1. Forschungsstand
Die Perikope Lk 13.22–30 scheint vielen Interpreten ein gewisses oder vielmehr ungewisses Unbehagen zu bereiten. Breites Einvernehmen herrscht darüber, dass die Passage eine Ausarbeitung von—zusammenhängenden oder redaktionell arrangierten—Q-Logien darstellt.Footnote 1 Mt und Lk finden ein Grundgerüst vor, das sie formal wie inhaltlich unterschiedlich ausarbeiten. Doch, so sieht es nicht nur Bovon: ‘Das lukanische Puzzle von Texten verschiedener Herkunft erzeugt leichte logische Spannungen’.Footnote 2 Heil erscheint die ‘Bildlogik von Q 13.24–27 […] sehr sprunghaft’,Footnote 3 da sich der Bedeutungsschwerpunkt der Tür-Metapher bei Lukas von ‘eng’ zu ‘verschlossen’ verschiebe. Das ist nach Ansicht Paul Hoffmanns ‘nicht nur als Symptom für ungeschickte Kompositionsarbeit zu werten, sondern läßt erkennen, daß der Redaktor auf diesen ursprünglich entscheidenden Punkt des Bildwortes keinen Wert legt’.Footnote 4 C. M. Tuckett ist der Ansicht, ‘to call the door “narrow” seems to overload the imagery somewhat’.Footnote 5 Bovon sieht in diesem vermeintlichen Schwerpunktwechsel eine Verlagerung vom ethischen ἀγών hin zu einem ‘Vorwurf an die unentschiedenen Zuschauer und Zuschauerinnen’.Footnote 6
Als Hintergrund der Tür-Metapher macht Wolter TestAbrA 11.3 aus, wo von einem breiten und einem schmalen Himmelsweg die Rede ist, die entsprechend zu einem breiten bzw. schmalen Tor am Ende führen. Engel führen viele Seelen durch das breite Tor ins Verderben, durch das enge zum Heil gelangen aber nur wenige.Footnote 7 Dass Lukas im Gegensatz zu Matthäus aber von θύρα, also einer (Haus-)Tür spricht und nicht von πύλη (einem Tor, vgl. Mt 7.13a diff Lk 13.24ab, siehe unten), wird von Wolter nicht problematisiert.Footnote 8
Einen weiteren Quell des Unbehagens scheint die Chronologie der erzählten Ereignisse darzustellen; es rührt daher, dass von vielen Interpreten im Anschluss an Jeremias das Schließen der Tür als ‘unwiderrufliches Zuspät’Footnote 9 aufgefasst wird. Die Entscheidung über Einlass oder Ausschluss wird demnach als eine Frage des Zeitpunktes verstanden, wodurch erklärungsbedürftig wird, seit wann sich die Größen Israels beim Gastmahl der βασιλϵία aufhalten (vgl. V. 28),Footnote 10 und warum die später eintreffenden Gäste an den Ausgeschlossenen vorbei defilieren können, also offenbar trotz bereits verschlossener Tür noch eingelassen werden (vgl. V. 29).Footnote 11 Hinzu kommt: Wie können die Ausgeschlossenen eigentlich noch sehen, was drinnen vor sich geht, wenn die Tür doch ins Schloss gefallen ist? Vielleicht durch die Fenster?Footnote 12 Diese Probleme, die kaum einmal klar benannt werden, sind durch den Verweis auf narrative Schwächen des Textes nicht zufriedenstellend gelöst,Footnote 13 und so hat sich seit einiger Zeit das Interesse auf die Vorlagen der Perikope verlagert.Footnote 14 Jonas setzt sich auf der Ebene von Q 13.24–27 mit dem Bildbereich des Hauses und Hausherrn auseinander und nimmt dafür ‘die einfache und allgemeinverständliche Vorstellung eines (Wohn-)Hauses mit seinem Hausherrn’Footnote 15 an. Diese Hausform zeichne sich dadurch aus, dass es nur einen engen Hauseingang gebe, durch den es hinein- und hinausgehe. Eine nähere architekturgeschichtliche Einordnung wird nicht vorgenommen, die Gestalt des Hausherrn (V. 25a) lasse aber an die ‘Hausgemeinschaft eines bäuerlichen Landguts’Footnote 16 denken. Näheres dazu findet sich bei Richardson: Der untersucht die Wohnbebauung in Galiläa und Gaulanitis im 1. Jh. n. Chr. und berichtet, die dort ausgegrabenen Wohnhäuser seien ‘relatively simple, one or two stories of rough masonry construction, with almost no hewn stones even around the openings. […] Second floors and roofs would have been constructed from small locally cut wooden beams […]’.Footnote 17 An den Hängen gelegene, teils zwei- oder dreistöckige Häuser sind terrassiert gebaut, der generell schlichte Stil findet sich in ähnlicher Weise auch in den anderen beiden untersuchten Siedlungen.Footnote 18 Die große Ausnahme bildet ein in Yodefat ausgegrabenes Haus mit Fresken auf Wänden und Fußboden, das auf größeren Reichtum hinweist und die Frage aufwirft, ob es sich um ein (in dieser Umgebung noch nicht entdecktes) Peristyl-Haus handelt, dessen künstlerische Gestaltung an die Epoche des sog. Ersten Stils in Pompeji denken lässt.Footnote 19 Ausgehend von den untersuchten Befestigungsanlagen schließt Richardson in Bezug auf Q 13.24: ‘Followers must enter by the narrow gate, as in a walled town’,Footnote 20 siedelt das Geschehen also nicht auf häuslicher, sondern städtischer Ebene an.
