Einleitung
Šaduppûm, das moderne Tall Ḥarmal, ist der Name einer antiken Stadt im Irak, die nördlich der Diyala-Mündung innerhalb der Grenzen des Stadtgebietes von Bagdad liegt. Die Ausgrabungen beweisen, dass die Stadt von einer Mauer umschlossen war und über ein Verwaltungsgebäude, einen Haupttempel und andere kleine Tempel, private Wohnhäuser und Werkstätten verfügte. Šaduppûm gilt als Verwaltungszentrale eines Regierungsbezirks des Staates von Ešnunna. Die Ausgrabungen der Stadt ergaben auch umfangreiche Tafelarchive in einem hervorragenden Erhaltungszustand. Die dort gefundenen Texte erlauben einen wohl einzigartigen Einblick in das soziale und wirtschaftliche Leben des Gebiets von Ešnunna in der altbabylonischen Zeit. Die Präsentation dieses Materials hilft in verschiedenen Punkten, die immer noch lückenhafte Geschichte des Königreiches ergänzen zu können.
Die überwiegende Mehrheit der Texte beschäftigt sich mit agrarischen und landwirtschaftlichen Angelegenheiten. Eine Rekonstruktion der Keilschriftarchive ergänzt damit das Bild bestimmter Aspekte von der gesellschaftlichen und ökonomischen Lebensart der Einwohner Šaduppûms in der altbabylonischen Zeit. Dass die Bedeutung dieser Archive noch nicht vollständig gewürdigt wurde, liegt vor allem daran, dass ein Großteil der Keilschrifttexte, die seit Beginn der archäologischen Untersuchungen ausgegraben worden sind, noch nicht publiziert ist. Bislang wurde nur ein Drittel der insgesamt 3,000 entdeckten Tafeln publiziert und bearbeitet. Diese umfassen verschiedene Gattungen wie Verwaltungsurkunden, Rechtsurkunden, Briefe, Schul- und mathematische Texte, die bis heute nicht nach ihren Archiven kategorisiert und dementsprechend noch nicht im Detail erforscht worden sind. Wie aus den folgenden Daten deutlich wird, würde eine archivalische Studie eine detaillierte Rekonstruktion der thematischen Zusammengehörigkeit der Texte ermöglichen. Der Zweck dieses Artikels ist aber die Veröffentlichung von einem kleinen Teil dieser Texte in Umschrift, Übersetzung und Fotografie.
Die Texte in Umschrift und Übersetzung
1. IM 51569
Maße: 4×3,6×2,5 cm
Fundort: Raum 133, Schicht II, über dem Fußboden der Brandschicht
Inhalt: Abrechnung über Arbeiter und Rinder.

33 Arbeiter (und) 9 Rinder des Tutub-māgir sind auf (dem Schuldkonto des) Ali-ḫaṭ-ilim abgerechnet. Ausgenommen sind die Rohrzerschneider, die noch nicht abgerechnet sind. Monat: Ugulla. 1. Tag. Vor Gurrudum, Sîn-aḫī-iddinam, Bēlšunu, Sîn-i[ddinam].
Kommentar.
Rs. 7: kāsimu „Rohrzerschneider“, s. AHw. 453. Bei van Koppen (Reference van Koppen2001: 469): der kāsimu kann auch der “Jäter” sein, der vor dem Pflügen das Unkraut und andere Pflanzen vom Feld beseitigt.
IM 51569. Photo freundlicherweise vom Irak-Museum zur Verfügung gestellt

2. IM 51280
Maße: 2,2×2,2×1,8 cm
Fundort: Raum 134, Schicht II, Brandschicht
Inhalt: Empfangsquittung

0.2.2.5 Liter Gerste, zur Verfügung des Maskum, Monat: Mammītum, 26. Tag.
IM 51280. Photo freundlicherweise vom Irak-Museum zur Verfügung gestellt

3. IM 51222
Maße: 4,2×3,8×2,2 cm
Fundort: Raum 161, Schicht II
Datum: Ibāl-pī-El II. 8b.
Inhalt: Ausgaben von Gerstenmengen

