In den verschiedenen kanonischen Evangelien tauchen die von Jesus Erstberufenen nicht immer in der gleichen Reihenfolge auf und sie scheinen auch unterschiedliches Gewicht zu besitzen. Fest verankert ist in der synoptischen Tradition die Berufung der ersten vier Jünger Jesu: Petrus, sein Bruder Andreas, Jakobus und sein Bruder Johannes (Mk 1.16–20 par. Mt 4.18–22; vgl. Lk 5.1–11 ohne Andreas). In den Apostellisten taucht dann an fünfter Stelle Philippus auf (Mk 3.18; Mt 10.3; Lk 6.14; Apg 1.13).
Werfen wir unseren Blick auf das Johannesevangelium, so fallen uns deutliche Unterschiede auf. In der Erzählung von der Berufung der ersten Jünger Jesu in Joh 1.35–51 fehlen die Zebedäussöhne Jakobus und Johannes (in dem freilich viele Autoren den ungenannten Jünger von Joh 1.40 sehen oder vermuten).Footnote 1 Petrus kommt erst auf die Botschaft seines Bruders Andreas hin zur Begegnung mit Jesus und Philippus gehört zu den von Jesus Erstberufenen, vor Natanaël, der in den Synoptischen Evangelien fehlt. Wie sind diese Unterschiede zu erklären?
Die Antwort auf unsere Frage ergibt sich erst im Blick auf das gesamte Johannesevangelium. Es lässt sich zeigen, dass Andreas und Philippus für den Evangelisten und seine Gemeinde offenbar eine herausragende Bedeutung besaßen, die sich von den Berufungsgeschichten an auf den Evangelientext ausgewirkt hat. Am deutlichsten kommt die Rolle der beiden Apostel in einem Text zum Ausdruck, der vom Kommen von Griechen zu Jesus berichtet (Joh 12.20–36). An dessen Anfang wird berichtet, dass sich diese Griechen (wohl Gottesfürchtige aus der Diaspora) an Philippus und Andreas wendeten, um Jesus zu sehen (Joh 12.20–2). Die beiden Apostel sind offenbar für die griechischsprachige Lesergemeinde des Johannes von großer Bedeutung, wohl deshalb, weil sie aus dem von hellenistischer Kultur und Sprache beeinflussten Betsaida in Galiläa östlich vom Jordaneinfluss kamen. Liest man von hier aus rückwärts, wird auch die Eigenart der Berufungserzählung von Johannes verständlich. Sie wirkt sich dann auch im weiteren Verlauf des Vierten Evangeliums aus. So ergibt sich für diesen Beitrag die folgende Struktur: wir untersuchen zunächst das Kommen der Griechen zu Jesus und die Rolle von Andreas und Philippus in dieser Szene (1). Dann wenden wir uns der Berufungserzählung in Joh 1.35–46 zu (2). Es schließt sich ein Text aus den johanneischen Abschiedsreden an, in dem Philippus als Sprecher des Jüngerkreises genannt wird (3). Das gewonnene Bild bestätigt sich bei einem Blick auf die Brotvermehrungsgeschichte in Joh 6.1–14 (4). Die erreichten Ergebnisse können dann abschließend zusammengefasst werden (5).
1. Philippus und Andreas führen Griechen zu Jesus (Joh 12.20–2)
Im Johannesevangelium findet sich eine Szene, die in den synoptischen Evangelien keine Parallele besitzt. In ihr kommen einige Griechen zu Philippus und Andreas mit der Bitte, Jesus zu sehen.Footnote 2 Diese gehen auf ihre Bitte ein und führen diese Griechen dann zu Jesus. Dieser sieht mit dem Kommen der Griechen auch seine letzte „Stunde“ gekommen und spricht von seiner bevorstehenden Verherrlichung. Er wird bei diesem Gedanken erschüttert, doch eine Stimme vom Himmel erschallt und kündigt ihm seine künftige Verherrlichung an. In einem Dialog mit der anwesenden Menge kündigt Jesus seine künftige Erhöhung an. Das Ganze schließt mit einem Aufruf, jetzt den Augenblick des Glaubens nicht zu versäumen (Joh 12.20–36).
Ort und Zeit des Geschehens sind Jerusalem und das bevorstehende Pesachfest. Zu ihm strömen Pilger aus dem ganzen östlichen Mittelmeerraum nach Jerusalem, um am Fest teilzunehmen, nicht nur Juden und Proselyten, sondern auch Gottesfürchtige, die sich zur Gebets- und Gottesdienstgemeinschaft Israels zählen. Sie dürften mit den „Griechen“ unseres Textes gemeint sein. Stammten sie doch aus dem griechischsprachigen Kulturraum des Mittelmeers. Für den Evangelisten Johannes ist wie schon für die Synoptiker vor ihm das Heil der „Heiden“ an Tod und Auferstehung Jesu gebunden. Das zeigt sich nicht nur bei Matthäus (vgl. Mt 28.16–20), sondern etwa auch bei Markus, der vom Glaubensbekenntnis des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz Jesu im Augenblick seines Todes berichtet (Mk 15.39). So kann Jesus in unserem Text angesichts der Ankunft der Griechen dann auch vom Kommen seiner „Stunde“ sprechen (Joh 12.23).