Der vorliegende Beitrag nimmt die lukanische Komposition ins Visier und versucht aufzuweisen, dass die unterstellten Spannungen sich lösen, wenn der bildspendende Bereich von Tür, Hausherr und Haus, sowie die in diesem Kontext beschriebene Interaktion konsequent auf das kulturelle Umfeld des Lukasevangeliums hin untersucht werden.Footnote 21 Dabei eröffnet der Blick auf die zeitgenössische städtische domus-Architektur eine Perspektive, von der aus die Metaphern und sprachlichen Erweiterungen des Evangelisten sich zu einer planvollen Anlage fügen. Mit Rekurs auf ein den Adressaten vertrautes kulturelles Skript (häuslicher Empfang von amici/clientes) wird diesen eine klare Handlungsanweisung in Form einer leicht verständlichen Drohrede mitgeteilt. Darüber hinaus verweisen die sprachlich-stilistischen Eigenarten der lukanischen Komposition, die v. a. durch den Vergleich mit Matthäusparallelen ins Auge fallen, auf einen Autoritätskonflikt zwischen frühchristlichen Hauseignern und wandernden Propheten.
2. Analyse von Lk 13.22–30
Zunächst zur Ereignisfolge der Perikope, die sich wie folgt darstellt:
Die Matthäus und Lukas gemeinsamen Logien sind bei ersterem auf unterschiedliche Stellen in verschiedenen Zusammenhängen verteilt.Footnote 22 Nur Lukas bietet eine Einleitung,Footnote 23 in der das Lehren (διδάσκων, V. 22b) und Wandern unter Verwendung von διαπορϵύϵιν + πορϵίαν ποιϵῖν (V. 22a.c) hervorgehoben werden, wobei letztere Wendung im gesamten Neuen Testament als hapax steht.Footnote 24 Die einschlägigen Q-Editionen nehmen diese Einleitung nicht in das Textkorpus auf.Footnote 25 Die Aufforderung zum Hineingehen (vgl. Mt 7.13a par Lk 13.24ab) unterscheidet sich durch zwei Elemente:

Bei Matthäus wird direkt aufgefordert, durch das enge Tor hineinzugehen (nämlich ϵἰς τὴν ζωήν, Mt 7.14a), bei Lukas sollen die Angesprochenen sich anstrengen, durch die enge Tür hineinzugehen (in die βασιλϵία, Lk 13.28b).Footnote 26 D. h., Matthäus hat die direkte Aufforderung und das Tor (πύλη), Lukas die Anstrengung und die Tür (θύρα). Dieser lässt auch als Einziger einen Hausherrn auftreten bzw. aufstehen (vgl. V. 25a) und die Tür verschließen,Footnote 27 was die Frage aufwirft, wovon und—damit verknüpft—wann dieser aufsteht. Auch dass sich die Angesprochenen hinstellen (
στάναι) und an die Tür klopfen, ist nur bei Lukas zu finden (vgl. Lk 13.25de). Auffallend ist die zweifache Antwort des lukanischen Hausherrn gegenüber der des matthäischen Bräutigams:

Die stilistisch merkwürdige Ergänzung, bei der die unbekannte Herkunft der um Einlass Bittenden betont wird, geht wohl auf das Konto des Evangelisten.Footnote 28 An sie schließt sich ein Erinnerungsversuch an, der wiederum nur bei Lk überliefert ist: Essen und Trinken
νώπιόν σου und die Lehre (
δίδαξας) des angesprochenen Hausherrn in ihren Straßen (
ν ταῖς πλατϵίαις ἡμῶν) werden vorgebracht, wodurch mit διδάσκϵιν eine sprachliche Analepse auf den Beginn der Perikope vollzogen wird (vgl. V. 22b, 26e).
Die zweite Antwort des Hausherrn enthält die endgültige Zurückweisung (vgl. Lk 13.27). Dabei scheint nicht recht deutlich zu werden, warum den Angesprochenen in Abwandlung von Ps 6.9a entgegengeschleudert wird, sie seien
ργάται ἀδικίας, wo der Hausherr sie doch überhaupt nicht kennt. Bei der matthäischen Komposition (vgl. Mt 8.21–23) wird die Zurückweisung damit begründet, dass die behaupteten Handlungen (Prophetie, Exorzismen und Wundertaten) sich durch Rekurs auf Jesu Namen legitimieren sollen. Behauptet Jesus nun, diese Leute nicht zu kennen, ist auch ihr Handeln diskreditiert. Hart genug in der Konsequenz, scheint der Begründungszusammenhang bei Matthäus zunächst plausibler als bei Lukas.
Die Anschlussverse stellen sich in beiden Evangelien wie folgt dar:

Matthäus stellt die von Osten und Westen Kommenden voran, lässt sie mit Abraham, Isaak und Jakob Platz nehmen und sodann die Söhne der βασιλϵία in die Finsternis hinauswerfen. Dort folgt das Heulen und Zähneknirschen. Das aber steht bei Lukas gleich zu Beginn; statt um Finsternis geht es ihm darum, dass die Hinausgeworfenen, sich grämend, sehen was drinnen passiert: Abraham, Isaak, Jakob und alle Propheten (diff Mt 8.11b!) beim Gastmahl, sich selbst draußen, und noch dazu Weitere aus allen vier Himmelsrichtungen, die an ihnen vorbei ins Gastmahl der βασιλϵία einziehen.
Den Spruch von den Letzten und Ersten bietet Lukas in unbestimmter Form: Weder legt er sich darauf fest, dass es πολλοί seien, deren Position sich ändern wird (Mk 10.31 par Mt 19.30), noch behauptet, dass alle Letzten Erste sein werden und umgekehrt (vgl. Mt 20.16). Vielmehr scheint diese unterdefinierte Angabe einen Wink auf eine bestimmte Gruppe zu enthalten, der sich dem impliziten Leser aus dem Vorhergehenden erschließt.