1.2.0.0 Kor Gerste (für) Silber (für) Adi-ilim-ša-ilim!. 1 (Kor) (für) Ḫuššutum. 2.2.1.0 (Kor Gerste) zur Verfügung von Inbi-Ištar. 0.0.4.0 (Kor) Gerste (für) die Miete von sechs Eseln. Summe: 4.4.5.0 Kor Gerste. Monat: Tamḫīrum, 12. Tag. Jahr, (als Ibāl-pī-El) den Tempel von Enlil erbaute.
Kommentar.
2. Die Deutung des Namens A-di-dingir-ša-dingir bleibt unsicher. Er ist vermutlich zu verbinden mit häufigerem A-di-an und A-di-an-ni-a(m). Die Deutung von A-DI-AN in AbB 7, 3, 1 als Personenname lehnt Kraus (Reference Kraus1977: 3 Anm. 3) ab, bezeichnet es stattdessen als “Kosename”. Es wird wohl doch eine Kurzform zu A-di-an-ni-a(m) sein müssen, wie auch in der Bearbeitung in Archibab gedeutet. adi-anniʾa(m) ist in CAD A/1, 119B s.v. adi A 2g 2′ aufgenommen. Das Element anniʾa(m) bezieht Stol (Reference Stol2000: 214 mit Anm. 68–69) auf das Kind selbst, also “bis zu diesem (Kind),”auch im Feminin belegt als adi-annītim,” könnte aber auch anders gedeutet werden. Trotz der (theologischen) Schwierigkeiten, die mit einer Deutung ilim-ša-ili verbunden sind (bezeugt ist es, z.B., altbabylonisch als Epitheton Sîns), ist adi-ili-ša-ili wohl die bessere Deutung. Man weiß nicht, ob ša dingir zum Namen gehört oder (wohl eher) ein Zusatz ist: Personenname, der zum Gott (= Tempelpersonal) (gehört), vgl.: Ellis Reference Ellis1972: 64, no. 59, 5; Rodinò Reference Rodinò1998: 162, no. 79, 5; cf. Saporetti Reference Saporetti2021a and Reference Saporetti2021b, Turan 8 und 9 unter adi-ili-ša-ili).
IM 51222. Photos freundlicherweise vom Irak-Museum zur Verfügung gestellt

4. IM 51256
Maße: 3,2×3,3×2,2 cm
Fundort: Raum 161, Schicht II
Datum: Ibāl-pī-El II. 8b.
Inhalt: Ausgaben von Gerstenmengen

2.2.4.0 Kor Gerste zur Verfügung von Inbi-Ištar. 1 (Kor) (für) Ḫuššutum. 0.0.3.0 (Kor Gerste) für die Miete von vier Eseln. Summe: 3.3.1.0 Kor Gerste. Monat: Tamḫīrum, 7. Tag. Jahr, (als Ibāl-pī-El) den Tempel von Enlil erbaute.
Kommentar.
Vs. 2-3. Ḫuššutum und Inbi-Ištar werden zusammen in einem anderen Text, IM 51302, in einem ähnlichen Kontext erwähnt. Rs. 7: Einen Überblick über die Jahresdatenformeln in Šaduppûm bietet Hussein Reference Hussein2009: 57–75.
IM 51256 Photos freundlicherweise vom Irak-Museum zur Verfügung gestellt

5. IM 51550
Maße: 4,2×3,5×2 cm
Fundort: R143; Schicht II, obere Brandschicht
Inhalt: Abrechnung über den Empfang von Gerste

1.1.0.0 Kor Gerste (ist) empfangen von Šēlebum (im) Monat dU3.gul.la2, zugehörig zur Gerste des Warad-Tišpak, Sohn des Ašqa-ilī. 1.1.0.0 Kor Gerste (ist) empfangen von Šēlebum auf der Tenne (des) Addašu für ein Schaf.
IM 51550. Photos freundlicherweise vom Irak-Museum zur Verfügung gestellt

6. IM 51329
Maße: 5,5×4,3×3 cm
Fundort: Raum 136, Schicht II; Fußboden, direkt auf der Brandschicht
Datum: Ibāl-pī-El II. 12b.
Inhalt: Abrechnung über den Empfang von Gerste

22.5.1.0 Kor Gerste, zugehörig zu Ochsen und Ausgaben unter der Verantwortung von Izi-dārê, (hat) Tutub-māgir in Empfang genommen. Monat: Kiskissum, 10. Tag. Jahr, als der goldene Pflug (in den Tempel gebracht wurde).
IM 51329. Photos vom Irak-Museum freundlicherweise zur Verfügung gestellt

7. IM 51535
Maße: 5,4×4,7×2,4 cm
Fundort: Raum 109, Schicht II, über dem Fußboden der Brandschicht
Inhalt: Liste der Ausgaben von Gerstenmengen

