Der antike Bios zeichnet Charaktere.Footnote 1 Die erzählten Bildelemente dieser Texte vermitteln mehr als eine Darstellung der historischen Fakten; sie schaffen Zugang zu der aus der Biographie entgegentretenden Person.Footnote 2 Im Falle des Lukasevangeliums machen die bildlichen Anteile in der Erzählung die Person anschaulich, die Lukas den σωτήρ nennt. Mit Hilfe der rhetorischen Konstruktion, die der antiken Literatur geläufig war, erhält die narrative Christologie der lukanischen Vorgeschichte so eine ‘eidetische’Footnote 3 Facette. Sie fügt dem Text eine weitere, ästhetische Ebene hinzu und erlaubt dem Leser das ‘Eintreten’ in die erzählte Welt im Sinne des Anschaulichkeitspostulates der hellenistisch-reichsrömischen Literatur.Footnote 4
Nun sucht der Leser in Lk 1.39–45 aber die Person, deren Lebensbild gezeichnet werden soll, vergebens: Lukas erwähnt Jesus hier—ebensowenig wie im Magnificat—mit keinem Wort. Insofern erscheint auch die Behauptung, die vorliegende Episode enthalte eine in Erzählbilder gefasste, ‘eidetische Christologie’, gewagt. Doch gehört es zur Eigenart lukanischen Erzählens, den narrativ abwesenden Herrn immer wieder auf unterschiedliche Weise gegenwärtig werden zu lassen. Diesem Phänomen mit Hilfe der semantischen und narrativen Analyse der Bildelemente in Lk 1.39–45 auf die Spur zu kommen, ist das Ziel der vorliegenden Untersuchung. Es wird sich zeigen, dass die eidetische Dimension der lukanischen ‘absentee christology’Footnote 5 nicht nur dazu beiträgt, die Heimsuchungsszene in der Christologie der lukanischen Vorgeschichte zu verorten, sondern auch einen Leseschlüssel für das lukanische Doppelwerk bereitstellt.
Die Perikope Lk 1.39–45 steht innerhalb der lukanischen Vorgeschichte an einem Angelpunkt: Hier begegnen sich die beiden parallel erzählten Geschichten um die Geburt Johannes des Täufers und die Geburt Jesu.Footnote 6 Folgt man der narrativen Dramatik des Lukasevangeliums, fällt auf, dass diese vorgeburtliche Begegnung innerhalb der lukanischen Erzählung die einzige bleibt: Bei der Taufe Jesu am Jordan (Lk 3.21–22) wird der Täufer, im Unterschied zu den synoptischen Paralleltexten und auch zum JohannesevangeliumFootnote 7, nicht mehr erwähnt. Aber begegnen sich die beiden Ungeborenen überhaupt? Die Erzählkunst des Lukas, der mit wenigen Strichen plastische Bilder zu zeichnen vermag, erhöht die Rätselhaftigkeit der Perikope noch zusätzlich durch die Auswahl der berichteten Details: Im Zentrum unseres Textes steht das Hüpfen des Kindes Johannes im Leib seiner Mutter Elisabet, vorab dem Leser (Lk 1.41), dann von Elisabet auch Maria berichtet und gedeutet (Lk 1.44).Footnote 8 Maria reagiert auf diese freudige Anrede mit dem Lobgesang des Magnificat (Lk 1.46–55). Ähnlich wie später bei der Taufe den Täufer sucht man den Gegenstand ihrer Freude, Jesus, in der erzählten Welt wie im Text des Magnificat aber zunächst vergebens. Beim zweiten Hinsehen zeigt sich allerdings, dass der Abwesende überraschend anwesend ist. Ein Schlüssel, um seiner Gegenwart auf die Spur zu kommen, ist das zentrale Motiv der erzählten Episode, nämlich der Sprung des ungeborenen Johannes in Elisabets Leib.