3. Architekturgeschichtlicher Hintergrund
In seinen gegen Ende des ersten Jhs. v. Chr. verfassten De Architectura Decem Libri gibt der Architekt Vitruvius u. a. Anweisungen zum Bau einer städtischen domus.Footnote 29 Die Bestimmungen zur Anordnung der Räumlichkeiten wurden von Ausgräbern des späten 19. und frühen 20. Jhs. mit Hausfunden v. a. in Pompeji in Verbindung gebracht, was zur Typbezeichnung des Atriumhauses geführt hat.Footnote 30
Plan einer hypothetischen domus mit Terminologie Vitruvius', erstveröffentlicht in: Figure 17.1 Hypothetical houseplan labeled with Vitruvian terminology, in: P. M. Allision, ‘Domestic Spaces and Activities’, The World of Pompeii (ed. J. J. Dobbins/P. W. Foss; London: Routledge, 2007) 269–78 (270). Mit freundlicher Genehmigung von Taylor & Francis.
Dieses zeichnet sich durch eine Eingangshalle mit rechteckiger Aussparung im Dach aus, dem compluvium, durch das Regenwasser in ein der Größe dieser Aussparung entsprechendes Auffangbecken, das impluvium, fallen kann. Dieses schon von Vitruv sog. atrium bildet nach Wallace-Hadrill den Nucleus des römischen Hauses, aus dem heraus bzw. um den herum sich die mit der Zeit komplexer werdende domus herausbildet.Footnote 31 Der Zugang von der Straße aus erfolgt durch vestibulum und fauces in Form eines engen Korridors, dessen Breite im Verhältnis zum tablinum festgelegt ist (vgl. Vitr Arch 6.3.6). Dieses bildete zunächst den Abschluss der domus und diente ursprünglich dem paterfamilias und seiner Gattin als Ehelager, später blieb vom Ehebett (lectus adversus) nur noch eine schmale Liege als bauliche Reminiszenz an die ursprüngliche Nutzung übrig.Footnote 32 Das tablinum wandelte sich zu einer Art Büro des Hausherrn, der idealiter bei seiner Arbeit im Dienste der Allgemeinheit vom Hauseingang aus zu sehen war.Footnote 33 Zum Durchgangsraum wurde es bei der Erweiterung des Atriumhauses um das griechische Peristyl ab dem zweiten Jh. v. Chr., ein (ganz oder teilweise) mit Säulenumgängen umgebener Garten. Die darin ggf. befindlichen Wasserspiele, Statuen und Dekorationen der umgebenden Wände boten das Ambiente für Unterhaltung und Festessen im Kreise intimerer Gäste. ‘Das Peristyl ermöglichte mit seinen Säulengängen aber auch Spaziergänge (ambulationes), wie sie bisher nur im öffentlichen Raum möglich gewesen waren’.Footnote 34 Oft war in die rückwärtige Wand der Lararienschrein mit den Hausgöttern eingefügt, denen der paterfamilias als Vorsteher des Hauskults opferte.Footnote 35
Das Atriumhaus zeichnet sich durch eine bewusst gestaltete Axialität aus, die den Blick des von der Straße kommenden Besuchers vom vestibulum durch die engen fauces auf Atrium, tablinum und Peristyl lenkt. Kunst betont, ‘dass anders als in anderen axial angelegten Bauten die Achse nicht auf ein eindeutiges Ziel gerichtet ist, sondern immer ein Raumensemble in den Blick nimmt, worin […] die eigentliche Deutung des römischen Hauses zu suchen ist’.Footnote 36
Casa del Poeta Tragico, Pompeji (VI 8.3–5), Blick durch die fauces (online in Farbe). Quelle: Martin Ebner, mit freundlicher Genehmigung. 2a: Blick aus dem tablinum (online in Farbe). Quelle: Autorenfoto.
Der Blick vom Eingang aus vermittelt eine Offenheit des Hauses, die jedoch in mehrerlei Hinsicht ihre Tücken hat: Hales streicht heraus, dass etwa der Blick durch das Atrium auf das zentrale tablinum keinen gangbaren Weg durch das Haus darstellt. Der eintretende Besucher müsste um das impluvium herum gehen, vom Atrium aus aber könnte er erst die Wandmalereien sehen, auf die der Außenstehende durch den schmalen Korridor der fauces keine Sicht hat. Auch dem durch das tablinum gelenkten Blick ins Peristyl entspricht kein realer Durchgang, da dieser über die vom Eingang aus nicht sichtbaren Seitenflügel führt.Footnote 37 Durch die ambulationes flanierende Gäste sind von außen ebenso dem Blick entzogen wie die Wandgestaltung und die vom Peristyl seitlich abgehenden cubicula. Dass die Außenperspektive auch mit Blick auf diese hinteren Gebäudeteile in die Bauplanung mit einbezogen war, zeigt der Umstand, dass die Sichtachse vom Eingang aus ein vollständiges Peristyl insinuiert, wo oftmals tatsächlich nur eine oder zwei Säulenreihen errichtet sind.Footnote 38 So in der (modern sog.) Casa del Poeta tragico in Pompeji (VI 8.3–5), wo der Betrachter von der Straße aus durch die fauces an dem Mosaik eines Wachhundes vorbei bis auf den Lararienschrein am hinteren Ende des Peristyls blickt. Dieses besteht freilich nur aus zwei statt vier Säulenreihen, und für den Betrachter im Innenraum ist darüber hinaus zu sehen, dass der Schrein nicht mittig, sondern in einer Ecke postiert ist. Hales fasst zusammen: ‘The experience of the house was deliberately differentiated between insider and outsider. Even where insider and outsider looked at the same object, they did so from a different perspective.’Footnote 39