Genau genommen spricht Jesus nicht vom Kommen seiner „Stunde“, sondern von der „Stunde, in der der Menschensohn verherrlicht werden soll“. Hier stoßen wir auf den charakteristischen Sprachgebrauch des Vierten Evangeliums. Jesu „Verherrlichung“ und „Erhöhung“ durchziehen wie ein roter Faden das ganze Evangelium (vgl. für die „Verherrlichung“ Jesu Joh 7.39; 8.54; 11.4; 12.16, 23; 13.31–2; 16.14; 17.1, 10; für seine „Erhöhung“ Joh 3.14; 8.28; 12.32, 34). Gerade die drei Stellen von der „Erhöhung“ Jesu bzw. des Menschensohnes lassen an die drei Leidens- und Auferstehungsankündigungen Jesu bei den Synoptikern denken (vgl. Mk 8.31; 9.31; 10.33–4 par.). Fragt man nach dem alttestamentlich-jüdischen Hintergrund der johanneischen Rede von der „Erhöhung“ und „Verherrlichung“ des Menschensohnes, so wird man auf den Beginn des Vierten Gottesknechtsliedes bei Jesaja (Jes 52.13 LXX) geführt, wo es heißt: Ἰδοὺ συνήσει ὁ παῖς μου καὶ ὑψωθήσεται καὶ δοξασθήσεται σφόδρα. Anscheinend hat der Vierte Evangelist den Menschensohntitel beibehalten, ihm aber die Attribute des Gottesknechtes bei Jesaja zugeschrieben. Damit öffnet sich das Tor zu seiner charakteristischen Christologie, die auch den Abschnitt Joh 12.20–36 bestimmt (vgl. die „Verherrlichung“ Jesu in Joh 12.23 und die des Vaters durch ihn in 12.28, seine „Erhöhung“ in Joh 12.32, 34).
Es hat den Anschein, dass auch das „Sehen“ Jesu durch die Griechen seinen Vorläufer und seine Vorlage im Vierten Gottesknechtslied hat. In Jes 52.15 MT heißt es von den Völkern und ihren Königen, dass sie etwas sehen würden, was sie noch nie gesehen hätten, und etwas hören, was sie noch nie gehört hätten. Die Septuaginta hat das Relativpronomen ʼašer anscheinend nicht auf die gesehenen oder gehörten Dinge, sondern auf Menschen bezogen, die noch nicht gesehen und gehört hatten. Das ergibt dann den Text: ὅτι οἷς οὐκ ἀνηγγέλη περὶ αὐτοῦ, ὄψονται, καὶ οἳ οὐκ ἀκηκόασιν, συνήσουσιν. Offenbar sah hier schon die griechische Diaspora das Kommen neuer Völkerschaften zum biblischen Glauben angekündigt. Dass die älteste Kirche den Gebrauch dieser Septuaginta-Stelle kannte, zeigt sich daran, dass sich Paulus auf sie beruft, wo er der Lesergemeinde in Rom erklären will, warum er noch nicht zu ihr gekommen war: er musste erst den Menschen in Illyrien das Evangelium verkünden (Röm 15.19–21). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Vierte Evangelist an diese Jesajastelle nach der Septuaginta dachte, als er davon sprach, dass Griechen kamen, um Jesus zu „sehen“. Ist doch der ganze Text Joh 12.20–43 vom Jesajabuch her geprägt (vgl. zu den schon genannten Versen hinzu das Zitat von Jes 53.1 LXX in Joh 12.38 sowie den Verweis auf Jes 6.10 in Joh 12.40).
Doch warum sind nun Philippus und Andreas die Wegbereiter zu Jesus? Dies liegt vermutlich an ihrer Herkunft aus Betsaida. Der Vierte Evangelist hebt sie wiederholt hervor, so schon in Joh 1.44: „Philippus war aus Betsaida, dem Heimatort des Andreas und Petrus“. Auch an unserer Stelle in Joh 12.21 vermerkt der Evangelist die Herkunft des Philippus in „Betsaida in Galiläa“. Was Andreas anlangt, so steht diese Aussage in Kontrast zu dessen Beheimatung nach Markus in Kafarnaum, mit seinem Bruder Petrus, mit dem er zusammen wohnt, und den Zebedäussöhnen (Mk 1.29). Da die Szene im Haus der Schwiegermutter des Petrus spielt, liegt es nahe, Kafarnaum als den Wohnort des Petrus nach seiner Eheschließung anzunehmen, wo er mit seinem Bruder Andreas auch Arbeit in der Fischerei fand. Beide könnten durchaus im Sinne der johanneischen Überlieferung ursprünglich aus Betsaida stammen.
