Titel wecken Lektüreerwartungen. Häufig erlauben sie Rückschlüsse auf den Inhalt, doch spielt auch mancher Autor damit. Als ProtagonistenFootnote 1 der Apostelgeschichte sollte man ihrem Titel – ΠΡΑΞΕΙΣ ΑΠΟΣΤΟΛΩΝ – entsprechend die Apostel erwarten. Im streng lukanischenFootnote 2 Sinn müsste man dabei vom Zwölferkreis ausgehen. Da aber der Titel nicht vom Verfasser stammt,Footnote 3 darf man einen weiter gefassten Apostelbegriff annehmen und andere Verkünder des Evangeliums ebenfalls einbeziehen.
Wie gestaltet sich aber deren Rolle? Verschiedene Studien untersuchen die Paulus- oder Petrusdarstellung, andere beschäftigen sich mit Stephanus, Philippus, Barnabas und weiteren einzelnen FigurenFootnote 4 der Apostelgeschichte.Footnote 5 Ein Gesamtüberblick über die Rolle der Zeugen Jesu fehlt dagegen bislang. Hier setzt der vorliegende Beitrag an. Denn wie die Zeugen Jesu nicht nur als Einzelfiguren, sondern insgesamt charakterisiert und dargestellt werden, ist für das Verständnis der Apostelgeschichte von grundlegender Bedeutung. Als „Zeugen Jesu“ werden dabei jene Figuren bezeichnet, denen die geistgetragene Verkündigung der Christus- und Basileiabotschaft bis ans Ende der Welt zukommt. Da der Terminus im lukanischen Text an programmatischer Stelle verwendet wird (Lk 24.48; Apg 1.8), auf einen größeren Personenkreis als der Apostelbegriff bezogen ist und zugleich die Rolle der so Bezeichneten umschreibt, bietet er sich für die über die Apostel hinausgehende Jüngergruppe an.Footnote 6
Methodisch bildet die Figurenanalyse der Literaturwissenschaft ein geeignetes Instrumentarium.Footnote 7 Zugleich muss jedoch das Entstehungsumfeld der Apostelgeschichte berücksichtigt werden. Daher werden zunächst 1. Möglichkeiten und Methoden antiker Figurencharakterisierung ausgelotet. Anschließend wird 2. die Rolle der Zeugen in der Apostelgeschichte in vier Schritten untersucht: 2.1 Wie werden sie als neue Figuren eingeführt? 2.2 Welche Rolle spielen die Zeugen im Verlauf der Erzählung und wie werden sie charakterisiert? 2.3 Wie steht es um den Wechsel zwischen den Figuren? 2.4 Wann und wie verlassen sie die Erzählbühne wieder? Abschließend werden 3. die Ergebnisse gebündelt und die Frage erörtert, inwiefern die Zeugen Jesu Protagonisten der Apostelgeschichte sind.
1. Figurencharakterisierung in der Antike
Ein Blick auf die antike Figurencharakterisierung ermöglicht es, sich der Charakterisierung und Rolle der Zeugen Jesu in der Apostelgeschichte innerhalb des hellenistisch-reichsrömischen Kulturhorizonts anzunähern.Footnote 8
1.1 Möglichkeiten antiker Figurencharakterisierung
In der antiken Rhetorik bildet die Charakterisierung von Figuren kein eigenes Thema. Sie wird in den unterschiedlichen Bereichen behandelt, in denen sie zum Einsatz kommt.Footnote 9 Über das epideiktische Personenlob sind die personenbezogenen Argumente der inventio eng mit prosopographischer und biographischer Literatur verbunden.Footnote 10 Exemplarisch sei hier Quintilians institutio oratoria herangezogen. Als zeitgenössischer, repräsentativ sammelnder Wissensspeicher (vgl. Quint., inst. 1, prooemium, 1–2) ist das Werk besonders geeignet, um die im ersten nachchristlichen Jahrhundert geläufigen Grundzüge der Figurencharakterisierung darzustellen.Footnote 11
Der Stoff für Lob bzw. Tadel eines Menschen deckt – zeitlich gegliedert (vor der Geburt, zu Lebzeiten, nach dem Ableben) – ein weites Spektrum äußerer, etwa sozialer, körperlicher und geistiger Gegebenheiten ab (vgl. Quint., inst. 3,7,10–21). Mit den nach Personenbezogenheit gegliederten loci a persona gibt es zahlreiche Überschneidungen. Sie umfassen Abstammung, Nationalität, Vaterland, Geschlecht, Alter, Erziehung und Ausbildung, körperliche Konstitution, Besitz, soziale Position, Wesensart, Tätigkeit, Gebahren, Gemütszustände und den Namen (Quint., inst. 5,10,23–31).Footnote 12 Dabei ist impliziert, dass Rückschlüsse auf den Charakter möglich sind. Günstige oder widrige Umstände charakterisieren einen Menschen allerdings nicht per se. Vielmehr ist von Bedeutung, ob und wie jemand sie nutzt oder überwindet. Entsprechend sei das eigentliche Lob das des Geistes, welches Tugenden sowie Leistungen in Form von Taten und Reden bzw. je nach Alter auch Anlagen und Lernfortschritte umfasst (vgl. Quint., inst. 3,7,14–15).Footnote 13
1.2 Methoden antiker Figurendarstellung
In moderner Beschreibungssprache können die verschiedenen Sprachfiguren und Formen der antiken Rhetorik, die als ornatus innerhalb der elocutio sowie als exercitatio im spätantiken Rhetorikunterricht begegnen,Footnote 14 als Methoden antiker Figurendarstellung bezeichnet werden.