Diese Differenzierung in der Perspektive verweist auf eine dem modernen Verständnis gegenüber abweichende Auffassung von Öffentlichkeit und Privatheit. So fungierte das Haus einflussreicher Männer nicht zuletzt als Ort öffentlicher Selbstdarstellung, zu dem auch ein gewisser Luxus als angemessener Ausdruck des eigenen Status gehörte.Footnote 40 Das Ideal eines offenen Hauses stand dabei im Zusammenhang mit den sozio-politischen Verpflichtungen seines elitären Herrn: ‘The good senator would inevitably keep an open house’.Footnote 41 Vitruvius ist der Ansicht, dass hochstehenden Persönlichkeiten mit öffentlichen Ämtern entsprechend großartige Anlagen zustehen, weil sie ‘den Bürgern gegenüber Verpflichtungen erfüllen müssen’—praestare debent officia civibus (Vitr Arch 6.5.2). Es geht dabei v. a. darum, Gäste empfangen zu können:
Daher sind für Leute, die nur durchschnittliches Vermögen besitzen, prächtige Vorhallen, Empfangssäle, Atrien nicht notwendig, weil diese Leute anderen durch ihren Besuch ihre Aufwartung machen, aber nicht von anderen besucht werden (quod aliis officia praestant ambiundo neque ab aliis ambiuntur).Footnote 42 (Vitr Arch 6.5.1)
Die Wendung officia praestare gehört in den Kontext des reziproken Austauschs von Gütern und Dienstleistungen, der in der römischen Gesellschaft nach festen Regeln und Zuständigkeiten ablief. Den hier als sozial inferior dargestellten Gästen eines wohlhabenden Hausherrn kam u. a. die Pflicht zu, (in möglichst großer Zahl) vor dessen Haus zu erscheinen. Dies konnte z. B. aus Dank für empfangene Wohltaten bei der morgendlichen salutatio geschehen, wobei es dem so geehrten Hausherrn wiederum zukam, sog. sportulae, kleinere Geldbeträge oder auch Nahrungsrationen, an seine Klientel zu verteilen. Die Größe der Menschenansammlung galt als Gradmesser für das Ansehen des Mannes, der hier auch seine potentielle Wählerschaft für politische Ämter um sich versammelte, jedenfalls aber eine ihm zu Loyalität verpflichtete Klientel. Seneca echauffiert sich über die dabei vorgenommene Einteilung von Freunden in unterschiedliche Klassen: Die einen werden unter vier Augen empfangen, die anderen in einer größeren Gruppe, der Rest in großer Schar (vgl. Sen Ben 6.34.2). Auch für einflussreiche Hausherren, ‘deren Aufwartung (salutatio) die Stadt erschüttert’, aber gilt: ‘Im Herzen wird ein Freund gesucht, nicht im Atrium’ (Sen Ben 6.34.5).Footnote 43
Eine andere Gelegenheit für den ‘freundschaftlichen’ Austausch bot die abendliche cena. Schmitt-Pantel hält fest, dass im Sommer triclinia ‘entweder auf Terrassen, unter dem Peristylion oder im Garten unter einer Pergola errichtet’Footnote 44 werden konnten. Kunst weist auf steinerne Liegen (clinia) zum Speisen im Außenbereich hin.Footnote 45 So war es durchaus möglich, die beim Gastmahl Liegenden vom Eingang aus zu sehen, etwa bei der Casa di Trebius Valens in Pompeji (III 2,1), wo der Blick auf das Sommertriklinium an der Rückwand des Hauses gelenkt wird.Footnote 46 Die unterschiedliche Behandlung der Gäste bei einem Gastmahl kritisiert Plinius am Beispiel eines geizigen Gastgebers, der seinen in unterschiedliche Rangstufen eingeteilten Freunden verschieden große und hochwertige Speiseportionen und Weine aufgetischt habe (vgl. Plin Ep 2.6.2–3). Plinius lehnt die Vorstellung von amicitiae tam superiores quam minores (7.3.2) ab.Footnote 47 Vitruv differenziert, wer in welche Räume vorzulassen sei; so sollen cubicula, triclinia, balneae ceteraeque der Familie des Hausherrn und geladenen Gästen vorbehalten bleiben, während das gemeine Volk sich in vestibula, cava aedium [Atriumbereich, M. A.], peristylia (Vitr Arch 6.5.1) und weiteren in dieser Weise genutzten Räumen aufhalten dürfe. Das Ideal des offenen Hauses, das bis ins zweite Jh. n. Chr. fortlebte, war mit dem Gedanken des Dienstes am Staat verknüpft, das Verborgene wurde hingegen als Brutstätte des Umsturzes gesehen.Footnote 48 Diese Auffassung ist literarisch etwa im Lob Plutarchs auf Cicero zu greifen: Dieser wird dafür gepriesen, dass sein Haus keinen Türhüter (θυρωρόν) gehabt habe und er nie müßig daliegend (κατακϵίμϵνος) gesehen worden sei—ein Hinweis auf die öffentliche Sichtbarkeit entweder des Bettes (im tablinum) oder des Trikliniums—sondern schon früh am Morgen vor seiner Kammer (δωμάτιον – tablinum?) gestanden habe, um die ihm Aufwartenden zu empfangen (vgl. Plut Cic 36.3).
Cicero selbst erzählt den Fall eines jungen Mannes, der sich beim Volkstribun M. Pomponius, der seinen Vater angeklagt hatte, für diesen einsetzen wollte. Primo luci sei dieser L. Manlius dazu nach Rom gereist und zu Pomponius' Haus gegangen: ‘Als diesem das gemeldet worden war, erhob er sich vom Lager (surrexit a lectulo)—denn er glaubte, jener bringe aus Zorn etwas gegen seinen Vater vor—, schickte alle Augenzeugen weg und ließ den jungen Mann zu sich kommen’ (Cic Off 3.112). Das morgendliche Setting, der vom lectulus sich erhebende Hausherr, der unter Ausschluss der umstehenden Klienten den Bittsteller ins tablinum vorlässt—all das lässt sich auf der Basis des Erläuterten gut im Interaktionsraum der domus lokalisieren. Demgegenüber rät der Senator Fronto Mitte des zweiten Jhs. n. Chr. bereits dazu, die privaten Hausbereiche durch Eisen und Türhüter zu versperren (vgl. Fronto, Ep Graec 5.1).