1. Freude als Spur der Gegenwart Gottes
Die Formulierung σκιρτάω τὸ βρέφος ἐν τῇ κοιλίᾳ für das Hüpfen des ungeborenen Johannes ist in V. 41b und in V. 44b dieselbe. Sie rahmt Elisabets Antwort auf den Gruß Mariens und wird so als Deutung und Reaktion auf das Hüpfen erzählt. In der griechischen Literatur begegnet sie bis in die Abfassungszeit des lk Doppelwerkes sonst nicht.Footnote 9 Das Verb σκιρτάω ist in der SeptuagintaFootnote 10 mit insgesamt acht Belegstellen vergleichsweise seltenFootnote 11; in der urchristlichen Literatur bis ins 2. Jahrhundert wird es insgesamt nur zehnmal gebraucht, davon siebenmal außerhalb der neutestamentlichen Texte,Footnote 12 innerhalb dieser nur drei Mal von Lukas: zweimal in der vorliegenden Perikope, ein weiteres Mal innerhalb der Seligpreisungen der Feldrede (Lk 6.23). Mit der Ausnahme von Gen 25.22, wo σκιρτάω das Strampeln der Zwillinge Jakob und Esau im Leib Rebekkas bezeichnet (im folgenden Vers von Gott gedeutet), und Weish 17.19 erscheint der Ausdruck in der Septuaginta immer im Kontext einer Theophanie, an fünf Stellen innerhalb eines Vergleichs, zweimal direkt.Footnote 13 Dabei konnotiert das Verb, soweit es innerhalb einer Metapher gebraucht wird, an allen Stellen Freude: viermal Freude über die Errettung durch Gott und/oder vor seinem Angesicht; in Ps 113LXX und Weish 19.9 speziell in Erinnerung an den Exodus.Footnote 14 σκιρτάω in Gen 25.22 fällt aus diesem Verwendungskontext heraus. Aufgrund seiner inhaltlichen Nähe zu Lk 1.41,44 verstehen es viele Ausleger gleichwohl als Hauptbezug für das Hüpfen des Johannes im Mutterleib.Footnote 15 In der Tat haben beide Stellen manches gemeinsam: Bei beiden Gelegenheiten geht es um eine Bewegung im Mutterleib,Footnote 16 beide Male hat der Zweitgeborene im späteren Leben das Vorrecht. Doch geht die Ähnlichkeit nicht weit genug, denn weder stoßen sich in Lk 1.41 beide Kinder im selben Mutterleib, noch geht es Lukas darum, durch den Anklang an Gen 25.22 die Stellung Jesu gegenüber dem Täufer als eine—wie im Falle Jakobs (vgl. Gen 25. 29–34)—mit List erschlichene zu zeichnen, oder das Erstgeburtsrecht als vom Täufer um geringen Preis veräußert.Footnote 17
Wahrscheinlicher ist demnach, dass es sich in Lk 1.41,44 um eine von Gen 25.22 verschiedene Motivfiguration handelt, zumal das Verb auch in der Perikope selbst als Ausdruck der Freude gedeutet wird (vgl. Lk 1.44). Dessen ungeachtet liegt in Gen 25.22 die einzige Stelle in der Septuaginta vor, die σκιρτάω in Verbindung mit der Bewegung von Ungeborenen im Mutterleib bringt, und so spricht einiges dafür, dass die Allusion von Lukas beabsichtigt sein könnte.Footnote 18 Die unterschiedlichen Konnotationen des Verbs legen aber eher eine Anspielung im Sinne einer ‘Negativfolie’ nahe, die in der Folge noch näher zu bestimmen sein wird.