Die loci aus inventio und epideiktischer Rede sowie die anderen Formen antiker Figurendarstellung lassen sich mit modernen literaturwissenschaftlichen Kategorien korrelieren; so kann das methodische Spektrum der Figurendarstellung in der Antike systematisch verdeutlicht werden.Footnote 15 Die Stilfigur des χαρακτηρισμός entspricht weitgehend der expliziten Charakterisierung. Der impliziten metaphorischen Charakterisierung können σύγκρισις/comparatio sowie knappere Vergleiche wie παραβολή/parabole, εἰκών und παράδειγμα/exemplum zugerechnet werden. Die Schilderung von Gemütszuständen, Gruppenzugehörigkeit auf makro- und mikrosozialer wie auf intellektueller Ebene, Handeln, Reden, Erscheinungsbild sowie das setting mit τόπος/locus und χρόνος/tempus bilden Formen impliziter metonymischer Charakterisierung. In Anschluss an Plutarch kann diesem Spektrum noch das charakteristische Detail hinzugefügt werden (vgl. Plut., Alex. 1,2–3).Footnote 16 Außerdem lässt sich die Namensgebung der impliziten Charakterisierung zuordnen.Footnote 17 Gerade auf der impliziten Ebene ist demnach das Repertoire der Figurencharakterisierung ausgesprochen vielfältig.
2. Die Zeugen Jesu in der Apostelgeschichte
Vor diesem Hintergrund sei nun die Darstellung der Zeugen Jesu in den Blick genommen. Sie sind in das Figurenensemble der Apostelgeschichte eingebunden, in dem sie zugleich eine herausgehobene Position einnehmen, wie eine Untersuchung sämtlicher grammatischer Subjekte veranschaulicht.Footnote 18 Ein detaillierterer Blick ergibt folgende Konstellation: Petrus, teils mit Johannes, der Apostelkreis, Paulus und Barnabas sind Hauptfiguren über längere Strecken, während Stephanus, Philippus und der Herrenbruder Jakobus als Episodenfiguren nur in einzelnen Perikopen hervortreten. Matthias, Hananias und verschiedene Paulusbegleiter wie Silas, Timotheus, Aquila und Priscilla stellen meist Hilfsfiguren dar, die als Nebenfiguren teils auch als Hintergrundfiguren unterstützende Funktionen einnehmen.Footnote 19 Im Sinne des Primäreffekts gilt es zunächst zu untersuchen, wie Lukas die späteren Zeugen Jesu als neue Figuren in der Erzählung einführt.Footnote 20
2.1 Einführung als neue Figuren
Man hat ein typisch lukanisches Muster zur Einführung neuer Figuren herausgearbeitet und als „New Character Narrative“ bezeichnet:Footnote 21 In drei Schritten werden neue Figuren vorgestellt (introduction), charakterisiert (description) und in die Erzählung eingebunden (story). In der Regel wird die neue Figur mit einer Variante der Wendung τις ἀνὴρ ὀνόματι N. eingeführt. Darauf folgt eine knappe, auf die Erzählung ausgerichtete Charakterisierung, ehe Lukas mit der Erzählung fortfährt, in der die neue Figur nun eine Rolle spielt. In der Apostelgeschichte werden auf diese Weise eine ganze Reihe neuer Figuren vorgestellt: Hananias, Rhode, Aquila und Priscilla, Apollos und einige Paulusbegleiter gehören zu jenen, die verkündigend als Zeugen Jesu wirken.Footnote 22 Ansonsten sind es meist (spätere) Jünger ohne ausdrückliche Verkündigungstätigkeit wie Lydia oder der Äthiopier, Heilungsbedürftige sowie, vergleichsweise häufig, Gegenspieler.Footnote 23 Daneben gibt es weitere Figuren, die mittels einer Charakterisierung en bloc eingeführt werden, ohne dass alle Elemente der New Character Narrative enthalten wären.Footnote 24 Vorwiegend handelt es sich jedenfalls um Figuren, die nur sporadisch auftreten, oft sogar nur in einer einzigen Perikope, anders gesagt: um „relatively minor characters“.Footnote 25
Die Hauptfiguren der Apostelgeschichte hingegen betreten die Erzählbühne in einer eher unscheinbaren Nebenrolle.Footnote 26 Erst nach und nach, manchmal erst viel später, werden sie in den Mittelpunkt gerückt. Darüber hinaus werden sie nicht nach einem einheitlichen Schema vorgestellt:
(1) Einige der Zeugen Jesu tauchen unvermittelt in der Erzählung auf, ohne dass sie zuvor vorgestellt worden wären. Petrus betritt bei der Heilung seiner Schwiegermutter als erster beiläufig die Szene (Lk 4.38–9).Footnote 27 Johannes Markus (Apg 12.12) und der Herrenbruder Jakobus (12.17) sind selbst nicht einmal anwesend, wenn sie ohne nähere Erläuterung erstmals namentlich genannt werden.Footnote 28 Sie alle werden auch im weiteren Erzählverlauf nur schrittweise und vornehmlich implizit charakterisiert.
(2) Die Zebedäussöhne Jakobus und Johannes sowie noch ausgeprägter Matthias sind bereits seit einiger Zeit in einer Figurengruppe verborgen auf der Erzählbühne präsent, wenn der Scheinwerfer erstmals auf sie gerichtet wird (Lk 5.1–11; Apg 1.21–6).Footnote 29 Die bislang anonymen Statisten erhalten nun Name und Gesicht, indem sie mit einer kurzen expliziten Charakterisierung durch den Erzähler bzw. eine Figur vorgestellt werden.
(3) Stephanus und Philippus werden vom Erzähler eingeführt und knapp mit ein bis zwei Eigenschaften charakterisiert (6.1–8). Ihre weitere Charakterisierung erfolgt wiederum implizit im Verlauf der Erzählung, vornehmlich über ihr Handeln und Reden. Ähnlich verhält es sich bei Saulus: Nachdem der Erzähler ihn als Statist vorgestellt hat, richtet er gekonnt den Fokus rasch stärker auf ihn und legt so eine Suspense-Schiene (7.58; 8.1, 3).Footnote 30
(4) Barnabas wird unter den Zeugen Jesu beim ersten Auftreten am ausführlichsten mittels einer Charakterisierung en bloc vorgestellt, ohne dass sich auch bei ihm seine spätere Rolle abzeichnen würde (4.36–7; vgl. 9.27; 11.22–6). Wohl aber wird er so für seine spätere Aufgabe als verlässlich ausgewiesen.Footnote 31 Ansonsten bleibt die Einführung mit einer ausführlichen expliziten Charakterisierung, wie wir oben sahen, eher (ausschließlichen) Nebenfiguren vorbehalten.