Wie und wo wurde also der Zugang zum Haus reguliert? Als erstes ist natürlich die Eingangstür zu nennen: Vitruv verweist bei seinen diesbezüglichen Anordnungen auf die im vierten Kapitel behandelten Tempeltüren (vgl. Vitr Arch 6.3.6, 4.6), woran—wie bei den ambulationes im Peristyl—die Orientierung der privaten domus-Architektur an öffentlichen Bauten zu erkennen ist. ‘The door was […] an opportunity to impress’,Footnote 49 Pilaster und Halbsäulen als Anleihen aus der öffentlichen (Tempel-)Architektur sollten die Blicke von der Straße auf den Hauseingang ziehen und—bei geöffneter Tür—Einblick bieten in den Wirkungsbereich des paterfamilias.
Casa del Gran Portale, Herculaneum (V 34–35), Eingang (online in Farbe). Quelle: Autorenfoto.
Casa di Galba, Herculaneum (VII 2), linke und rechte Halterung für Verriegelungsbalken am Eingang (online in Farbe). Quelle: Autorenfotos.
In der Casa di Galba in Herculaneum finden sich an den Innenseiten der Eingangstür Halterungen für einen Querbalken zur Verriegelung der Tür. Zur Bewachung des Eingangs ist in der Cena Trimalchionis ein livrierter ostiarius vor dem Haus postiert (vgl. Petr Sat 28.8), der auch eine eigene cella hat (vgl. Petr Sat 28.9). Den atriensis wiederum fragt der Protagonist Enkolp, der sich nun wahrscheinlich im Atrium aufhält, nach den Wandgemälden in medio (Petr Sat 29.9), die er nicht sehen kann—möglicherweise an den Seitenwänden des tablinum? Im Atrium begegneten die Klienten ihrem Patron, der ihnen aus dem tablinum entgegentrat, indem er einen Vorhang zur Seite schlug. Darauf lassen nach Kunst u. a. die Bronzehalterungen schließen, die z. B. in der Casa delle Nozze d'Argento in Pompeji (V 2,1) gefunden wurden. ‘Im Haus der hölzernen Trennwand (III 11) in Herculaneum ist dagegen eine dreiflügelige Schiebewand, die sich auf Drehscharnieren bewegte, aus Holz erhalten, die das tablinum abschließen konnte’.Footnote 50
Casa del Tramezzo di Legno, Herculaneum (III 11), tablinum aus Holz (online in Farbe). Quelle: Autorenfoto.
Noch einmal zu Seneca, der die Anonymität der Massenabfertigung von amici bei der morgendlichen Aufwartung missbilligt, bei der aus dicken Büchern ein nomenclator die Namen der Bittsteller verliest (vgl. Sen Ben 6.33.4): ‘Nicht sind das Freunde, die in langem Zug an die Tür klopfen (qui agmine magno ianuam pulsant), die in die erste und zweite Audienz eingeteilt werden’ (Sen Ben 6.34.1). Dabei war weniger zu fürchten, dass man nicht eingelassen wurde, sondern vielmehr drinnen, d. h. im Atrium, seinen inferioren Status vor Augen geführt zu bekommen. Selbst Mitglied der Oberschicht, wechselt Seneca die Perspektive und versetzt sich empathisch in einen Klienten, der es sich zur Ehre anrechnen soll, als Erster das Haus seines Patrons betreten zu dürfen, ‘in dem es dann noch viele Türen gibt, die auch Menschen ausschließen, die eingelassen worden sind’ (Sen Ben 6.34.1). Gemeint sind die Menschen, die das Atrium, nicht aber das Peristyl betreten durften. Wallace-Hadrill sieht im Zuge der Etablierung des Peristyls in der römischen domus-Architektur das ehemals zentrale Atrium ‘reduced to the nucleus of less privileged activity’Footnote 51—hier war der Ort für die Interaktion mit statusniederen Bittstellern, dort, in den großzügiger ausgestatteten Arealen, empfing man die privilegierteren amici, war also unter sich.
Für Hales besteht der Unterschied zwischen Arm und Reich im Kontext der römischen domus darin, dass die reichen Hauseigner sich in ihre privaten Welten zurückziehen konnten, die sie gleichzeitig als Mittel öffentlicher Selbstinszenierung nutzten. Demgegenüber blieben die Armen selbst im öffentlichen Raum, in den sie mangels eigenen Wohnkomforts gedrängt wurden, ‘invisible and “private” even when living in public’.Footnote 52 Trotz Anonymität aber war das ‘Antichambrieren’ des Bittstellers schambehaftet, Seneca spricht von einem, ‘der durch böswillig geöffnete Türen nicht eintritt, sondern sich einschleicht’—qui per fores maligne apertas non intrat, sed inlabitur (Sen Ben 6.34.3). Die Demütigung für den sich Einschleichenden bestand darin, dass er zwar ggf. Teil einer anonymen Masse, dabei aber durchaus nicht unsichtbar war: Bei der salutatio unter den Letzten zu warten oder bei der cena auf den ‘billigen Plätzen’ zu liegen (siehe Plinius), bedeutete Teil der Inszenierung zu sein, und zwar in der Rolle des armen Schluckers oder demütigen Bittstellers, ohne den die des großzügigen Gebers gar nicht besetzt werden konnte. Diese Inszenierung einer bestimmten Gesellschaftsordnung diente ihrer Affirmation und wurde an den verschiedenen Stätten urbaner Öffentlichkeit aufgeführt: auf dem Forum, der cavea des Amphitheaters, auf der Gräberstraße und eben auch in der privaten domus. Insofern erfüllte der Zaungast am Haus des Gönners diesem gegenüber sein officium, also seinen Teil des reziproken Patronage-Abkommens, indem er sich dort als amicus inferior öffentlich machte: Die Sichtbarkeit der im Atrium Stehenden ermöglichte denen im Peristyl Selbstdarstellung und Abgrenzung gleichermaßen.