Was bedeutet es nun, wenn nach Johannes Andreas und sein Bruder aus „Betsaida in Galiläa“ stammen? Ein Ort Betsaida ist östlich vom Einfluss des Jordan in den See Gennesaret bekannt. Dieser Ort lag streng genommen nicht in Galiläa, sondern in der Gaulanitis, der Tetrarchie des Herodessohnes Herodes Philippus (4–34 n. Chr.) und seiner Nachfolger. Wie schon der aramäische Name („Fischhausen“) nahelegt, gehörte dies Betsaida dennoch zum galiläischen Kulturkreis. C. H. Dodd, der hier eine vorjohanneische Tradition annimmt, weist darauf hin, dass dieselbe Landschaft einmal Gaulanitis, einmal Galiläa genannt werden konnte: „Judas of Gamala (Antiq. 18. 4) is called indifferently Γαυλανίτης (ibid.) and Γαλιλαῖος (ibid. 23).“Footnote 3 H. Thyen vertritt, dass nach dem Tod des Tetrarchen Herodes die beiden Bezeichnungen ohnehin nicht mehr so streng getrennt wurden.Footnote 4 Der Ort Betsaida ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ausgegraben worden, und die Ausgrabungen werden weiter fortgeführt.Footnote 5 Die Ergebnisse zeigen auf jeden Fall eine Stadt, die vom Fischfang, aber auch von griechischer Kultur geprägt war. Gerade diese Tatsache dürfte dazu beigetragen haben, dass die aus ihr stammenden Apostel Andreas und Philippus für den Vierten Evangelisten eine besondere Bedeutung als Brückenbauer zur hellenistischen Diaspora bildeten. Trugen sie doch auch beide griechische Namen, der eine sogar denjenigen des Landesfürsten.Footnote 6 Galiläa besitzt für den Vierten Evangelisten eine besondere Bedeutung als Zielpunkt des Weges Jesu von Jerusalem über Judäa und Samaria in diesen von Jerusalem am weitesten entfernten Landstrich (vgl. Joh 2.13–4.43).Footnote 7
2. Die Berufung des Andreas und Philippus (Joh 1.35–46)
2.1 Kontext und Aufbau
Nach dem Prolog (Joh 1.1–8) schildert uns das Johannesevangelium zunächst das Auftreten des Johannes im Jordantal. Er erscheint hier nicht als der Täufer Jesu, sondern als sein Zeuge. Ein erster Abschnitt in Joh 1.19–34 ist von diesem Thema des „Zeugnisses“ gerahmt (Joh 1.19 und 1.32, 34). Dabei erscheint schon hier ein Zeitschema, das das Geschehen in aufeinanderfolgende Tage gliedert: die Wendung „am folgenden Tage“ findet sich in Joh 1.29 und 1.35, vor 1.43. Mit Joh 1.35 beginnt die Szene der Berufung der ersten Jünger. Johannes weist sie auf den vorbeigehenden Jesus hin und bezeichnet ihn wie schon vorher (1.29) als „das Lamm Gottes“. Daraufhin schließen sich erste zwei Jünger Jesus an und es kommt zu ihrer ersten Begegnung mit Jesus. Auf seine Frage hin, was sie suchten, antworten sie mit der Frage nach seiner Bleibe. Jesus lädt sie zu sich ein und sie bleiben den ganzen Tag bei ihm (Joh 1.35–9).
Erst jetzt wird ein erster Name genannt: der des Andreas, Bruder des Petrus. Er findet „zuerst“ seinen Bruder Simon und verkündet ihm, sie hätten den Messias gefunden. Damit führt er ihn zu Jesus, und der gibt ihm den neuen Namen Kefas/Petrus (Joh 1.41f.). Es gibt hier also eine direkte Berufung durch Jesus an erster Stelle und dann eine indirekte auf die Aussage eines bereits Berufenen hin.
Die gleiche Abfolge findet sich in der folgenden Versgruppe. Jesus findet den Philippus, den er spontan beruft (Joh 1.43–4), und dieser findet den Natanaël, dem er Jesus verkündet. Erneut kommt es dann zu einer persönlichen Begegnung zwischen Jesus und Natanaël (Joh 1.44–50). Damit erweis sich der ganze Abschnitt Joh 1.35–51 als durchaus folgerichtig konstruiert: auf eine direkte Berufung folgt zweimal eine indirekte auf das Zeugnis eines bereits Berufenen hin, wobei Andreas und Philippus die jeweils Erstberufenen sind. Das fällt bereits auf.
2.2 Die Berufung des Andreas (1.35–40)
Es fällt auf, dass die Namen der zuerst von Jesus Berufenen zunächst nicht genannt werden. Einer wird sogar ganz ungenannt bleiben, worüber noch zu sprechen ist. Wichtig ist, wen sie treffen und wie er ihnen begegnet. Jesus ruft nicht unmittelbar in seine Nachfolge, sondern fragt nach dem Begehren der beiden Johannesjünger. Sie suchen offenbar die persönliche Begegnung mit Jesus, und er lädt sie zu sich ein. Der Evangelist vermerkt noch nach langer Zeit, dass es um die zehnte Stunde war. Die Sternstunde.
Erst am Schluss der Szene wird der Name eines der beiden Berufenen genannt: Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Simon Petrus für die Lesergemeinde des Johannes eine bekannte Persönlichkeit war, ja dass er große Geltung besaß.Footnote 8 Gleichwohl bleibt freilich wahr, dass die Nennung des Andreas vor der des Petrus erfolgt und Petrus nur durch seine Vermittlung zu Jesus findet.Footnote 9
Gleichfalls fällt auf, dass der andere mit Andreas Berufene namentlich nicht genannt wird. Es wird immer wieder vorgeschlagen, in ihm den ab Joh 13.23 begegnenden „Jünger, den Jesus liebte“ zu sehen (ebenso wie in Joh 18.15–16), der dann mit dem Zebedäussohn Johannes identifiziert wird.Footnote 10 Doch wird sein Name eben nicht genannt, und gleichfalls fehlt in der johanneischen Berufungsszene der andere Zebedäussohn Jakobus. Das fällt auf und braucht eine Erklärung.