Während also die New Character Narrative der Erzählung Farbe verleiht, indem sie zahlreichen Nebenfiguren Name und Gesicht gibt, werden jene Figuren, die im Lauf der Apostelgeschichte eine wichtige Rolle einnehmen werden, bei ihrem ersten Auftritt meist nur schemenhaft skizziert.
Ein vergleichender Blick auf die Hauptfigur des ersten Logos hilft, die Eigenart bei der Einführung der Zeugen Jesu weiter herauszuarbeiten: Noch bevor Jesus (sichtbar) die Erzählbühne betritt, wird er bereits detailreich charakterisiert. Zwar hält sich der Erzähler selbst mit expliziten Charakterisierungen Jesu zurück, ordnet diese stattdessen jedoch durch den Engel Gott (Lk 1.16–17, 31–3, 35; 2.10–12) sowie bei Elisabeth und Simeon dem Wirken des Geistes zu (1.41–4; 2.25–35). Ansonsten wird Jesus in der Kindheitserzählung wie im gesamten Evangelium maßgeblich implizit charakterisiert. Das τόπος und χρόνος umfassende setting, die auftretenden Figuren und die ausgiebige σύγκρισις mit dem Täufer Johannes verleihen dem Bild Jesu intensive biblisch-prophetische Farben. Das Repertoire antiker Figurencharakterisierung wird bei ihm bereits in den ersten Kapiteln des Lukasevangeliums umfangreich ausgeschöpft: Namensgebung, Eltern, Vorfahren und Abstammung, Heimat- und Geburtsort, Vaterland, Volkszugehörigkeit, soziale Herkunft, außergewöhnliche Umstände der Geburt mit Engelserscheinungen und Prophezeiungen bezüglich des zukünftigen Ranges, der Würde sowie maßgeblicher Taten.
Bei den Zeugen Jesu werden wesentlich weniger Elemente antiker Figurencharakterisierung zielorientiert eingesetzt. Meist werden nur die für die Erzählung notwendigen Details erwähnt. In unterschiedlicher Auswahl werden neben Namen und Geschlecht Heimat- und Geburtsort, Abstammung, soziales Umfeld, Alter, Beruf und Besitz genannt. Die Möglichkeit von Namensdeutungen nutzt Lukas nur selten, obwohl es etwa bei Simon Petrus (Lk 5.8; 6.14) oder Saulus/Paulus (Apg 13.9) naheliegend wäre.Footnote 32 Vor allem charakterisiert die Zeugen Jesu ihr Handeln und Reden sowie vereinzelt ihr Gemütszustand (vgl. 8.3; 17.16).Footnote 33
Es stellt sich die Frage, warum Lukas die Zeugen Jesu in der Apostelgeschichte bei ihrem ersten Auftritt nicht in gleicher Weise charakterisiert wie Jesus zu Beginn des Evangeliums oder die verschiedenen Nebenfiguren, die im Erzählverlauf auftreten. Drei Erklärungsansätze liegen nahe, die einander nicht ausschließen, sondern ergänzen: (a) Der Erzähler kann die maßgeblichen Zeugen Jesu bei seinen Adressaten als bekannt voraussetzen, sodass anders als bei den Nebenfiguren eine explizite Charakterisierung nicht erforderlich ist.Footnote 34 (b) Er bedient sich des Mittels einer schrittweisen impliziten Charakterisierung, um erzählerische Spannung aufzubauen. (c) Die scheinbar führenden Handlungsträger werden durch die spärliche Charakterisierung relativiert; sie sind nicht in gleicher Weise die Hauptfiguren der Apostelgeschichte, wie Jesus es im Lukasevangelium ist.
2.2 Rolle und Charakterisierung der Zeugen Jesu
Das Spektrum antiker Figurencharakterisierung verbunden mit den Beschreibungskategorien der modernen Literaturwissenschaft bietet ein Raster, um zu untersuchen, wie die Zeugen im Verlauf der Apostelgeschichte charakterisiert werden. Wie wir bereits sahen, ist der Erzähler vor allem bei den Hauptfiguren mit expliziten Charakterisierungen sparsam. Meist geht es um die Wahl geeigneter Kandidaten für eine bestimmte Aufgabe, wenn Hauptfiguren explizit durch den Erzähler oder eine Figur charakterisiert werden (2.21–3; 6.2–3, 5; 13.1; 15.22, 25–6). Insgesamt nutzt Lukas die Möglichkeiten figuraler Charakterisierung häufiger als die der auktorialen. Stark ausgeprägt begegnet sie als explizite figurale Selbstcharakterisierung dort, wo Paulus sich verteidigt (16.37; 21.39; 22.3–5, 25, 27–8; 23.6; 24.10–21; 26.4–5). Der Leser erfährt auf diese Weise mehr über Paulus als über alle anderen Zeugen Jesu. Die biographischen Details – Herkunft, Bildung, jüdische Abstammung, Nationalität und bürgerlicher Status – dienen aber weniger einem speziellen Interesse an der Biographie des Paulus.Footnote 35 Vielmehr sind sie zusammen mit den herausgestellten Tugenden entsprechend antiker Rhetorik als Argumente in der Verteidigung des Redners eingesetzt (vgl. Quint., inst. 5,10,23–31).