4. Deutung der Perikope auf ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund
Die gewonnenen Erkenntnisse führen zu folgender Deutung von Lk 13.22–30, beginnend mit V. 24–29: Geschildert wird das Geschehen bei einem Gastmahl, in dieses semantische Feld gehören
σθίω (V. 26c), πίνω (V. 26d) und ἀνακλίνω (V. 29b). Auf der Grundlage erläuterter architektonischer Gegebenheiten gibt es zwei Möglichkeiten, das Setting zu rekonstruieren: (1) Die Angesprochenen stehen auf der Straße und klopfen an die Eingangstür. Diese kann nach Vitruv möglicherweise aus Gitterwerk bestehen (vgl. Vitr Arch 4.6.6), was den axialen Blick durch das Haus auch dann noch gewährleistet, wenn sie verschlossen ist. Die Gesellschaft des Hausherrn könnte dann im Peristyl auf einem Sommertriklinium zu sehen sein, möglicherweise auch in einem vom Atrium abgehenden Raum, dann vermutlich in einem vom Eingang aus eingeschränkteren Sichtfeld. Nicht ganz klar wird bei dieser Lösung, inwiefern von einem Herauswerfen (
κβαλλομ
νους, V. 28c) die Rede sein kann, wenn die Abgewiesenen bereits auf der Straße stehen. Alternativ wäre (2) an ein Setting zu denken, bei dem diese bereits ins Atrium vorgelassen worden sind und damit, gegenüber dem Aufenthalt auf der Straße, stärker in das inszenierte Geschehen innerhalb der domus einbezogen werden. Der Hausherr könnte dann das tablinum verschließen, und die im Peristyl lagernden Stammväter wären durch die offenen bzw. durch Personal (atriensis?) kontrollierten Seitendurchgänge zu sehen. Wird davon ausgegangen, dass die aus allen Himmelsrichtungen Eintreffenden (vgl. V. 29) durch diese Seitendurchgänge des tablinum zum Gastmahl eingehen, löst sich die narrative Schwierigkeit einer bereits verschlossenen Tür, die sich unter der Hand wieder öffnet: Der Gang ist offen, zumindest scheinbar. Im Atrium stehend ins Peristyl zu lugen, in das man doch nicht vorgelassen wird, lässt an Senecas fores maligne apertas (Sen Ben 6.34.3, siehe oben) denken. Es folgt der Rauswurf all derer, die sich nach Verschließen der Tür noch im Atrium aufhalten.
Nun der Reihe nach: Ein Hausherr erhebt sich von der cena und verschließt die Tür (θύρα statt πύλη!). Davor stellen sich Leute auf, klopfen an und bitten um Einlass. Hinsichtlich ihres sozialen Status' scheinen Exponenten der gleichen Personengruppe im Blick wie bei Seneca, nämlich solche, qui agmine magno ianuam pulsant (Sen Ben 6.34.1, siehe oben). Die Antwort des Hausherrn, die Einlass Begehrenden nicht zu kennen, ergibt sich für ihn möglicherweise aus dem Blick in seine Bücher (siehe die libri der nomenclatores, Sen Ben 6.33.4), in denen die Anklopfenden nicht aufgeführt sind. Dass die daraufhin versuchen, sich als Bekannte ins Gedächtnis zu rufen, um doch noch eingelassen zu werden, leuchtet unmittelbar ein. Darüber hinaus verweist es auf die Wichtigkeit persönlicher Kontakte zu einflussreichen Personen im Kontext gesellschaftlicher Reziprozitätsbeziehungen. So konnten am Hof des Kaisers auch Bedienstete mit relativ geringem sozialen Status, wie Lehrer, Ärzte, Vestalinnen, Sklaven etc. durch ihre persönliche Nähe zum Herrscher eine Position erlangen, um die sie mancher Aristokrat beneidete: Enger persönlicher Kontakt zum Herrscher ermöglichte Erwerb und Weitergabe wertvoller personenbezogener Informationen, z. B. über den besten Zeitpunkt, den Kaiser um ein beneficium anzugehen.Footnote 53
Die Aspiranten auf einen Platz beim zukünftigen Gastmahl offenbaren dem οἰκοδϵσπότης tatsächlich ihre Herkunft, freilich nicht mit dem erhofften Ergebnis: Dass sie vor ihm (
νώπιόν σου) getafelt haben und er auf ihren Straßen gelehrt habe (
δίδαξας), weist analeptisch über die Szene hinaus auf die Rahmenerzählung (13.22, 26, siehe oben). Dort ist es Jesus, der auf den Straßen der Städte und Dörfer lehrt. Die Pointe wird erkennbar: Die einmal an die Tür klopfen werden, liegen jetzt noch in ihren eigenen Häusern beim Gastmahl, vor ihm essend und trinkend, wie sie selbst zu Protokoll geben werden. Die zukünftigen Bittsteller sind die οἰκοδϵσπόται der Gegenwart! Sie lagern möglicherweise in ihren Sommertriklinien, vielleicht durch die fauces zu sehen, vielleicht verborgen, jedenfalls in Hörweite der unmissverständlichen Botschaft Jesu, ihm und den Seinen ihre Tür nicht zu verschließen. Sie hören, dass sie in einer unbestimmten Zukunft selbst auf der Straße stehen und an eines Anderen Tür klopfen werden.Footnote 54 Bleiben sie jetzt im bequemen Schutz ihrer privilegierten Privatheit, wird auch der endzeitliche Hausherr sie von seinem Bereich fernhalten (ἀπόστητϵ V. 27e). Um das zu verhindern, müssten sie auf der Stelle Jesu Lehre befolgen, die darin besteht einzuladen, von wem keine Vergeltung, keine Gegeneinladung zu erwarten ist. So setzt es Jesus dem Gastgeber in Lk 14.12–14 auseinander. Die dort genannte Personengruppe wäre um durchreisende, nicht sesshafte Prediger wie Jesus und die mit ihm auf der Straße stehenden Jünger zu erweitern. So löst sich eine weitere vermeintliche kompositorische Spannung: Dass der Hausherr die um Einlass Bittenden nicht zuordnen kann, verurteilt sie folgerichtig zu Übeltätern: Die
ργάται ἀδικίας sind diejenigen, die trotz Jesu Aufforderung, die registriert zu haben sie selbst bekennen werden (vgl. V. 26e), ihre Tür verschließen und—die Straße im Blick—unter sich bleiben.