2.3 Die Einbeziehung des Petrus (Joh 1.41–2)
Durch die ganze Szenenfolge zieht sich wie ein roter Faden das Motiv des „Findens“: Andreas „findet“ seinen Bruder Simon Petrus (V. 41), nicht dieser, sondern Jesus „findet“ den Philippus (worüber noch zu sprechen sein wird, V. 43), und Philippus „findet“ den Natanaël (V. 45) und führt ihn zu Jesus. Von Andreas heißt es: „dieser fand zunächst seinen Bruder Simon“. Der griechische Ausdruck πρῶτον verdient wohl den Vorzug vor den alternativen, aber schwächer bezeugten Lesarten πρῶτος oder πρωΐ.Footnote 11 Diese sollen wohl die Schwierigkeit ausräumen, dass als nächstes nicht Andreas, sondern Jesus den Philippus „findet“ (V. 43). Darauf wird noch zurückzukommen sein (s. u. zu V. 43).
Wenn Andreas seinem Bruder Simon sagt: „Wir haben den Messias gefunden“, dann bleibt diese Aussage fast singulär. Dieser Titel begegnet für Jesus nur noch im Dialog mit der Samariterin in Joh 4.25. Für die griechischsprachigen Leserinnen und Leser des Johannes wird er erklärt durch den „Christus“, den „Gesalbten“. Wie Andreas nach nur kurzer Begegnung mit Jesus dazu gekommen sein soll, in ihm den erwarteten Messias zu erkennen, darf man so nicht fragen. Der Vierte Evangelist schreibt sein Evangelium im Rückblick auf das Leben Jesu und im Lichte seiner Verherrlichung. So hat er keine Schwierigkeiten, das Glaubenswissen seiner Gemeinde schon in die ersten Begegnungen mit Jesus hinein zu verlegen. Bei Markus wird es die ganze erste Hälfte des Evangeliums dauern, bis Petrus im Namen aller Jünger Jesus als den Messias bekennt (Mk 8.29).
Andreas führt seinen Bruder Simon also zu Jesus. Dieser schaut ihn an und kündigt ihm einen neuen Namen an: Kefas. Erneut wird der aramäische Ausdruck ins Griechische übersetzt: Petros. Wenn der zugrundeliegende aramäische Ausdruck auch vielleicht an einen kostbaren Stein denken lässt, so verweist der griechische Name des Petros doch auf eine Felsenfunktion des Petrus entsprechend der frühchristlichen Tradition. Die Begegnung Jesu mit Petrus führt also nur zu einer neuen Namensgebung. Der Text berichtet weder von einer ausdrücklichen Berufung des Petrus noch von dessen aufgrund dieser Berufung erfolgten Nachfolge (vgl. dagegen das doppelte ἀκολουθεῖν bei der Berufung des Andreas und seines Mitjüngers in Joh 1.37–8). Der letzte Herausgeber des Johannesevangeliums hat diesen Mangel wohl gespürt und berichtet von einer nachösterlichen Berufung des Petrus in die Nachfolge in Joh 21.22. Hier ist es die Leidensnachfolge des Petrus bis in den Tod. Dem Evangelisten kam es in der Berufungsgeschichte offenbar vor allem auf das Kommen zum Glauben an Jesus und auf die schrittweise Offenbarung seiner Würde in immer neuen Titeln an, nicht auf die Nachfolge als solche. So bilden diese ersten Szenen so etwas wie eine kleine Katechese oder sogar Mystagogie, die zum Glauben an Jesus hinführt.Footnote 12
2.4 Die Berufung des Philippus (Joh 1.43–6)
Die kleine Szene beginnt mit einer Zeit- und Ortsangabe. Der „folgende Tag“ setzt die Zählung von Tagen seit Joh 1.29 fort, die mit der Notiz „am dritten Tag“ in Joh 2.1 ihren Abschluss findet, vielleicht um eine erste Woche im Leben Jesu abzuschließen (in Analogie zur letzten Woche ab Joh 12.1). Die Absicht Jesu, nach Galiläa zu gehen, findet in der anschließenden Szene keine direkte Erfüllung. Schon hier sei vermutet, dass diese Ankündigung etwas mit der Verortung des Philippus in Galiläa zu tun hat. Jesus ist auf dem Weg in das „Galiläa“ des Vierten Evangeliums, das für Entfernung von Jerusalem und Judäa und für die Nähe zu den Heidenvölkern steht.
Dass Jesus nun den Philippus findet, ist aus zwei Gründen erstaunlich. Zum einen hatte es von Andreas in V. 41 geheißen, dass er „zunächst“ seinen Bruder Simon fand. Zum andern schien in Joh 1.35 eine Reihe von Szenen anzufangen, in denen lawinenartig ein Jünger nach dem andern den nächsten „findet“ und ihn zu Jesus führt: Andreas zunächst seinen Bruder Simon und dann, wie man vermuten würde, den Philippus, dieser dann den Natanaël. Aber nach dem Text ist es in V. 43 Jesus selbst, der den Philippus findet. Der Vers selbst fällt auch in der Form aus dem bisherigen Rahmen. Er ist im Sinne der synoptischen Berufungsgeschichten gestaltet: Jesus „sieht“ einen Mann oder zwei und ruft ihn oder sie in seine Nachfolge. Aus diesen Gründen wird immer wieder vorgeschlagen, den Vers 43 als sekundären Einschub anzusehen oder ihn umzuschreiben. So im Anschluss an ältere Autoren schon Rudolf Schnackenburg in seinem Kommentar.Footnote 13 Danach fand eben nicht Jesus den Philippus, sondern Andreas im Anschluss an das πρῶτον von V. 41, und die Absicht Jesu, nach Galiläa zu gehen, wäre dann ebenso sekundär, genauso wie Jesu Ruf an den Philippus zur Nachfolge. Freilich würde dann im Text fehlen, was Andreas dem Philippus mitgeteilt hätte.