Stärker als durch explizite Charakterisierungen werden die Hauptfiguren der Apostelgeschichte implizit charakterisiert: Lukas führt den Charakter seiner Figuren vor Augen, statt ihn einfach zu benennen.Footnote 36 Namentlich das Handeln und Reden erweist sich entsprechend antiker Figurencharakterisierung als bedeutsam (vgl. Quint., inst. 3,7,14). Im Folgenden soll daher das Wirken der Zeugen Jesu in sieben großen Handlungsfeldern skizziert werden:
(1) Die wohl prägendste Tätigkeit in der gesamten Apostelgeschichte ist das Zeugnisgeben bzw. die Verkündigung.Footnote 37 Die programmatische Ankündigung Jesu ἔσεσθέ μου μάρτυρες (Apg 1.8, vgl. Lk 24.44–9, bes. V. 48) wird über den gesamten Erzählverlauf hinweg eingelöst: vor Juden und Heiden, vor Ort und auf Wanderschaft, durch das Wort ebenso wie durch das Beispiel. Besonders an den eher unspezifischen Verben λαλέω und διαλέγομαι wird deutlich, dass alles Reden und alle Gespräche der Zeugen der Verkündigung dienen (14.9; 16.13–15; 17.2, 17; 18.4, 19; 19.8, 9; 20.7, 9; 24.12, 25). Ihre Hörer reagieren unterschiedlich: Das Spektrum reicht von Ablehnung und Spott über Gleichgültigkeit bis zu Interesse, Glaube und Annahme der Botschaft (5.33; 7.54; 13.44–5, 48; 17.4–5, 11, 32, 34; 26.24, 28, 31–2; 28.24–5 u.ö.). Inhalt und Stil der Verkündigungsreden sind im Einzelnen weniger durch die verschiedenen Redner als vielmehr durch die Umstände und vor allem das jeweilige Publikum bestimmt.Footnote 38 Die Redner werden so als Zeugen Jesu charakterisiert, die überall das Wort verkünden, während ihre individuelle Charakterzeichnung nicht im Zentrum steht.Footnote 39 Das Kernthema bildet τὰ περὶ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ (28.31); dies zeigt sich an den Verkündigungsreden genauso wie an den summarischen Notizen zur Verkündigungstätigkeit.Footnote 40 Die Zeugen selbst treten hinter dieser Botschaft zurück.
(2) In Kontinuität zum Wirken Jesu wird in der Apostelgeschichte summarisch wie ausführlich von Wundern und Exorzismen durch seine Zeugen berichtet. Dabei sind die Wunder häufig unmittelbar mit der Verkündigung verbunden:Footnote 41 Sie bieten entweder den Anlass dafür (3.11–4.4), sind die himmlische Bestätigung des vollmächtigen Wirkens (vgl. bes. 14.3), führen zum Glauben (vgl. etwa 9.35, 42) oder sind Auslöser für Konflikte (vgl. u.a. 16.18–24). So sehr die Wunder die Zeugen mit ihrem Kyrios verbinden, so sehr zeigen sie die bestehende Differenz auf. Während Jesus im Lukasevangelium selbst vollmächtig handelt, erweisen sich in der Apostelgeschichte nicht seine Zeugen als eigentlich Handelnde, sondern wiederum der Kyrios.Footnote 42 Teils macht der Erzähler dies explizit (14.3; 15.12; 19.11–12), teils deutet es die passivische Formulierung (2.43; 5.12, 16; 8.6, 13; 28.9)Footnote 43 oder das vorausgehende Gebet (28.8) an. An anderen Stellen wird es in den Heilungsworten oder in der anschließenden Deutung durch die Zeugen klargestellt (3.6, 12–16; 4.9–10; 9.34; 16.18; vgl. ferner die Gebetsbitte 4.30). In ironischer Brechung wird es beim missglückten Exorzismus des Skeuas-Söhne gespiegelt: Sie stehen nicht in Beziehung zu diesem Jesus, in dessen Namen sie Dämonen austreiben wollen, und besitzen daher nicht die nötige Vollmacht (19.12–17).Footnote 44 Wo die eigentliche Handlungshoheit nicht explizit gemacht wird (5.15; 8.6; 19.9–11), weiß der Leser durch den Erzählverlauf bereits, dass die menschlichen Zeugen gewissermaßen nur Werkzeuge sind: Durch ihre Hand führt der Kyrios sein Werk fort.Footnote 45
(3) Die entstehende Gemeinschaft bezeichnet Lukas programmatisch als ὁδός (24.14 u.ö.). Tatsächlich sind die Zeugen Jesu häufig unterwegs.Footnote 46 Sie setzen so die mit Jesus begonnene Wanderschaft fort und lösen gleichzeitig die Verheißung des Kyrios ein (1.8). Die Reisen sind in der Regel eng mit der Verkündigung verbunden und ermöglichen Ausbreitung und Wachstum des Wortes. Die im Erzählverlauf zunehmenden Distanzen – von den Wegstrecken innerhalb Jerusalems über die Missionsreisen bis zur Überfahrt nach Rom – verdeutlichen ebenfalls die räumliche Ausweitung der Verkündigung. Bei allen scheinbaren Zufälligkeiten und Zwängen, wie jenen einer verfolgungsbedingten Zerstreuung (8.1, 4–5; 11.19–20 u.ö.), zeigt sich auf vielfältige Weise, dass die Reiseroute durch das Eingreifen von Geist und Engeln, durch die providentia Dei sowie durch Visionen und Auditionen des Kyrios begründet und bestimmt wird.Footnote 47
(4) Neben der Verkündigung sticht bei den Reisen die Stärkung der Communio hervor. Paulus und seine Begleiter etwa suchen auf ihren Reisen häufig die Jünger vor Ort auf (14.21–3; 15.36, 41; 16.4–5, 40; 21.3–8, 16–17 u.ö.). Die Konstituierung und Konsolidierung der entstehenden Ekklesia ist eine Aufgabe, die vornehmlich den Zeugen vorbehalten bleibt: Sie taufen die Gläubiggewordenen oder geben den Auftrag dazu, legen ihnen die Hände auf, treffen sich zum Brechen des Brotes, unterweisen Gläubige und Älteste (2.42, 46–7; 8.12, 14–16, 38; 10.47–8; 16.15, 33; 19.6; 20.7–11, 17–36). Sie ergreifen die Initiative, um Strukturen zu schaffen bei der Nachwahl des Matthias, der Einsetzung des Siebenerkreises und der Bestellung von Ältesten in den Gemeinden vor Ort (1.15–26; 6.1–6; 14.22–3). Teils zusammen mit den Ältesten und Brüdern beraten und entscheiden sie bei strittigen Fragen (11.1–18; 15.4–29; 21.18–25). Die Apostel nehmen zudem den Erlös der verkauften Güter entgegen (4.35–5.2). Die Zeugen wirken indes nicht nur an Aufbau und Wachstum der Ekklesia mit, sondern sind zugleich selbst in sie eingebunden und ihr gegenüber verantwortlich (vgl. etwa 13.1–3; 14.26–7).Footnote 48 Ihr Tun ist von der Ekklesia nicht zu trennen: Es ist ein Dienst, den die Zeugen für sie und in ihr erfüllen.