Was für Jesus gilt, gilt entsprechend für seine Anhänger. Durch vielfache Übereinstimmungen im Wortlaut werden Bezüge zwischen den Anweisungen zur Mission in Häusern und Städten (vgl. Lk 10.5–12) und der Szene vor der Tür erkennbar: Wenn die Jünger in ein Haus hineingehen (ϵἰσ
λθητϵ Lk 10.5a), sollen sie nach dem Friedensgruß essen und trinken, was ihnen vorgesetzt wird (μ
νϵτϵ
σθίοντϵς καὶ πίνοντϵς, Lk 10.7a). Werden sie aber in eine Stadt nicht eingelassen, sollen sie auf ihre Straßen hinausgehen (
ξϵλθόντϵς ϵἰς τὰς πλατϵίας, Lk 10.10c) und die nahe herbeigekommene βασιλϵία ankündigen. Jesus fügt hinzu: ‘Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag besser ergehen als dieser Stadt’ (Lk 10.12). Von Aufnahme oder Nichtaufnahme der Jesus-Jünger hängt für die Hauseigner ab, ob sie entsprechend der Eingangsfrage (Lk 13.23b) gerettet werden. Ob das nun viele sein werden oder wenige, lässt sich nicht mit der Prognose beantworten, wie viele angesehene οἰκοδϵσπόται auf eine zufällig mit angehörte Endzeitpredigt hin den Wandermissionar mitsamt seiner Reisegruppe von der Straße weg zur cena einladen. Vielmehr knüpft die Perikope zunächst an die alltäglichen Mühen der amici inferiores und clientes der städtischen Gesellschaft, sowie das Verhalten derer an, von denen sie abhängig sind. Letzteren wird plastisch vor Augen geführt, dass, ebenso wie sie den Zugang zu ihrer ‘Herrlichkeit’ regulieren, auch dereinst der Zugang zur βασιλϵία reguliert sein wird—freilich nach anderen Kriterien. Für sie würde die Lehre Jesu umzusetzen bedeuten, die an die Tür Klopfenden aus ihrer öffentlichen Anonymität (vgl. Hales) jetzt herauszuholen und sie zu Gästen und damit zu wirklichen amici zu machen. Das Vorbild dazu ist der Hausherr in Lk 14.21–24, der seine Sklaven auf die Straßen und Wege schickt (ϵἰς τὰς πλατϵίας καὶ ῥύμας, Lk 14.21e), um diese Leute zu seinem riesigen Gastmahl (vgl. Lk 14.16b) zu drängen: Dem ἀγωνίζϵσθϵ ϵἰσϵλθϵῖν (Lk 13.24) steht dabei das ἀνάγκασον ϵἰσϵλθϵῖν (Lk 14.23cd) gegenüber, wodurch deutlich wird, dass es keinen Platzmangel in der βασιλϵία gibt, sondern der Zugang auf der Basis des Verhaltens derer reguliert wird, die in ihrem Handeln eine Wahl haben. Damit korrespondiert auch Lk 11.5–13: Im Gleichnis ist die Rede von einer nächtlich verschlossenen Tür (vgl. Lk 11.7e), im Anschluss werden die Angesprochenen dreifach ermuntert zu bitten, zu suchen und anzuklopfen: αἰτϵῖτϵ, ζητϵῖτϵ, κρούϵτϵ (Lk 11.9). Die dort vermittelte Erhörungsgewissheit weicht von der Ankündigung, dass viele vergeblich versuchen werden (ζητήσουσιν, Lk 13.24d), durch die enge Tür zu gelangen, und vom Schicksal der in diesem Kontext Anklopfenden (κρούϵιν, Lk 13.25e) ab. Das liegt daran, dass in Lk 11.9 die angesprochen sind, die andere um Brot angehen müssen (vgl. Lk 11.3, 5–6, 9–10), in Lk 13.22–30 hingegen diejenigen, die über Mittel verfügen andere zum Essen einzuladen. Die Mittellosen können der Erhörung gewiss sein, wenn die Gutsituierten die Lehre Jesu befolgen.
Zur Frage des Zeitpunktes: Das Jeremias'sche ‘Zuspät’ bezieht sich auf die Entscheidung in der Gegenwart der Rahmenerzählung. Beim zukünftigen Gastmahl der βασιλϵία dagegen kommt es nicht auf den Zeitpunkt des Anklopfens an, sondern nur darauf, wer auf der Gästeliste steht. Das zeigt sich, wenn die ehemaligen οἰκοδϵσπόται sich mit Sicht auf die bereits in der βασιλϵία Niedergelassenen grämen und auch später Eintreffende noch an sich vorbeiziehen lassen müssen. Die Schmach ist öffentlich, denn beim Gastmahl gilt das Motto ‘Sehen und Gesehen werden’, freilich für die Ausgeschlossenen nun unter umgekehrten Vorzeichen. So ergeht es auch dem von Jesus in Lk 14.7–11 angeführten Hochzeitsgast, der sich vorschnell auf dem besten Platz niedergelassen hat, diesen nun einem ehrenvolleren Gast überlassen muss und mit Schande (μϵτὰ αἰσχύνης, 14.9e), weil für alle sichtbar, auf den letzten Platz rückt.