Hier wird für die Beibehaltung des überlieferten Textes plädiert.Footnote 14 Auf der anderen Seite bleibt die Beobachtung von der Kettenreaktion, nach der ein Jünger den nächsten findet und dann zu Jesus führt. Ältere Autoren sehen hier eine Schichtung von vorjohanneischer Quelle und Evangelisten oder Evangelist und johanneischer Redaktion.Footnote 15 Die Annahme vorjohanneischer Quellen ist in der Zwischenzeit zu einer Minderheitsmeinung geworden und an ihre Stelle unter dem Einfluss der Leuvener Schule von Frans Neirynck u. a. das Modell getreten, dass Johannes sein Evangelium unter Kenntnis der synoptischen Evangelien und in Auseinandersetzung mit ihnen schreibt. Nicht immer steht freilich diese synoptische Parallelüberlieferung zur Verfügung. Die Abfolge von Jüngern, die einander finden und dann zu Jesus führen, könnte Teil einer vorjohanneischen Überlieferung sein, die der Evangelist zunächst vielleicht übernahm, dann aber abwandelte: nicht Andreas fand den Philippus, sondern Jesus selbst.Footnote 16 Er hätte dann das πρῶτον stehen lassen, wie er sich auch sonst in seinem Text korrigiert. So heißt es in Joh 3.22 dass Jesus nach dem Verlassen Jerusalems mit seinen Jüngern nach Judäa ging und dort taufte. In Joh 4.2 wird diese Aussage zurückgenommen: nicht Jesus taufte, sondern seine Jünger. In Joh 7.8 gibt Jesus bekannt, dass er nicht vorhabe, zum Laubüttenfest zu gehen, in V. 10 tut er es dann doch, wenn auch im Verborgenen. Wir müssen also beim Vierten Evangelisten nicht unbedingt voraussetzen, dass er einen in jeder Hinsicht widerspruchsfreien Text schaffen wollte.
Schreibt man Joh 1.43 dem Evangelisten zu, dann ergibt sich mit der direkten Berufung des Philippus durch Jesus eine Parallele zu derjenigen des Andreas in VV. 35–40. Es sind dann zwei Jünger, die nach unserem Text direkt von Jesus berufen werden: Andreas und Philippus. Die anderen kommen zu Jesus aufgrund des Zeugnisses anderer. Der Evangelist stellt bei der Berufung des Philippus bewusst eine Querverbindung her: „Philippus war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus“ (V. 44). Erneut fällt dabei auf, dass Andreas vor Petrus genannt wird. Wir erinnern uns, dass Petrus ja auch erst auf Hinweis seines Bruders Andreas hin zu Jesus kam. Andreas und Philippus gelten also als die eigentlichen Erstberufenen. Von Jakobus und Johannes fällt kein Wort.
2.5 Rückschlüsse auf Andreas und Philippus
Die Hervorhebung der beiden Apostel bei Johannes lässt verschiedene Erklärungen zu. Grundsätzlich lässt sich unterscheiden zwischen einer Erklärung aufgrund einer nichtsynoptischen Tradition oder durch johanneische Umschreibung der synoptischen Überlieferung. Die beiden Möglichkeiten schließen sich dabei nicht notwendig aus, sondern könnten auch miteinander verbunden werden, wie sich zeigen wird.
Dodd hat das erste Modell vorgelegt. Zu seiner Zeit wurde nicht nur in Großbritannien angenommen, das Johannesevangelium sei ohne Kenntnis der ersten drei Evangelien entstanden. Abweichungen von den Synoptikern gehen dann eher auf eine von den Synoptikern abweichende Tradition zurück. In seinem Werk Historical Tradition in the Fourth Gospel Footnote 17 geht der Cambridger Neutestamentler und Nestor der britischen Johannesforschung solchen Überlieferungen nach. Eine frühe Spur führt nach Ephesus und Kleinasien. Papias von Hierapolis, von dessen früher Kirchengeschichte Fragmente bei Eusebius überliefert sind, berichtet, wie er frühen mündlichen Jesusüberlieferungen bei den „Jüngern Jesu“ nachgegangen sei: „was Andreas oder Petrus gesagt hatte, oder was Philippus, oder was Thomas oder Jakobus, oder was Johannes oder Matthäus, oder ein anderer von den Jüngern des Herrn“ (Eusebius, Hist. eccl. 3.39.4). Hier fällt die Nennung des Andreas vor Philippus auf und dessen Nennung gleich nach Andreas und Petrus. Papias steht hier offenbar für eine kleinasiatische bzw. ephesinische Tradition, bei der Andreas und Philippus in hohem Ansehen standen.