(5) Ähnlich wie ihren Kyrios zeigt Lukas auch die Zeugen Jesu in all ihrem Wirken einzeln und in Gemeinschaft wiederholt betend.Footnote 49 Dabei bleibt das Gebet keine einseitige Kommunikation. Vielmehr wird in der Regel unmittelbar eine Reaktion des Himmels geschildert: Das einmütige Verharren im Gebet mündet in das Pfingstereignis (1.13–14; 2.1–4). Der Kyrios tut nach dem Gebet der versammelten Brüder seinen Willen kund, indem das Los auf Matthias fällt (1.24–6). Dem Gebet der Gemeinde nach der Freilassung von Petrus und Johannes folgt die himmlische Bestätigung im theophanen Erdbeben, in der Ausgießung des Heiligen Geistes und der erbetenen Verkündigung des Wortes mit allem Freimut (4.23–31; vgl. zudem 16.25–6).Footnote 50 Das anhaltende Gebet der Gemeinde für den gefangengesetzten Petrus erfährt Erhörung, indem dieser durch den Engel befreit wird (12.3–17).Footnote 51 Bei den zwei letzten Gebetsrufen des sterbenden Stephanus bleibt eine derart ausdrückliche Antwort des Himmels zunächst aus (7.59–60). Das zuvor Geschehene führt jedoch beim Leser zur Überzeugung, dass diese Bitten ebenfalls erhört werden. Ähnlich bekommt die Ankündigung von Paulus, er wolle zu Gott beten, dass nicht nur sein Gesprächspartner Agrippa, sondern alle seine Zuhörer über kurz oder lang Christen würden, einen verblüffend selbstsicheren Charakter (26.29). Insgesamt stellt ihr Gebet die Zeugen in eine Linie mit den großen Betern der Heilsgeschichte Israels bis hin zum betenden Kyrios.Footnote 52
(6) Die vertikale Verbindung wird indes nicht nur seitens der Jünger gepflegt, sondern ebenso von himmlischer Seite gehalten: Den Zeugen werden Visionen, Auditionen, nächtliche Traumgesichter und Engelserscheinungen zuteil (1.10–11; 5.19–20; 7.55–6; 8.26; 9.13–17; 10.10–16; 12.7–10; 16.9–10; 18.9–10; 23.11; 27.23–4). Weitere Adressaten sind darüber hinaus lediglich der Hauptmann Cornelius, der sich durch seine gottesfürchtige, fromme Haltung dafür qualifiziert, und der Prophet Agabus. Die Zeugen erscheinen dadurch als privilegierte Kommunikationspartner des Himmels. Gleichzeitig wird ihr Handeln relativiert: Die Initiative liegt bei ihrem Kyrios, der selbst der eigentliche Souverän im Hintergrund ist.Footnote 53
(7) Schließlich treten die Zeugen in den Misshandlungen und Verfolgungen, die sie erleiden, weniger aktiv denn passiv in Erscheinung. Regelmäßig sehen wir sie in Konflikte verwickelt. Nicht selten bewirken Verfolgungen einen Ortswechsel. Die Palette dessen, was die Zeugen erleiden, reicht von Schlägen und Peitschenhieben bis zu Steinigung und Tod durch das Schwert. Leiden und Bedrängnisse werden gar mit δεῖ als notwendig gekennzeichnet (9.16; 14.22; vgl. ferner 27.44). Die Auseinandersetzungen mit Gegnern haben außerdem Gerichtsprozesse und Verhöre vor diversen Obrigkeiten zur Folge (4.1–22; 5.27–32; 6.12–7.58; 18.12–17; 22.30–23.10; 24.1–22; 25.6–12; 25.23–26.32). Analog nehmen die Verteidigungsreden einen großen Raum ein und die Zeugen legen vor jüdischen wie paganen, religiösen und staatlichen Autoritäten freimütig Bekenntnis ab.Footnote 54 Stets aber sind nicht die Boten selbst Ursache für ihre Verfolgung, sondern die Botschaft, die sie verkünden. Wiederholt kommt es zu Inhaftierungen durch verschiedene Obrigkeiten (4.3; 12.3–6; 21.33–22.30 u.ö.). Gerade hier verbindet sich mit der irdischen Verfolgung der himmlische Beistand bis hin zur wundersamen Befreiung: In beinahe ironischer Weise wird etwa erzählt, wie Petrus, bislang einer der führenden Handlungsträger, nun vom Engel aus dem Gefängnis geführt wird (12.7–11).Footnote 55 Es zeigt sich: Nicht einmal eine Gefangennahme kann die weitere Verkündigung behindern (5.17–25; 16.23–33), sie trägt vielmehr zum Wachstum des Wortes bei. Nicht zuletzt an Paulus und Stephanus lässt sich wahrnehmen, wie die erlittenen Misshandlungen und Verfolgungen die Hauptfiguren als Zeugen Jesu charakterisieren, die ihm auch im Leiden nachfolgen.Footnote 56
In allen Handlungsfeldern wird deutlich: Es ist die Beziehung der Jünger zu ihrem Kyrios, die ihr Zeugensein begründet, motiviert und lenkt. Dieses entfaltet sich in ihrem missionarischen Wirken nach außen und im Wirken innerhalb der Ekklesia, ohne selbst durch die hervorgerufenen Widerstände behindert werden zu können, da der Kyrios seinen Zeugen bleibend zur Seite steht.