Eine weitere Deutungsebene kommt hinzu: Lukas setzt bei der zeitgenössisch geprägten Vorstellung der Interaktion von Patron und Klienten im römischen Atriumhaus an und überträgt sie auf den Umgang von gemeindlichen Hauseignern mit wandernden Missionaren.Footnote 55 Dafür spricht u. a. die Erweiterung καὶ πάντας τοὺς προϕήτας (Lk 13.28b) gegenüber der Q-Vorlage.Footnote 56 Das prophetische Element, das mit dem im Text stark betonten Wandern und Lehren verknüpft wird (vgl. Lk 13.22, 26e), wird dadurch gegenüber den residierenden Hauseignern ins Recht gesetzt. Diese könnten in der ggü. Q umständlich erweiterten Aussage ‘Ich kenne euch nicht [und] weiß nicht woher ihr seid’ (vgl. Lk 13.25jk, 27cd) ihre eigenen Worte hören, mit denen sie wandernde Missionare von außerhalb an der Tür abweisen: Möglicherweise überlieferten diese andere Jesus-Traditionen als die in der Gemeinde des ‘resident leader’Footnote 57 kodifizierten und stellten damit seine Autorität in Frage. Auch die sich an die Perikope anschließende Klage über das Prophetenschicksal in Lk 13.34 spricht für eine Deutung, die in die innergemeindlichen Autoritätskonflikte zwischen ‘itinerant and resident leadership’Footnote 58 am Ende des ersten Jhs. n. Chr. weist.Footnote 59 Horrell führt aus, dass ein Prozess der Machtverlagerung von charismatischen Wandermissionaren hin zu ortsansässigen Gemeindeleitern ablief.Footnote 60
Dieser ist laut Crossan beispielsweise in der Didache zu greifen, die als ‘[f]rüheste Kirchenordnung’Footnote 61 zumeist an den Anfang des zweiten Jhs. n. Chr. datiert und im syrischen oder palästinischen Raum lokalisiert wird.Footnote 62 Im Mittelteil setzt sie ‘sich mit umherziehenden Wanderlehrern und auf Reisen befindlichen Angehörigen anderer Gemeinden’Footnote 63 auseinander (Kap. 11–13), was nach Ansicht Crossans sehr ausgewogen und differenziert geschieht.Footnote 64 In beschriebener Übergangssituation ist ein Leitungssystem von Bischöfen und Diakonen dabei sich zu etablieren. Jedoch, ‘the community is not secure against the radicalism of itinerant prophets, whom it is quite willing to accept and revere but also wishes to contain and control’.Footnote 65 Deren Ethos drückt sich laut Crossan in einem in Did 1.2–5 zum Ausdruck gelangenden ‘radical mini-catechism’Footnote 66 aus, einer Spruchreihe, die u. a. eine Fassung der Goldenen Regel sowie Aufforderungen zur Feindesliebe und zum Geben ohne Vergeltungserwartung enthält. Crossan stellt die Frage, wie die Hauseigner im Hintergrund der Didache auf diesen radikalen Mini-Katechismus reagierten. Auf die Forderung zu geben ohne Rückerstattung folgt ein Weheruf über die, die zu Unrecht, weil ohne Not Güter oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen (vgl. Did 1.5–6). Darin schlägt sich Crossan zufolge sowohl die Forderung der wandernden Propheten als auch ihre Einhegung durch die von ihr herausgeforderten Hauseigner nieder.Footnote 67
Die Perikope Lk 13.22–30 als Ausarbeitung der prophetisch grundierten Spruchquelle Q wäre damit an die Adresse von Hauseignern gerichtet, die aufgrund der ihnen zu Gebote stehenden häuslichen Infrastruktur auch zu tonangebenden Figuren in der Gemeinde avanciert sind. Ihnen wird im Rückgriff auf die Autorität des Wandermissionars Jesus mitgeteilt, dass dessen Lehre nicht primär in einer Korrelation gesellschaftlicher Dominanzverhältnisse mit ekklesialen Strukturen besteht. Vielmehr wird das zunehmend auf die kirchliche Organisation übertragene οἴκος-Modell mit entsprechend zentraler Stellung des οἰκοδϵσπότηςFootnote 68 kritisch nach seinen Auswirkungen auf die sozial Schwachen befragt. Vielleicht hat sich gegenüber unliebsamen Wanderpropheten bei diesem oder jenem hausbesitzenden resident leader vor Ort ein ähnlich schikanöses Gebaren herausgebildet wie jenes, das gewisse Patrone gegenüber ihrer Klientel beim Empfang in der domus an den Tag legen. Der Verweis auf die Umkehrung der Verhältnisse im Schlussspruch jedenfalls macht deutlich, dass nicht den Bittstellern vor den Türen und in den Atrien Angst gemacht werden soll. Vielmehr werden die οἰκοδϵσπόται unter den Hörern provoziert, sich gedanklich aus ihrem Domizil heraus auf die Straße zu begeben und mit den Augen der Draußenstehenden auf das Geschehen in ihrer domus zu blicken.Footnote 69 Die Lehre des Wandermissionars Jesus zu befolgen bedeutet für sie, nicht-reziproke Gastfreundschaft an denen zu üben, die nicht zur Steigerung des eigenen Sozialprestiges beitragen, vielleicht sogar im Gegenteil die eigene Position in Frage stellen. Darin, sich dieser Herausforderung von der Straße auszusetzen, statt das ‘Ethos der Unbehaustheit’ aus der eigenen domus zu jagen, besteht nach Ansicht des Evangelisten die einzige Chance nicht selbst vor der Tür zu stehen, wenn sich die Verhältnisse erst einmal grundlegend geändert haben.