In Lk 1.39–45 ist σκιρτάω durch den in der Septuaginta und in der urchristlichen Literatur häufigen, innerhalb des NT aber vergleichsweise selten gebrauchten Ausdruck ἀγαλλίασις/ἀγαλλιάω vereindeutigt (Lk 1.44).Footnote 19 In der Septuaginta wird damit der Freudenjubel vor Gottes Angesicht und über seine rettende Zuwendung bezeichnet,Footnote 20 besonders die endzeitliche Freude im Angesicht Gottes.Footnote 21 Es lohnt sich, der im LkEv gelegten Spur nachzugehen, um die besondere Färbung besser zu erfassen, die Lk dem Hüpfen des ungeborenen Johannes durch ἀγαλλίασις gibt: Innerhalb der lk Vorgeschichte begegnet das Wort vorher bereits einmal, bei der Verkündigung der Geburt des Täufers an Zacharias (καὶ ἔσται χαρά σοι καὶ ἀγαλλίασις; Lk 1.14), wo die Verheißung der Freude und des Jubels für Zacharias in naher Nachbarschaft zur Verheißung der Geisterfüllung des Kindes schon im Mutterleib (Lk 1.15) zu finden ist. Die Verbindung beider Begriffe bleibt an dieser Stelle noch vage, doch zeigt sich im Erzählverlauf des lukanischen Doppelwerkes auch weiterhin der Zusammenhang von ἀγαλλίασις und Begegnungen mit Gott und seinem Geist.Footnote 22 Bereits deutlicher als in Lk 1.14–15 erscheint die inhaltliche Nähe von ἀγαλλίασις und der Geisterfüllung bei der Begegnung Mariens mit Elisabet (Lk 1.41c; Lk 1.44b). Auffällig ist hier die Auswahl der einzelnen Erzählschritte: Es ist Elisabet, die den Gruß Mariens hört.Footnote 23 In der lukanischen Erzählung reagiert aber nicht—wie zu erwarten wäre—sie selbst, sondern der ungeborene Johannes in ihrem Leib (Lk 1.41b). Nachdem der Gruß so gleichsam von außen bis ganz nach innen gedrungen ist, kehrt sich die Dynamik um: Elisabet wird vom heiligen Geist erfüllt (Lk 1.41c) und ruft freudig ihre Seligpreisung Mariens aus (Lk 1.42b). Auf der Bildebene der Erzählung, vor allem auch durch die Rahmung von Lk 1.41c–43 durch Lk 1.41a–b und Lk 1.44, liegt nahe, dass die Geisterfüllung Elisabets sozusagen von Johannes auf sie überspringt, ebenso wie zuvor der Gruß durch sie an ihn gekommen ist. Im Hintergrund steht die Verheißung der Geisterfüllung Johannes' bereits im Mutterleib (Lk 1.15c). In der Rede Elisabets wird das dem Leser vorab durch den Erzähler Berichtete nun in verschiedener Hinsicht vereindeutigt: Die Formulierung ὡς ἐγένετο ἡ φωνὴ τοῦ ἀσπασμοῦ σου εἰς τὰ ὦτά μου (Lk 1.44a) verstärkt den Eindruck, dass der Gruß durch Elisabet hindurch zunächst Johannes erreicht. Das Hüpfen des Kindes im Mutterleib wird als Äußerung der ἀγαλλίασις qualifiziert. Narrativ ist σκιρτάω ἐν ἀγαλλιάσει (Lk 1.44b) damit bildlicher und leiblicher Ausdruck für die Geisterfüllung des ungeborenen Johannes und Wirkursache für die Geisterfüllung seiner Mutter Elisabet. Erfüllung durch den heiligen Geist und leiblicher Ausdruck in Freude und Lobpreis (hier durch das Hüpfen des Ungeborenen und die freudige Rede Elisabets) stehen in der narrativen Konstruktion vor allem der Kindheitsgeschichten und am Beginn der Apostelgeschichte in engem Zusammenhang.Footnote 24 Bei näherem Zusehen, worin genauerhin die den handelnden Personen von Lukas zugeschriebene Freude besteht, ergibt sich zunächst die Frage nach dem Grund des kindlichen Freudensprungs: ‘Hüpft’ Johannes im Mutterleib vor Freude über den Besuch Mariens, in prophetischer Vorwegnahme seiner Vorläuferrolle—oder vor dem im Leib Mariens angekommenen κύριος selbst, als dessen Mutter Elisabet Maria seligpreist (Lk 1.43)?