Um den Figuren stärker Kontur zu verleihen, nutzt Lukas ferner die Mittel der σύγκρισις. In ähnlichen Situationen, Handlungen und Reden sowie durch Namensgleichheiten stellt er sie Jesus, Gegenspielern und einander an die Seite und gegenüber.Footnote 57 Im Vergleich mit Jesus zeigt sich einerseits Kontinuität: Die Zeugen setzen Jesu Predigt- und Wundertätigkeit sowie seine Wanderschaft fort und erleiden wie er Verfolgung und Misshandlung bis hin zum Tod. Andererseits werden gerade in diesen Parallelen Unterschiede bemerkbar: Jesus selbst, genauer: sein Tod und seine Auferstehung, wird zum zentralen Verkündigungsgegenstand der Zeugen, sie wirken die Wunder nicht in eigener Vollmacht, sondern im Namen Jesu; selbst das Leiden geschieht „um seines Namens willen“ (Apg 5.41; 9.16; 21.13; vgl. Lk 21.12–19). Zu all ihrem Tun sind sie letztlich beauftragt worden. Die Parallelen zwischen den Zeugen, besonders auffallend bei Petrus und Paulus, stellen sie gemeinsam in diese Nachfolge, während individuelle Unterschiede zurücktreten. So wird die Kontinuität von Gottes Handeln an seinem Volk und in der werdenden Ekklesia deutlich.Footnote 58 Die auftretenden Gegenspieler wie Simon Magus, Elymas oder die selbsternannten Exorzisten dienen schließlich als Negativfolie. Sie zeigen, dass das gesamte Wirken der Zeugen auf ihrer Beziehung zum Kyrios basiert, als dessen Diener und Werkzeuge diese handeln und unterwegs sind.
Wie wir sahen, erweisen sich die Zeugen weniger als aktiv Handelnde denn als Geführte. Durch himmlische Interventionen – sei es durch ein Erscheinen des Kyrios, die Leitung durch den Geist, ein nächtliches Traumgesicht, Visionen oder Engel – werden an entscheidenden Stellen die Ereignisse gelenkt und vorangetrieben.Footnote 59 Dies gilt namentlich für den Missionsverlauf. Im letzten Drittel der Apostelgeschichte greift der Himmel allerdings seltener direkt in das Geschehen ein. Dies mag zwei Gründe haben: Zum einen ist die Reiserichtung bereits klar: nach Rom. Zum anderen tritt die ausdrückliche Verankerung der Gefangenschaftsreise des Paulus im göttlichen Plan umso stärker hervor: (a) Die variierenden Rückblenden auf die Erscheinungen des Auferstandenen verankern die bevorstehende, mit Leiden verbundene Sendung bereits in der Berufung des Paulus (vgl. bes. Apg 22.14–21; 26.16–18 sowie 9.15–16). (b) Das stets wiederkehrende δεῖ macht von 19.21 an die Reiseroute klar. Gerade wenn diese gefährdet scheint, ruft es die providentia Dei wieder in Erinnerung (23.11; 25.10; 27.21, 24, 26).Footnote 60 (c) Mit Schiffbruch und Schlangenbiss überlebt Paulus zwei Ereignisse, die in der Antike zum typischen Straftod zählen. In ironischer Weise verbinden die maltesischen Barbaren das Geschick des Paulus mit der Tyche; der Leser dagegen sieht dahinter den Kyrios, der seinen Zeugen bewahrt.Footnote 61 (d) Diverse Verheißungen finden durch die Romreise Erfüllung (vgl. Lk 2.30–5; Apg 1.8; 9.15–16 mit 22.15, 21 und 26.16–28; 13.14 mit Lk 2.32).Footnote 62 In all dem wird erkennbar: Nicht Intrigen noch römische Staatsmacht noch irgendwelche Zufälligkeiten sind die Ursache, dass Paulus als Gefangener nach Rom gelangt. Der Kyrios selbst hat die Fäden in der Hand und sorgt für die Erfüllung der Verheißungen (vgl. Apg 23.11; 27.24).Footnote 63
2.3 Stabwechsel
Mit dem Aufbegehren der Hellenisten in der wachsenden Jerusalemer Urgemeinde und der Einsetzung des Siebenerkreises durch die Apostel setzt eine spürbare figurale und räumliche Dynamik in der Apostelgeschichte ein. Sie gleicht einem Staffellauf, bei dem der Stab des Evangeliums zwischen den Zeugen weitergereicht wird, wodurch die Verkündigung immer weitere Kreise zieht. Die Stabübergabe bilden punktuelle Begegnungen ansonsten meist alternativer Figuren oder Figurengruppen, die der Beauftragung zu einem neuen Dienst bzw. dessen Legitimation dienen. Insbesondere Barnabas, Stephanus, Philippus, Jakobus und Johannes Markus haben eine gewisse Scharnierfunktion zwischen den Episoden und deren Protagonisten inne.Footnote 64
Nachdem der Staffelstab aus der Hand der bislang als Hauptfiguren agierenden Apostel an Stephanus übergeben wurde (6.1–8), bildet sein Martyrium mit der anschließenden Verfolgung die entscheidende Initialzündung für die räumliche Ausbreitung des Evangeliums in zwei Etappen. Dazwischen schiebt sich der Beginn der Heidenmission:
(1) Die erste Etappe wird durch die Zerstreuung der Jerusalemer Gemeinde eröffnet (8.1–4), die die Ausbreitung des Zeugnisses nach Judäa und Samaria nach sich zieht (8.5–40; 9.31). Als wütender Verfolger des Weges wird ausschließlich Saulus in Detailaufnahme gezeigt (8.3; 9.1–2). Entsprechend schließt sich der erste Kreis, nachdem das Eingreifen des Kyrios aus ihm einen fortan ebenso eifrigen Verkünder gemacht hat und der nun selbst verfolgte Saulus nach Tarsus geschickt worden ist (9.3–30). Die anschließende Wachstumsnotiz hat bilanzierenden Charakter: Die Ekklesia erfreut sich in allen Gebieten, in die sie sich dank der Zerstreuung ausgebreitet hat, des Friedens, wird weiter erbaut und vermehrt (9.31).
