, knappe Hinweise gegeben werden:
– Stärker als das Positivum der Liebe (s. bes. 5.6: πίστις δἰ ἀγάπης
νϵργουμ
νη) wird hier betont, dass der σταυρός (τοῦ Χριστοῦ) (5.11; 6.12, 14), das Kreuz (Christi), so etwas wie eine Beendigung von anderen Optionen sei.Footnote 116 Genannt werden Beschneidung (s. 5.11; 6.12[-13]; vgl. 6.15), σάρξ (6.12[-13]) und κόσμος (6.14; vgl. 4.3 und [4.9]: τὰ στοιχϵῖα τοῦ κόσμου). Das concretum der den Heidenchristen von bestimmten Personen oder Kreisen nahegelegten Beschneidung (vgl. noch 5.2–3, 6, auch 2.3)Footnote 117 wird also in einen umfassenderen Kontext gestellt (vgl. nochmals 1.16; 2.8–10; 3.8, 14).– Die zeitliche, ja, apokalyptische DimensionFootnote 118 der universalen Umordnung durch das Christusgeschehen wird gegen Schluss in 6.15 durch den Begriff καινὴ κτίσις zum Ausdruck gebracht (vgl. nochmals 3.22b, 24b)—ein Sachverhalt der, wie berührt, auch in 3.28 schon anklang,Footnote 119 überdies in 1.(3-)4 (wo ja von der durch Christus erfolgenden und erfolgten Herausnahme bzw. Rettung
κ τοῦ αἰῶνος τοῦ
νϵστῶτος πονηροῦ die Rede ist).Footnote 120 Der neue Status von Heidenchristen ist nach Paulus also geradezu eine Sache der Abfolge von Äonen (vgl. 1.5).– Auf diesem Hintergrund verdient besondere Beachtung, dass die apokalyptischen Erwägungen zum Kosmos nicht zur Negation der HeilsgeschichteFootnote 121 führen, vielmehr in 6.16 auf ein Segenswort
πὶ τὸν Ἰσραὴλ τοῦ θϵοῦ hinauslaufen.Footnote 122 Diese Wendung wird nämlich schon angesichts eben der heilsgeschichtlichen Züge des Galaterbriefs (s. nur 1.13–15; 2.15–21; 3.1–4.7 [bes. 4.4–6]; 4.21–5.1) nicht im übertragenen Sinn verstanden (und nicht etwa nur auf Christen oder gar allein auf Heidenchristen bezogen) werden dürfen.Footnote 123 Der paulinische Sprachgebrauch bei der Wortfamilie Ἰσραήλ/Ἰσραηλίτης (Corpus Paulinum [ohne Eph 2.12]: 16mal/3mal) kommt stützend hinzu, überdies Traditionsgeschichtliches (s. bes. Ps 127[128].6 [vgl. V. 1, 5]; 4QMMT C31–32; PapMur 42.7).Footnote 124 Die Neuschöpfung, die gerade auch eine geänderte Identität von Heiden ermöglicht, nämlich eben die von Heidenchristen, wird bei dem insofern in der Tat apokalyptisch denkenden Apostel so nicht als Ende, vielmehr als Vollendung der Heilsgeschichte begriffen.
5. Gal 1.1–5; 6.18: Briefrahmen—und Zusammenfassung
Der Briefrahmen, 1.1–5 und 6.18, nimmt ebenfalls auf das für den Absender entscheidende apokalyptische Ereignis Bezug, auf das Christusgeschehen (s. bes. 1.1b, 3–4; 6.18a)—und dabei wird übrigens zu Beginn wie zum Beschluss eine mit ἀμήν endende sprachliche Form gewähltFootnote 125—. Für die unsere Beobachtungen bestimmende Frage nach der Identität lässt sich auch deshalb sagen: Paulus fasst im Galaterbrief Christus, nicht zuletzt die Auferweckung Christi durch Gott (s. 1.1b), auch Jesu Tod (s. bes. 2.20–21), als diejenige Größe auf, die ihn, den Verfasser des Schreibens, zu einer Wende geführt hat, ebenso andere Juden, ja, selbst Heiden. Das bestimmt einen neuen Habitus, und das mentale Konzept dahinter lässt sich etwa durch eine dem Verhalten Christi gemäße tätige Liebe charakterisieren, umgreifender noch durch den Begriff καινὴ κτίσις (von 6.15). So sehr damit die Weite der Menschheit, auch: der ‘Völker’, in den Blick kommt, so wenig wird dabei die Heilsgeschichte geleugnet: Zwar wird das Gesetz fraglos relativiert—für Judenchristen und, Paulus zufolge, sozusagen auch für Heidenchristen, die gerade nicht der Beschneidungsregel unterworfen werden sollen—obwohl eben die Beschneidungsforderung von bestimmten Personen propagiert wird (die dabei, wie ja schon angesprochen, möglicherweise sogar mit dem Ausschluss Nicht-Beschnittener drohen [s. nochmals 4.17]).Footnote 126 Aber die ethische Substanz des νόμος wird vom Autor dieses kämpferischen, polemischen Briefes durchaus nicht aufgegeben.Footnote 127 Das Beharren auf der Inklusion unbeschnittener Nicht-Juden in die Gruppe der Christus-Gläubigen, die sehr wohl eben auch Juden umfasst (s. nur 2.15–17a; vgl. 4.4–5), ist schon deshalb keine Negierung des Weges Gottes mit den Seinen, keine Revozierung heilsgeschichtlichen Denkens.Footnote 128 Das ist um so weniger der Fall, als ja gegen Schluss des Galaterbriefs (nämlich in 6.16) ausgerechnet dem ‘Israel Gottes’ ein Segensgruß gilt.Footnote 129
ργα νόμου. After joining Christ (cf. 2.20; 3.18, 25; 4.7: οὐκ
τι), according to Paul, one has to take heed of the danger of a relapse, thus falling behind this event (cf. 2.18; 4.9b; 5.1: restitutive πάλιν). Furthermore, the apostle expects, astonishingly enough, a habitus of the addressees conforming to the law (see 5.14, 23b; 6.2). And the ‘Israel of God’ (compare especially Ps 127[128].6; 4QMMT C31–32; PapMur 42.7) even receives a peace greeting in 6.16. This view probably stands contrary to many exegetical expectations (due to the [purely] non-Jewish identities of Christians through many centuries).