2. Ist Maria in Lk 1,39–45 schwanger?
Eindeutig schwanger ist in der Erzählhandlung von Lk 1.39–45 nur Elisabet. Ist ausgehend von der Gesamtanlage der lukanischen Vorgeschichte allgemein und der vorliegenden Perikope im Besonderen anzunehmen, dass auch Maria zum Zeitpunkt ihres Besuches bei Elisabet bereits schwanger war? Betrachtet man den narrativen Befund innerhalb der lukanischen Vorgeschichte, so finden sich Indizien dafür. Für eine eindeutige Beantwortung der Frage reichen sie jedoch nicht aus: Bei der Verkündigung der Geburt Jesu stimmt Maria der Verheißung des Engels zu, es wird aber nichts darüber gesagt, dass hier bereits die Empfängnis stattfindet (Lk 1.38). In Lk 1.39–45 finden wir keinen ausdrücklichen HinweisFootnote 25 im Text darauf, dass Maria bereits schwanger ist, wenn auch der Ausruf Elisabets: εὐλογημένος ὁ καρπὸς τῆς κοιλίας σου dies nahelegt.Footnote 26 Im Magnificat bekennt Maria als Grund ihres Jubels (ἀγαλλιάω!) den σωτήρ (Lk 1.47). Ob sich dieses Prädikat aber direkt auf Jesus bezieht und ob dieser in der Szene im Leib Mariens bereits anwesend ist, geht aus dem Text zunächst nicht hervor.Footnote 27 In Lk 2.5 sieht der Leser die schwangere Maria zusammen mit Josef auf dem Weg nach Bethlehem. Mit der Frage nach dem Zeitpunkt der Empfängnis eng verbunden ist die Frage nach dem Bezug der Zeitangabe ἐν ταῖς ἡμέραις ἐκείναις in Lk 2.1. Bezieht sie sich, wie von den meisten Kommentatoren angenommen, auf ἐν ταῖς ἡμέραις Ἡερῴδου (Lk 1.5), ergibt sich ein Widerspruch zur Datierung des Zensus in die Statthalterschaft des Quirinius (Lk 2.2), weil zwischen beiden Ereignissen historisch ein Abstand von mehreren Jahren besteht.Footnote 28 Will man beide Zeitangaben in der außertextlichen Welt verorten, bleibt als Lösungsmodell deshalb nur die Interpretation Wolters, der ἐν ταῖς ἡμέραις ἐκείναις auf den summarischen Vers unmittelbar vor dem erzählerischen Neueinsetzen mit der Geburtsgeschichte Jesu (Lk 1.80) bezieht.Footnote 29 Daraus ergäbe sich für die Datierung der neu beginnenden Episode ein ‘unbestimmter zeitlicher Abstand’Footnote 30 von auf jeden Fall mehreren Jahren zwischen der Verkündigung und dem Heranwachsen des Täufers bzw. seinem Auszug in die Wüste. Dies würde bedeuten, dass sich Jesus und Johannes im Lukasevangelium überhaupt nicht begegnen. Diese Konsequenz scheint vor dem Hintergrund der lukanischen Erzählung unwahrscheinlich: Der Schwerpunkt in Lk 1.39–45 läge dann auf der Begegnung der schwangeren Elisabet mit der noch nicht schwangeren Maria. Diese würde zwar gegen Ende der Perikope und im Magnificat das durch den Engel angekündigte Zeichen erkennen und daher guter Hoffnung sein, dass sich die Verheißung einst auch an ihr erfüllen werde.Footnote 31 Narrativ und vom lukanischen Sprachgebrauch aus betrachtet,Footnote 32 ist jedoch die Annahme naheliegender, dass sich ἐν ταῖς ἡμέραις ἐκείναις doch auf ‘die Tage des Herodes’ bezieht. Die Begegnung der zwei schwangeren Frauen und mit ihr die einzige Begegnung von Johannes und Jesus innerhalb des Lukasevangeliums wird so erzählerisch möglich. Welchen erzählerischen Wert dem gegenüber die genannte Alternative besitzt, muss noch nachgewiesen werden.Footnote 33
Der chronologische Knoten zwischen Lk 2.1 und Lk 1.5 bleibt also weiterhin zu lösen. Will man nicht annehmen, dass Lukas sich bei einer der beiden Zeitangaben geirrt hat,Footnote 34 wird es wahrscheinlich, dass er den Widerspruch bewusst in Kauf genommen und damit eine bestimmte Absicht verfolgt haben könnte. Die Konstruktionskriterien der antiken Historiographie und BiographieFootnote 35 zeigen zudem, dass eine solche chronologische Fiktion um einer vom Autor höher bewerteten Aussagewahrheit willen zur gängigen Klaviatur literarischen Ordnungshandelns gehören kann.Footnote 36 Vor dem Hintergrund der besonderen Rolle, die in der lukanischen Erzählung die Gegenüberstellung des neugeborenen σωτήρ Jesus mit dem römischen σωτήρ Augustus spielt,Footnote 37 wird es plausibel, den chronologischen Widerspruch in der lukanischen Vorgeschichte in dieser Weise zu verstehen.