(2) Vor der zweiten Etappe tritt Petrus wieder ins Rampenlicht (9.32–11.18).Footnote 65 Nach vorne ist die Petrusepisode, wenngleich durch den Szenenwechsel eher lose, mit der ersten Samariamission verbunden. Nach hinten ist sie durch einen erneuten erzählerischen Schnitt nicht unmittelbar mit dem weiteren Erzählverlauf verknüpft. Die Corneliusepisode, bei der der Kyrios die erste ausdrückliche Taufe eines Heiden initiiert, bildet aber dessen notwendigen Hintergrund: Beim Apostelkonvent wird sie dementsprechend legitimierend in Erinnerung gerufen (15.7–11, 14).
(3) Ausgangspunkt der zweiten Etappe, mit der neben Jerusalem Antiochia zum Zentrum wird, ist erneut die Zerstreuung nach dem Tod des Stephanus (11.19; vgl. 8.4).Footnote 66 Die punktuell verbundenen Episoden gehen fließend ineinander über, sodass diese Etappe gewissermaßen offen endet; die Wachstumsnotizen (12.24; 16.5) setzen allerdings Zäsuren.Footnote 67 Nachdem verschiedene Zeugen einander im Wechsel den Staffelstab weitergereicht haben, begleitet der Leser schließlich an der Seite von Paulus das Evangelium auf seinem Weg in die Welt.Footnote 68
Wiederkehrende Elemente im gesamten Abschnitt (6.1–16.5) sind Sendung, Beauftragung und Legitimation durch die Gemeinden in Jerusalem und Antiochia, das Eingreifen des Kyrios durch Visionen, Engel und den Geist sowie die wiederholten Wachstumsnotizen. Die Verkünder des Evangeliums werden so als Gesandte gezeichnet, während die Initiative bei der Ausweitung der Verkündigung beim Kyrios liegt. Bei Petrus und Cornelius ist dies offensichtlich. An Stephanus und Saulus wird es auf subtilere Weise gleichermaßen erkennbar: Das Gebet des Stephanus für seine Verfolger zeitigt Früchte. Nicht nur die spätere Verkündigung von Saulus trägt zur Verbreitung des Evangeliums bei, sondern bereits seine Verfolgertätigkeit: Der verursachten Zerstreuung ist sowohl die Ausbreitung nach Samaria als auch über den judäischen Raum hinaus zu verdanken. Der Kyrios bedient sich des Saulus tatsächlich von Anfang an als auserwähltes Werkzeug, um seinen Namen vor Nationen, Könige und die Söhne Israels zu tragen (vgl. 9.15).Footnote 69 Die wiederholten Wachstumsnotizen (6.7; 9.31; 12.24; 16.5; ferner: 19.20) lenken ebenfalls den Blick von den Verkündern weg: Gerade nach krisenhaften Veränderungen konstatieren sie das unaufhaltsame Wachstum von Gotteswort und Ekklesia. Das aus der Exodustradition bekannte Motiv stellt die Kontinuität zum Gottesvolk heraus (vgl. Apg 7.17) und hebt zugleich die göttliche Initiative hinter diesem Wachstum hervor.Footnote 70 Verstärkt wird dies durch die himmlischen Interventionen, die jeweils bald darauf eine neue Etappe einleiten (7.55–6; 10.3–6, 10–16; 13.2; 16.6–10; subtiler: 19.21).
2.4 Abgang von der Erzählbühne
In der antiken Rhetorik sind unter anderem Nachruhm, bleibende Werke, die jemand nach seinem Ableben hinterlässt, und offizielle Ehrungen wichtiger Bestandteil der loci a persona (vgl. Quint., inst. 3,7,10–11). Dieses Element scheint bei den Zeugen Jesu in der Apostelgeschichte relativiert: Ähnlich dem ersten Auftreten gestaltet sich auch ihr Abgang von der Erzählbühne ganz verschieden. Fast wirkt es, als schöpfe der Erzähler das ganze Repertoire möglicher Bühnenabgänge aus, vom unbemerkten Abgang (1) über den falschen Abgang (2) und den ausdrücklichen bzw. inszenierten Abgang (3) bis zum ausbleibenden Abgang (4):
(1) So unbemerkt, wie einige Aktanten die Erzählbühne betreten, verlassen manche sie wieder: Matthias tritt ausschließlich bei seiner Nachwahl ins Rampenlicht – nur um danach in der Gruppe der Apostel zu verschwinden (1.26). Die Apostelschar taucht zuletzt beim Apostelkonvent auf und macht mit dessen Ende einen unbemerkten Abgang (15.4–29). Ähnlich wie mit Matthias verhält es sich mit Johannes, der an der Seite von Petrus in den ersten Kapiteln aus der Gruppe der Apostel hervortritt, dann unspektakulär das Scheinwerferlicht verlässt (8.25) und in die Apostelschar zurückkehrt. Zusammen mit dieser verlässt er schließlich ebenso unbemerkt die Erzählbühne (15.4–29). Hananias wiederum wird zwar in prägnanter Form eingeführt und vorgestellt, verschwindet aber nach seinem Auftritt so unauffällig wie die anderen (9.17) und findet nur mehr in einer Rückblende Erwähnung (22.12–16). Gerade an diesen Beispielen wird eine deutliche Relativierung spürbar: Die Aktanten, die hier leise die Bühne verlassen, stehen augenscheinlich nicht im Mittelpunkt des Erzählinteresses.Footnote 71
(2) Von einem „falschen Abgang“ kann man bei Philippus sowie in gewisser Weise beim Herrenbruder Jakobus sprechen (8.39–40; 15.4–29). Nach dem unbemerkten Abtreten anderer Figuren rechnet der Leser nicht mit einem erneuten Auftritt. Alle zwei haben jedoch einen erneuten, kurzen Auftritt, als Paulus seiner Gefangennahme in Jerusalem entgegenreist (21.8–9, 18–25).Footnote 72 Damit scheint ihre Funktion im Erzählverlauf allerdings erfüllt und auch sie verlassen ohne großes Aufsehen – nunmehr endgültig – die Szene.