Eine Bestätigung dieser Sicht findet sich in einem anderen von Dodd angeführten Text (bei Eusebius, Hist. eccl. 5.24.2).Footnote 18 Hier spricht Bischof Polykrates von Ephesus zur Zeit des Kaisers Commodus von den μεγάλα στοιχεῖα, die in dieser Provinz gestorben seien, und an erster Stelle „von Philippus von den zwölf Aposteln, der in Hierapolis begraben liegt“. Es wird diskutiert, ob Polykrates hier den Apostel Philippus mit dem gleichnamigen Diakon aus der ersten Gruppe der Sieben (vgl. Apg 6.5) verwechselt hat.Footnote 19 Auf jeden Fall führt er ihn an der angegebenen Stelle als einen der zwölf Apostel auf. So bestätigt sich die kleinasiatische Hochachtung vor Philippus in früher Zeit. Johannes, dessen Evangelium wohl in Ephesus seine Endgestalt fand, könnte diese Tradition gekannt und verwendet haben, zusammen mit der Hochschätzung des Andreas.
Die andere Erklärung für die Vorrangstellung des Andreas und Philippus bei Johannes, die sich mit der oben dargestellten durchaus verbinden lässt, besteht darin, die johanneische Darstellung als eine literarische und theologische Alternative zu der synoptischen vor allem in Mk 1.16–20 par. Mt 4.18–22 anzusehen.Footnote 20 Johannes nimmt sich dabei große Freiheit. Nicht nur die Szenerie ist anders. Die Szene spielt sich nun im Jordangraben ab. Erst im Nachtrag von Joh 21.1–14 wird von einer Begegnung Jesu mit Petrus und anderen Jüngern am See Tiberias und von einem Fischfang in diesem See berichtet. Vor allem fallen die Veränderungen bei den Namen der Erstberufenen auf. Andreas rückt vor Petrus und der letztere wird dann durch seinen Bruder zu Jesus geführt. Philippus erfährt als zweiter eine direkte Berufung durch Jesus und wird dann zum Glaubensboten für Natanaël. Und nicht zuletzt: von Jakobus und Johannes ist mit keiner Silbe die Rede, wie auch im ganzen weiteren Johannesevangelium in seiner ursprünglichen Gestalt. Erst im Nachtragskapitel tauchen sie ohne Namensnennung als „die (Söhne) des Zebedäus“ auf (Joh 21.2). Die Vermutung, Johannes sei mit dem ungenannten Jünger von Joh 1.40 gemeint, weist Dodd mit guten Gründen als Spekulation zurück.Footnote 21 Was der Evangelist nicht gesagt hat, ja vielleicht nicht sagen wollte, sollte man ihn auch nicht sagen lassen. So bleibt es bei der stark von den Synoptikern abweichenden Darstellung der ersten Jüngerberufungen durch Jesus bei Johannes, die durchaus auf kleinasiatische Tradition zurückgehen kann.
3. Philippus in den Abschiedsreden
Dem johanneischen Philippus begegnen wir erneut in der Ersten Abschiedsrede Jesu in Joh 14. Vor ihm wird Thomas als Gesprächspartner Jesu erwähnt.Footnote 22 Nachdem Jesus gesagt hatte, er gehe jetzt fort und komme dann wieder und die Jünger wüssten den Weg dorthin, wohin er ginge, sagt Thomas zu ihm: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14.5). Thomas ist ein weiterer von Johannes geschätzter und herausgestellter Jünger Jesu, auch wenn wir nichts von seiner Berufung erfahren. In Joh 11.16 ruft er alle Mitjünger dazu auf, mit Jesus nach Jerusalem zu gehen und mit ihm zu sterben. In Joh 20 fehlt er zunächst bei der ersten Erscheinung Jesu am Ostertag und verlangt dann von den anderen Jüngern, dass er den Auferstandenen selber sehen und seine Hände und Füße sowie seine Seite berühren könne (Joh 20.25). Bei der Begegnung mit Jesus verzichtet er freilich darauf und legt, ermutigt durch Jesus, das tiefste Glaubensbekenntnis des ganzen Vierten Evangeliums ab: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20.28). Hier haben wir also einen weiteren Vorzugsjünger des Johannesevangeliums.
An seine Seite tritt in Joh 14.8 Philippus. Jesus hatte dem Thomas auf sein Wort hin, er wisse nicht, wohin Jesus gehe, geantwortet, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand komme zum Vater außer durch ihn. Wenn die Jünger ihn kennen würden, würden sie auch seinen Vater kennen. Darauf bittet Philippus: „Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.“ Jesus erwidert ihm, wer ihn gesehen habe, habe auch den Vater gesehen. Die Einführung klingt wie ein leiser Vorwurf: „Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus?“ (Joh 14.9). Ob er nicht glaube, dass Jesus im Vater sei und der Vater in ihm (V. 10). Die Worte Jesu sind wohl nicht als Vorwurf gemeint, sondern als Hinführung des Jüngerkreises und der Lesergemeinde zum Glauben an Jesus. In der Tat hat der ganze Abschnitt Joh 14.4–14 den Sinn, angesichts des Abschieds Jesu darauf hinzuweisen, dass im Glauben die Verbindung mit ihm bleibt.Footnote 23 Philippus steht hier für den Jüngerkreis und die Lesergemeinde, die dies erfassen sollen. So spielt er durchaus eine positive Rolle.