In der erzählten Welt kann Maria somit zum Zeitpunkt ihres Besuches bei Elisabet bereits schwanger gewesen sein. Die Geburt Jesu würde dann in die erzählte Zeit einige Monate nach der Geburt des Johannes fallen.Footnote 38 Dafür spricht nicht zuletzt eine narrative Auslassung: Vor ihrem in Lk 1.46 anhebenden Lobgesang wird die Geisterfüllung Mariens, wie sie ihr in Lk 1.35 im Zusammenhang mit der Geburt Jesu verheißen wurde, im Gegensatz zu jeder anderen Figur der Vorgeschichte nicht eigens berichtet. Dies ist erzählerisch nur dann sinnvoll, wenn die Geistüberschattung vor dem Magnificat bereits geschehen ist.Footnote 39 Der genaue Zeitpunkt der Empfängnis bleibt in der Erzählung im Unklaren, so wie Lukas auch das Wirken Gottes bei der Empfängnis erzählerisch im Verborgenen lässt.Footnote 40
Ein Zwischenergebnis unserer Überlegungen lautet mithin: Von der narrativen Anlage der lukanischen Vorgeschichte aus betrachtet, erscheint es triftig, dass Maria zum Zeitpunkt ihres Besuchs im Haus des Zacharias bereits schwanger war, ohne dass die Frage, warum Lukas diese Umstände in der Perikope mit keinem Wort erwähnt, dadurch schon gelöst wäre. Eine Antwort ergibt sich, wenn man das Bildelement σκιρτάω im Kontext der narrativen Konstruktion zu lesen versucht.
3. Eidetische Elemente in Lk 1.39–45
Die Techniken, mithilfe derer Lukas seine Erzählung anschaulich macht, legen Spuren für die Anwesenheit Jesu in der Heimsuchungsperikope. Gleichzeitig erfüllen sie ein literarisches Postulat der zeitgenössischen Rhetorik: Mit Hilfe der ἐνάργεια/illustratio/depictioFootnote 41 soll die plastische Schilderung einer Wirklichkeit im Hörer bzw. Leser eine bildliche Vorstellung der beschriebenen Person oder des Geschehens erzeugen, so dass er zum ‘Augenzeugen’ wird.Footnote 42 Die Schilderung ermöglicht dem Leser so, gleichsam selbst in das Geschehen einzutreten.Footnote 43 Er wird mehrdimensional, auf kognitiver und affektiver Ebene, angesprochen und von der Geschichte beansprucht.Footnote 44 Schon beim ersten Blick auf die Heimsuchungsperikope war die Auswahl der berichteten Details aufgefallen. Vor allem der Freudensprung des ungeborenen Johannes, aber auch die wörtliche Rede und die augenscheinliche Wirkung der Geisterfüllung bei den drei handelnden Personen Johannes, Elisabet und Maria (Freude, Jubel, Lobpreis) sind anschauliche Elemente im Sinne des Stilmittels narrativer Konstruktion.Footnote 45 Die Worte σκιρτάω ἐν ἀγαλλιάσει setzen den Freudensprung des ungeborenen Johannes in Bezug zu alttestamentlichen Theophanien und zeichnen ihn und seine Mutter Elisabet in den Farben der GerechtenFootnote 46 des Alten Bundes, die vor Gottes Angesicht jubeln und sich freuen.Footnote 47 Das prophetische Hüpfen des Johannes bezieht sich also direkt und gegenwärtig auf Jesus.Footnote 48 Die ‘Negativfolie’ aus Gen 25.22 verhilft dem Bild zu zusätzlicher Anschaulichkeit: Während sich in Gen 25.22 schon im Mutterleib der Konkurrenzkampf um das Erstgeburtsrecht anbahnt, den Esau schließlich verliert, ist die Frage zwischen Johannes und Jesus bereits im Mutterleib entschieden und kein Gegenstand des Kampfes, sondern der Freude. Auch die weiteren Elemente der Erzählung verstärken diese Deutung: Der freudige Ausruf Elisabets in 1.43: Καὶ πόθεν μοι τοῦτο ἵνα ἔλθῃ ἡ μήτηρ τοῦ κυρίου μου πρὸς ἐμέ; ist Wirkung der Geisterfüllung, denn auf andere Weise kann Elisabet innerhalb der Erzählung nicht von Marias