(3) Bei einigen Figuren wird der Abgang von der Erzählbühne – mit unterschiedlichen Varianten – ausdrücklich geschildert. Dies geschieht etwa bei Barnabas, der sich zusammen mit Johannes Markus ausdrücklich von Paulus trennt und nach Zypern aufbricht (15.39). Jakobus, der zweite Zebedäussohn in der Apostelschar, wird nur an einer Stelle aus dieser hervorgehoben: bei der Notiz über seine von „Herodes“ Agrippa I. veranlasste Hinrichtung, die aber ansonsten nicht näher ausgeführt wird (12.2). Das Martyrium des Stephanus wird dagegen detailliert dargestellt und lässt ihn auf den Kyrios transparent werden (7.57–8.2). Zudem wird im Erzählverlauf dreimal erneut darauf rekurriert (11.19; 22.20; 26.10). Bei beiden ist selbst das Sterben Teil ihres Zeugnisses für Jesus. An ihnen wird erkennbar: Das Wachstum des Wortes wird nicht behindert, wenn Jesu Zeugen wechseln und sterben, es breitet sich stattdessen umso mehr aus.Footnote 73
Auch bei Petrus wird der Abgang von der Erzählbühne mit seiner Befreiung aus dem Gefängnis (12.3–17) richtiggehend inszeniert.Footnote 74 Durch den erneuten Auftritt beim Apostelkonvent (15.7–11) scheint dieser als falscher Abgang gekennzeichnet, dem schließlich ein unbemerktes Verschwinden wie bei den übrigen Apostel folgt. Aber der kurze Auftritt ähnelt eher einer Rückblende: Petrus ruft ausschließlich die Taufe des Cornelius in Erinnerung (ohne dass dieser namentlich erwähnt würde); die Sprecherrolle im Kreis der Ältesten und Brüder ist bereits auf Jakobus übergegangen.Footnote 75 Petrus hat seinen Dienst getan; seinem weiteren Verbleib schenkt der Erzähler keine Aufmerksamkeit.
(4) Paulus ist bis zum Ende auf der Erzählbühne. Er verlässt sie nicht im eigentlichen Sinn: Die Scheinwerfer gehen gewissermaßen aus, während er auf der Bühne bleibt und nur mehr die Erzählerstimme aus dem Off zu hören ist (28.30–1).Footnote 76 Die Rede in Milet hat sein kommendes Schicksal bereits hinreichend verdeutlicht (20.17–38), doch in Szene gesetzt wird es nicht mehr.Footnote 77 Nicht das irdische Ende des Paulus steht im Mittelpunkt des Erzählinteresses, sondern die ungehinderte, freimütige Verkündigung des Evangeliums. Dies verbindet ihn mit den anderen Zeugen, so unterschiedlich ihr Abgang jeweils geschildert wird: Am Ende tritt jeder der Zeugen hinter der Botschaft, die sie verkünden, zurück.Footnote 78
3. Protagonisten der Apostelgeschichte?
Wie steht es also um die Zeugen Jesu als Protagonisten der Apostelgeschichte? Gemäß heutigem Sprachgebrauch lassen sich die von Jesus geführten Zeugen durchaus als Protagonisten bezeichnen, wenngleich sie es im eigentlichen Wortsinn nicht sind. Die Zahl der Zeugen, ihre Einführung, Charakterisierung, der Wechsel zwischen ihnen und ihr Abgang von der Erzählbühne weisen darauf hin, dass sie als Erzählmittel dienen, statt im Mittelpunkt des Erzählinteresses zu stehen. Die Rolle der Zeugen lässt sich mit den gewonnenen Einsichten in dreifacher Hinsicht näher bestimmen:
(1) Relativierung: Am ersten und letzten Auftritt der Zeugen Jesu sowie am Wechsel zwischen ihnen zeigt sich eine Relativierung der Bedeutung jedes Einzelnen. Selbst die biographischen Details bei Paulus sind rhetorisch eingebunden und lassen kein explizites Interesse daran erkennen. Ähnliches gilt vom Tod des Stephanus und des Apostels Jakobus: Ihre Rolle wird eher relativiert, statt dass sie gegenüber den anderen Zeugen eigens herausgehoben würden. Die lapidare Notiz bei Jakobus wirkt fast desinteressiert. Bei beiden geht die Erzählung anschließend ohne sie weiter. Hier wie beim sonstigen Figurenwechsel ist mit der Relativierung eine gewisse Ersetzbarkeit wahrnehmbar.
(2) Funktionalität: Es kommt weniger auf die einzelnen Zeugen an als vielmehr auf die Funktion, die sie alle einnehmen. Die Beziehung zum erhöhten Kyrios und ihr Zeugnis für ihn sind es, welche die Rolle seiner Zeugen wesentlich bestimmen. Ihr Handeln erstreckt sich in einer expansiv nach außen und einer konsolidierend nach innen gerichteten Wirksamkeit (vgl. 2.2).
(3) Transparenz: Durch ihre Tätigkeit – besonders die manchmal verblüffende Passivität, ihr Leiden und die Parallelen zu Jesus – werden Jesu Zeugen auf den transparent, den sie bezeugen und verkünden. Vordergründig stehen sie im Rampenlicht. Doch im Zentrum hinter ihnen befindet sich Jesus.
Indem die Zeugen Jesu in ihrer Bedeutung relativiert werden, ganz auf ihre Funktion ausgerichtet erscheinen und auf Jesus hin transparent werden, verweisen sie mit ihrer gesamten Rolle auf den erhöhten Kyrios: Auf ihn laufen sämtliche Linien zu. So sind nicht Jesu Zeugen die eigentlichen Hauptfiguren der Apostelgeschichte, sondern Jesus selbst, der zur Rechten des Vaters erhöht weiterhin die Fäden in der Hand hält und die irdischen Geschicke lenkt. Die Boten des Evangeliums dagegen erweisen sich als Werkzeuge des Kyrios. Die theologische Grundidee hinter der lukanischen Darstellung der Zeugen Jesu ist damit dem paulinischen Apostolatsverständnis erstaunlich nahe.