4. Philippus und Andreas in der Brotvermehrungsgeschichte (Joh 6.1–14)
Die Brotvermehrungsgeschichte in Joh 6 entspricht der Vierte Evangelist so stark der synoptischen Tradition (vgl. Mk 6.32–44 par. Mt 14.13–21; Lk 9.10b–17), dass an einer literarischen Abhängigkeit kaum zu zweifeln ist. Das ganze Kapitel Joh 6 folgt der Markustradition (vgl. Mk 6.30–8.33 par.). Vielerlei Gründe führen zu der Annahme, dass es sich in Joh 6 um eine „relecture“ des johanneischen Kontextes handelt. Am Anfang steht ein Paschafest (Joh 6.4), zu dem Jesus nicht nach Jerusalem pilgert. Offenbar wird hier das jüdische Pascha neu interpretiert. Darum auch die eucharistischen Verse in Joh 6.51c–58, die man in Joh 13 vermisst.Footnote 24
Der johanneische Bericht von der Speisung der Fünftausend weist gegenüber der markinischen bzw. synoptischen Vorlage eine Reihe von Abweichungen auf, auf die u. a. Johan Konings aufmerksam gemacht hat.Footnote 25 Zu ihnen gehört, dass Johannes konkrete Namen nennt, wo Markus und seine Seitenreferenten nur von den „Jüngern“ bzw. (Lukas) „Zwölf“ sprechen. Bei den Synoptikern bitten die Jünger Jesus, die Menge zu entlassen, damit sich die Leute Brot kaufen könnten. Jesus fordert sie auf, sie sollten den Leuten zu essen geben, doch diese erwidern, Brot für 200 Denare werde nicht ausreichen, um die Menge zu sättigen (vgl. Mk 6.35–7). Als Jesus fragt, wie viele Brote sie denn hätten, antworten sie mit dem Verweis auf fünf Brote und zwei Fische (V. 38).
Bei Johannes wendet sich Jesus an Philippus mit der Frage, wo sie Brot kaufen könnten, um die Menge zu sättigen. Diese Frage wird von Johannes so gedeutet, dass Jesus den Philippus damit auf die Probe stellen wollte (Joh 6.5–6). Als Philippus antwortet, Brot für 200 Denare werde dazu nicht ausreichen, gibt Andreas den Hinweis, da sei ein Junge, der habe fünf Gerstenbrote und zwei gebratene Fische (VV. 8–9). Damit kann das Wunder seinen Verlauf nehmen. Wichtig ist hier zunächst, dass aus der bei den Synoptikern anonymen Jüngerschar bei Johannes zwei einzelne genannt werden, und zwar eben die, die wir bereits von den zuvor angeführten Textstellen her kennen: Philippus und Andreas (jetzt in dieser Reihenfolge, ähnlich wie in Joh 12.20–2). Dabei wird Andreas ausdrücklich charakterisiert als „Andreas, der Bruder des Simon Petrus“ (V. 8). Für die Brotvermehrung sind also Philippus und Andreas als Vermittler wichtig. Von Petrus wird erst gegen Ende des Kapitels die Rede sein. Er wird dort für den Jüngerkreis den Glauben an Jesus formulieren, nachdem viele Jesus den Rücken gekehrt hatten (Joh 6.68–9).Footnote 26
Die Mittlerrolle des Philippus und Andreas in Joh 6 ist deswegen wichtig, da sie unter Voraussetzung des Relecture-charakters des Kapitels zeigt, dass der johanneische Kreis weiter vom Vorrang dieser beiden Apostel überzeugt war, so sehr, dass er ihre Namen dort nachtrug, wo sie in der Evangelientradition nicht vorgegeben waren. Petrus ist als bekannt, vielleicht als bekanntester Jünger vorausgesetzt, doch taucht er in der Vermehrungsgeschichte nur als Bruder des Andreas auf bzw. eher umgekehrt Andreas als Bruder des Petrus. Die einzigen Gesprächspartner Jesu in der Geschichte sind Philippus und Andreas.
Ein spätes Echo der johanneischen Berufungsgeschichte findet sich zu Beginn von Joh 21, einem Kapitel, das heute zumeist als Nachtrag, Epilog oder „relecture“ des Kontextes angesehen wird. Dort heißt es: „Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen“ (Joh 21.1–2). Es folgt die Geschichte vom Wunderbaren Fischfang, die starke Berührungen mit der Berufung des Petrus nach Lk 5.1–11 aufweist. Im Verlauf der Erzählung tritt erneut der von Jesus geliebte Jünger auf, der den auferstandenen Herrn am Ufer als erster erkennt und die zweite Hälfte des Kapitels zunehmend bestimmt.
Die Geschichte verbindet in eigentümlicher Weise synoptisches und johanneisches Überlieferungsgut. Thomas und Natanaël sind charakteristisch johanneische Gestalten. Petrus gehört auch der synoptischen Tradition an und beherrscht dann die erste Hälfte des Kapitels. Die Söhne des Zebedäus tauchen im Johannesevangelium hier zum ersten und einzigen Mal auf. Sind sie eine Erinnerung an die Berufungserzählung in Mk 1.16–20 par.? Wer den Evangelisten Johannes als den Lieblingsjünger in der Geschichte finden möchte, sieht ihn möglicherweise in einem der beiden nicht genannten Jünger von Joh 21.2.Footnote 27 Doch befinden wir uns hier erneut auf dem Gebiet der Spekulation. Auf jeden Fall halten sich Elemente der johanneischen Berufungsgeschichte bis ans Ende des Vierten Evangeliums und in seine letzte Schicht hinein durch.