Schwangerschaft und der Verkündigung durch den Engel erfahren haben.Footnote 49 Er kennzeichnet die Erfüllung auch als ein ‘Überspringen’ von Johannes aus, der so bereits im Mutterleib seine prophetische Rolle offenbart.Footnote 50 Der Leser, welcher die Szene vor dem Hintergrund der unmittelbar davor berichteten Verkündigung wahrnimmt, ist auch hier in der Deutung einen Schritt voraus. Er kann in der Preisung der Leibesfrucht Mariens in Lk 1.42 zusammen mit ihrer Bezeichnung als ἡ μήτηρ τοῦ κυρίου μου ahnen, dass sich die Verheißung des Engels erfüllt hat. Liest man den Titel κύριος, hier eindeutig auf Jesus bezogen, im Kontext der Vorgeschichte und vor dem Hintergrund der LXX-Allusionen, gewinnt zudem die Beziehung zwischen dem κύριος πατήρ und dem κύριος χριστός an Kontur.Footnote 51 Maria selbst begegnet in der schwangeren Elisabet dem Zeichen, das der Engel ihr angekündigt hatte (vgl. Lk 1.36). In dieselbe Richtung weist auch die Seligpreisung in Lk 1.45: Καὶ μακάρια ἡ πιστεύσασα ὅτι ἔσται τελείωσις τοῖς λελαλημένοις αὐτῇ παρὰ κυρίου. Hier deutet der punktuelle Aspekt des Part. Aor. auf den Glauben in einer ganz bestimmten, entscheidenden Situation (nicht allgemein auf eine gläubige Haltung) hin, während μακάρια Maria als eine Frau zeichnet, die durch ihren Glauben im Raum der Zuwendung Gottes lebt.Footnote 52 Die Freude und die Geisterfüllung Johannes' und Elisabets werden Maria gleichsam zum Spiegel, in dem sie erkennt, dass die rettende Verheißung Gottes sich auch an ihr erfüllt hat. Das Wirken des Geistes wird von Lukas so nicht nur unmittelbar (bei Johannes), sondern auch durch Menschen vermittelt (von Johannes an Elisabet, von Elisabet in ihrem Ausruf an Maria) in das Bild eingezeichnet. Das lobpreisende Gebet des Magnificat ist, im narrativen Kontext gelesen, wiederum ein Erzählbild, das die geistgewirkte Erkenntnis Mariens verdichtet darstellt: Es besingt die Erfüllung der Engelsverheißung von der rettenden Geburt des Gottessohnes.Footnote 53 Der Eindruck vom alttestamentlich-theophanen Charakter der Szene verstärkt sich weiter, zieht man die Verwendung von ἀναφωνέω κραυγῇ μεγάλη (Lk 1.42) und εὐλογέω (Lk 1.43) hinzu: ἀναφωνέω ist im urchristlichen Textcorpus ein ausgesprochen seltenes Wort, das innerhalb des NT nur hier und in der LXX nur in 1 und 2 Chr verwendet wird, und zwar stets im Kontext des Gotteslobes.Footnote 54 Es vereindeutigt auch das mitgenannte κραυγή, welches schon für sich allein genommen in den meisten Fällen im Kontext von Gebetssprache auftritt.Footnote 55 Mit εὐλογέω bezeichnet die LXX die segnende Zuwendung Gottes zu den Menschen und die Antwort des Menschen darauf.Footnote 56 Im vorliegenden Zusammenhang bietet sich die Deutung der beiden Partizipen εὐλογημένη und εὐλογημένος als passiva divina an.Footnote 57 Die Wendung μετὰ σπουδῆς (Lk 1.39) zu Beginn der Episode dient in der narrativen Konstruktion nicht nur der Beschleunigung der erzählten Zeit, sondern verweist auch auf die innere Bewegung, mit der Maria sich zu ihrer Verwandten Elisabet aufmacht. Sie verbindet so die Begegnung ebenfalls mit der Verheißung des Engels und dem angekündigten Zeichen.Footnote 58