0.0.2 (Kor) Gerste (für) Ea-iddinam. 0.1.3 (Kor Gerste für) Lipit-Ištar, den sanga-Priester. 0.2.3 (Kor Gerste für) Eribam-Sîn. 0.1.0 (Kor Gerste für) Šamaš-liṭṭul. 0.0.2 (Kor Gerste für) den Sohn des Sîn-māgir. 0.1.0 (Kor Gerste für) Sarriqum. 0.1.0 (Kor Gerste für) Sîn-iqīšam. [x] (Kor Gerste für) Sîn-nā[ṣir]. (Lücke) [x] (Kor Gerste für) Sarriqum. [x] (Kor Gerste für) Šamaš-tappê. 0.1.0 (Kor Gerste für) den Sohn des Šamaš-abu. 0.1.0 (Kor Gerste für) den Sohn des Puzur-Damu. 0.0.0.7 (Kor Gerste für) Lipit-Ištar, den sanga-Priester. 0.0.0.9 (Kor Gerste für) Ali-waqrum. 0.0.0.2 (Kor Gerste für) Inbuša.
IM 51535. Photo freundlicherweise vom Irak-Museum zur Verfügung gestellt

8. IM 51177
Maße: 4×3,5×2,5 cm
Fundort: Planquadrat P11/III, Raum 55, Westecke. Dieser Text wurde zusammen mit anderen Tontafeln – IM 51176 (Hymnus); 51178; 51218; 51543 (Hymnen); 51778; 52162; 52163 – in einem Keramikgefäß gefunden.
Datum: Ibāl-pī-El II. 7a
Inhalt: Gerstedarlehen

Beischriften auf dem unteren Rand:
Abdrücke von Siegelinschrift auf der Vorderseite:

0.3.0 Kor Gerste, zinspflichtiges Darlehen – als Zins wird er ein PI Gerste pro Kor hinzufügen – haben Apil-ilīšu, der Wäscher, und seine Frau Šuḫatum, vom Bēl-gašer-(Tempel) in Empfang genommen. Sie sollen auf der Tenne die Gerste und den Zins dafür darmessen. Vor Erīb-Sîn, dem Sohn des Sîn-erībam, (vor) Adidum, dem Sohn des Idišum. Jahr, als Ibāl-pī-El die goldene Statue, (die ihn im Grußgebet darstellt, herstellte).
IM 51177. Photos vom Irak-Museum freundlicherweise zur Verfügung gestellt

9. IM 51178
Maße: 3,4×3,4×2,2 cm
Fundort: Pq. P11/III, Raum 55, Westecke
Datum: Ibāl-pī-El II. 9.
Inhalt: Gerstedarlehen

4.0.0 Kor Emmer zinspflichtiges Darlehen, abgesehen von dem Wortlaut seiner (früheren) Tafel, - als Zins wird er ein PI pro Kor hinzufügen - hat Gudasum, der Mann aus Atašum, vom Bēl-gašer-(Tempel) (und) von Adidum in Empfang genommen. Er soll auf der Tenne die Gerste und den Zins dafür darmessen. Jahr, in dem Rapiqum zerstört wurde.
Kommentar.
Vs. 2: Vgl. Edzard Reference Edzard1970: 57, no. 27, 9. Rs. 7: Der šakkanakkum „Statthalter, Gouverneur“ der Stadt Atašum wird in einem Text aus Šaduppûm, erwähnt, s. Ellis Reference Ellis1974: 142f., D 23.
IM 51178. Photos vom Irak-Museum freundlicherweise zur Verfügung gestellt

10. IM 54694
Maße: Ø 8 cm
Fundort: Raum 152; Schicht II-III
Inhalt: Linsenförmiger Schultext über Fischsorten.
Zur Zeit wird dieser Text im Slemani Museum im Sulaymaniyah Governorate aufbewahrt.

Dies sind die ersten drei Zeilen des Fischabschnitts des altbabylonischen Ura 4, s. Veldhuis Reference Veldhuis2004: 170. Veldhuis hat auch diese Parallelen im DCCLT bearbeitet, s.: Nippur: N 5209 o i 1–3 (http://oracc.org/dcclt/P228409); Sippar: CT 06, pl. 11-14, BM 092611 c ii 8-10 (http://oracc.org/dcclt/P247863); Ur: UET 7, 92 v 5’-6’, vi 2’(http://oracc.org/dcclt/P247851);
Unsicher: RT 56 r ii 19-221 (http://oracc.org/dcclt/P247855). Vs. 3: Für Ziegen-Karpfen s. Attinger Reference Attinger2023: 1229.
IM 54694 Vorderseite und Rückseite. Photos freundlicherweise vom Irak-Museum zur Verfügung gestellt

Danksagung
Ich möchte mich ganz herzlich bei M. Weeden, W. Sommerfeld und C. Hess für ihre Vorschläge bedanken.