5. Ergebnis
Von ihrer Berufung an erfahren die Apostel Andreas und Philippus im Johannesevangelium hohes Ansehen. Sie erscheinen als die ersten von Jesus direkt berufenen Jünger. Andreas tritt dabei sogar an die erste Stelle vor seinem Bruder Petrus. Die Zebedäussöhne Jakobus und Johannes fallen ganz fort. Diese Vorzugsstellung der beiden Apostel wird bekräftigt durch ihre Nennung als Vertraute Jesu und Brücke zur Welt der „Griechen“ in Joh 6.1–14 und 12.20–2. Noch in den Abschiedsreden erscheint Philippus als Gesprächspartner Jesu (Joh 14.8–9). Erst im Nachtragskapitel 21 verschieben sich die Gewichte. Die beiden Apostel treten nicht mehr auf und dafür werden wenigstens unter dieser Bezeichnung die Zebedäussöhne nachgetragen.
Wie erklärt sich die überraschende Sonderstellung des Andreas und Philippus bei Johannes und welchem erzählerischem Zweck mag sie dienen? Immer noch überzeugend wirkt der Hinweis bei Dodd auf die Bedeutung des Andreas und Philippus in frühchristlichen Zeugnissen aus Kleinasien bei Papias von Hierapolis und Polykarp von Ephesus. Wo Papias älteste christliche Überlieferung finden möchte, fragt er vorrangig gerade nach unseren Aposteln, und ähnlich ist es bei Polykrates.Footnote 28 Das verweist auf Kleinasien als Herkunftsland der johanneischen Überlieferung in unserer Frage und wohl auch des Johannesevangeliums auf der Ebene des Evangelisten insgesamt.
Insofern die Leserschaft des Johannesevangeliums gerade auf die Gaulanitis mit Betsaida „in Galiläa“ als Heimat des Andreas und Philippus verwiesen wird, lässt sich auch an den Vorschlag von K. Wengst denken, das Johannesevangelium in der Gaulanitis in der Spätzeit Agrippas II. (53–ca. 93 n. Chr.) entstanden zu denken.Footnote 29 Wengst bringt diesen Vorschlag in seinem KommentarFootnote 30 noch einmal in Erinnerung und hält von ihm vor allem fest, dass in der angegebenen Landschaft eine starke Auseinandersetzung zwischen den christlichen und den nach der Synode von Jamnia konsolidierten jüdischen Gemeinden stattgefunden habe. In der Forschung überwiegt freilich weiter die Ephesus-Hypothese.Footnote 31
Vielleicht wichtiger als die Frage nach dem „warum“ der Vorrangstellung des Andreas und Philippus bei Johannes ist diejenige nach dem „wozu“. Welche Botschaft oder Absicht verbindet sich damit bei unserem Evangelisten? Vielleicht findet diese Frage nicht immer die notwendige Beachtung, da gerade bei der Berufungsgeschichte andere Gesichtspunkte wichtiger erscheinen. Auf der einen Seite fällt die „Kettenreaktion“ auf, mit der ein Jünger dem nächsten von Jesus kündet. Glaube ist also auf Weitergabe angelegt. Sobald man Jesus gefunden hat, soll man ihn auch anderen verkünden.
Ein weiterer Gesichtspunkt erscheint den Auslegern wichtig: Jesus ruft bei Johannes nicht einfach Menschen in seine Nachfolge, ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen. Gerade dies ist bei Johannes anders. Seine erste Frage lautet: „Was sucht ihr?“ (Joh 1.38). Das ist eine Sicht, die über die Zeiten hinweg ihren hohen Wert behält.
Schließlich: durch die Berufungsszenen hindurch wird die Leserschaft zu einem immer tieferen Glaubensverständnis in Bezug auf Jesus geführt. Am Anfang steht nur der „Rabbi“ (V. 38). Als sie in Jesus mehr als nur einen Rabbi gefunden haben, kann Andreas seinem Bruder mitteilen, sie hätten den Messias gefunden (V. 41). Philippus berichtet dem Natanaël, sie hätten „den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben“ (V. 45). Dieser ruft nach der Begegnung mit Jesus aus: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel“ (V. 49). Die Reihe schließt mit der Selbstbezeichnung Jesus als Menschensohn, über dem die Jünger die Engel des Himmels werden auf- und niedersteigen sehen (V. 51). Man kann hier eine Art Gemeindekatechese, ja geradezu Mystagogie sehen, die die Leserschaft Schritt für Schritt in die Tiefe des Geheimnisses Jesu einführt.Footnote 32
Mit all dem ist aber noch nicht die Frage beantwortet, warum und zu welchem Zweck Andreas und Philippus von Anfang an eine solche Vorrangstellung genießen. Hier empfiehlt es sich, noch einmal auf unserem Ausgangstext zurückzukommen. Andreas und Philippus helfen Griechen, um Jesus zu sehen und zu ihm zu kommen (Joh 12.20–2). Dies scheint auch ihre durchgängige Aufgabe im Johannesevangelium zu sein. Sie sind diejenigen, die über die Zeit hinweg Griechen, d. h. Nichtjuden zu Jesus führen und ihn im Licht des Glaubens sehen lassen. Damit stellt sich Johannes neben Markus und Paulus, ja schon Matthäus: Jesus ist gekommen, um allen Völkern das Heil zu bringen, nicht nur den Juden in Israel. Diese Botschaft bleibt zeitlos gültig.