Auch die Erwähnung des Hausherrn in Lk 1.39 (εἰς τὸν οἶκον Zघαχαρίου) weckt beim Leser eine Assoziation, die für das Erzählbild von Bedeutung ist, denn sie ruft als Hintergrund die Episode der Verheißung der Geburt des Täufers im Tempel (Lk 1.5–23) wach. Beide, Zacharias und Elisabet, waren zu Beginn als δίκαιοι ἀμφότεροι ἐναντίον τοῦ θεοῦ, πορευόμενοι ἐν ταῖς ἐντολαῖς καὶ δικαιώμασιν τοῦ κυρίου (Lk 1.6) vorgestellt worden, also als exemplarische Vertreter Israels, gezeichnet in den Farben des Alten Bundes. Der Kontrast zwischen ihrer beider Reaktion auf die Begegnung mit Gott bzw. seinem Boten, im Bild ausgedrückt durch den schweigend im Hintergrund der Perikope Lk 1.39–45 bleibenden Zacharias, löst sich erst in der Episode der Namensgebung (Lk 1.57–80) auf. Im Erzählbild werden zwei mögliche Reaktionen Israels auf die Verheißung Gottes und letztlich die Ankunft des Messias eingefangen. Sie lassen die zentrale Rolle vorausahnen, die im lukanischen Doppelwerk die Frage des Verhältnisses von Annahme und Ablehnung Jesu durch das Bundesvolk spielt. Auffällig ist, dass innerhalb der lukanischen Vorgeschichte kein Vertreter Israels Jesus endgültig ablehnt, wiewohl am Ende die Hinwendung zu den Völkern (λαοί; Lk 2.31) thematisiert wird. Wenn die Vorgeschichte als eine Art Ouvertüre dem Doppelwerk vorangestellt ist, darf man erwarten, dass in ihr auch Hinweise auf die Problematik der Ablehnung Jesu durch Vertreter des Bundesvolkes gefunden werden können, die das lukanische Doppelwerk, vor allem die Apostelgeschichte, durchzieht.Footnote 59
Es mag hier genügen, die Hinweise wahrzunehmen, die sich für das Erzählbild in Lk 1.39–45 ergeben, in dem offenbar Erkenntnis und Unverständnis, Annahme und Ablehnung in Elisabet und Zacharias nebeneinander gestellt werden. Beide Reaktionen scheinen in der Darstellung des Lukas einen Platz zu haben—liest man die Apostelgeschichte dazu, auch die der Ablehnung Jesu durch Glieder des Bundesvolkes.Footnote 60 Für den Kontext der Perikope ergibt sich die Feststellung, dass Lukas mit der Problematik offensichtlich differenziert umgeht. Wenigstens die Spannung zwischen Elisabet und Zacharias darf aber deutlich zum Erzählbild gerechnet werden und weist auf die spannungsreiche Klärung des Verhältnisses zwischen synagogalem Judentum und werdendem Christentum voraus.
Auch in Maria begegnet uns eine eidetisch aufgeladene Erzählfigur. In der Gegenüberstellung zu Elisabet zeigt sich zunächst, dass der Leser von Maria im bisherigen Verlauf der Vorgeschichte wesentlich weniger erfahren hat als von Elisabet bzw. deren Mann Zacharias. Während die beiden letzten deutlich in alttestamentlichen Farben gezeichnet werden, fällt im Kontrast bei Maria eher das Fehlen dieser Färbung auf, obschon ihre Zugehörigkeit zum Volk des Alten Bundes unzweifelhaft ist.Footnote 61 Qualifiziert wird Maria in der Verkündigungsperikope vor allem durch ihre Bezeichnung als eine, die begnadet worden ist (κεχαριτωμένη; Lk 1.28), durch die ihr verheißene geistgewirkte Empfängnis und durch ihre glaubende Antwort.Footnote 62 Dieses Bild wird in Elisabets Seligpreisung in Lk 1.45 wieder wachgerufen und zeigt Maria als erste Vertreterin eines durch die gläubige Annahme Jesu als κύριος geprägten Gottesvolkes.Footnote 63 Als ein weiteres Merkmal der narrativen Anschaulichkeit fällt auf, dass Lukas zwischen Elisabet und Maria und so implizit auch zwischen Johannes und Jesus von einer Verwandtschaftsbeziehung berichtet (συγγενίς; Lk 1.36). Auch diese hat zunächst die Funktion eines narrativen Verbindungsgliedes zwischen Verkündigungs- und Heimsuchungsperikope.Footnote 64 Im erzählten Bild wird Jesus auf diese Weise in die priesterliche Familie des Zacharias eingezeichnet und, wie auch sein Verwandter JohannesFootnote 65, in die Welt des Tempels des Bundesvolkes und ihren Deutungsrahmen hineingeboren, in Lk 1.39–45 sogar buchstäblich hineingetragen. Die narrative Verknüpfung der Täufer- und der Jesus-Erzählung bereits hier gibt Lukas die Möglichkeit das Verhältnis zwischen Johannes und Jesus grundsätzlich zu klären und in der Taufperikope—nach Johannes' Abtreten von der Erzählbühne—das Gewicht auf Jesus und seine unmittelbare Beziehung zum Vater zu legen: Die Öffnung des Himmels und die Herabkunft des Geistes (Lk 3.22) erscheinen durch die erzählerische Ausblendung des Täufers als Antwort auf das Gebet Jesu (Lk 3.21).Footnote 66
Insgesamt ergibt sich eine deutliche Spur auf den von Lukas in das Erzählbild der Heimsuchung eingezeichneten Gottessohn. Dennoch bleibt er verborgen.Footnote 67 Doch auch dieser Aspekt scheint zur Intimität der Szene gut zu passen, denn bis hierher sind weder der prophetische Vorläufer noch der κύριος selbst überhaupt geboren. Wohl aber sind sie im ‘Christus-Bild’, das Lukas zeichnet, schon zur Welt gekommen. Mit dem Betrachter des Christusbildes sind sie in eine Beziehung eingetreten, die sich im Erzählverlauf des lukanischen Doppelwerkes vertiefen kann.
4. Eidetische Christologie in Lk 1.39–45
Die vorliegende Perikope zeigt einen Aspekt der lukanischen Erzähltechnik, der mit dem Begriff ‘Anschaulichkeit’ beschrieben worden ist. Aus dem Text heraus lassen sich drei Elemente lukanischer Anschaulichkeit unterscheiden: (1) Der Kontext der Perikope und jedes einzelnen Bildelements (um die Wirkung des Bildes zu erschließen, scheint v.a. der vorausgehende Erzählkontext bedeutungsvoll zu sein); (2) die Auswahl und Ausmalung der berichteten Personen und erzählerischen Details; (3) die sprachliche Ausgestaltung in Verwendung eines bestimmten Vokabulars, von wörtlicher Rede, von Allusionen und von anderen geläufigen Stilmitteln der zu Lukas zeitgenössischen Literatur. Das Augenmerk auf den eidetischen Aspekt der Erzählung hat nicht nur geholfen, die einzelnen Elemente und Figuren der Perikope genauer wahrzunehmen, sondern auch den Blick auf den im Mutterleib anwesenden κύριος eröffnet, auf den alle Elemente des erzählten Bildes hinweisen, und so einen signifikanten Erkenntnisgewinn gebracht. Die Heimsuchungsperikope verknüpft nicht nur die beiden Erzählstränge der Täufer- und der Jesusgeschichte. Zusammengenommen lassen die Bildelemente Christus an einer zentralen Stelle der lukanischen Vorgeschichte aufscheinen und tragen so zur Leserlenkung und zu christologischer Tiefenschärfe bei. Von hier aus erkennt der Leser noch nicht alles deutlich, aber er blickt in Lk 1.39–45 auf lukanische Christologie. Das Bild liefert Spuren, die durch das lukanische Doppelwerk hindurch wiedergefunden und vertieft werden können: Christus erscheint im erzählten Bild der Heimsuchungsperikope als der im Leib Mariens zur Welt kommende Gottessohn. In seiner Ankunft erfüllt er die Erwartung des Bundesvolkes. Er steht in einem besonderen Verhältnis der Nähe zum Vater. Ihn als Sohn Gottes wahrzunehmen, zu erkennen und zu bekennen, geschieht in der—unvermittelten oder vermittelten—Geisterfüllung, im Fall der beiden Frauen bis in die leibliche Dimension hinein. Und die Erfüllung durch den heiligen Geist erweist sich im Bild der Heimsuchungsperikope als ein Überraschtwerden von endzeitlicher Freude im Angesicht Gottes.